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Hintergrund

Werbung für eine sympathische Sprache

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Der deutschen Sprache geht es gut: Der Wortschatz wächst, das Ansehen steigt. Etwas mehr Leidenschaft dürfte allerdings sein, findet Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts.

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Eine Streitschrift zur "Zukunft der deutschen Sprache" kommt zur richtigen Zeit, denn es ist immer gut, sich der eigenen Sprache, der eigenen Ausdrucksformen, der eigenen Kultur zu vergewissern, aber gestatten Sie mir gleich zu Beginn den Hinweis: Um die Zukunft der deutschen Sprache ist mir nicht bange. Unsere Sprache hat in den letzten Jahren eine beachtliche Aufmerksamkeit und Zuwendung der deutschen politischen und kulturellen Öffentlichkeit, der Feuilletons und der Fachgremien erhalten.

Die deutsche Sprache, die von annähernd 100 Millionen Europäern als Muttersprache gesprochen wird und die noch einmal so viele Menschen als Fremdsprache gelernt haben, ist keinesfalls bedroht. Deutsch ist Amts- und Arbeitssprache der Europäischen Union und zählt zu den zwölf meistgesprochenen Muttersprachen weltweit. Eher befürchtet man, sie müsse vor zu düsteren Untergangsszenarien geschützt werden. Aber es ist mit der Sprache ähnlich wie mit anderen Kulturgütern: Mangelnde Aufmerksamkeit macht sie weniger attraktiv, macht sie weniger reich und ausdrucksstark. Der Status der Sprache sinkt und es reduziert sich das, was man den Ausbau der Sprache nennt. Das Interesse an unserer Sprache kann daher gar nicht groß genug sein.

"Sprache ist der Schlüssel zum Herzen der Menschen"

Das Deutsche ist ein Identitätszeichen für einen Kultur- und Sprachraum, für eine Sprachgemeinschaft. Deutschland war zuerst eine sprachliche und kulturelle Einheit, erst später eine politische. Für mich war deshalb auch die Wiedervereinigung Deutschlands immer zuerst eine kulturelle Leistung, nicht zuletzt auf gemeinsamer Sprache und Geschichte gegründet. Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg hieß in den Fünfzigerjahren und heißt noch heute: werben für Deutschland, für seine Demokratie, seine Kultur und seine wirtschaftliche Kompetenz. Dieses Werben schließt die Förderung der deutschen Sprache ein. Unbestritten ist der Sprachunterricht des Goethe-Instituts die wichtigste Säule unserer Arbeit an knapp 150 Instituten in 82 Ländern und in Deutschland, denn "Sprache ist der Schlüssel zum Herzen der Menschen", wie es ein Stipendiat des Projekts "Irak-Horizonte 2015: Heute säen, morgen ernten" kürzlich sehr poetisch ausdrückte.

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Als Goethe-Institut eröffnen wir nicht nur einen Zugang zur deutschen Sprache, sondern auch zur Kultur und Gesellschaft und fördern die internationale kulturelle Zusammenarbeit außerhalb Deutschlands. "Sprachpuristen" werden einwenden, dass dies immer wieder auch auf Englisch geschieht. Lassen Sie uns fair sein: Die englische Sprache ist die Lingua franca und es geht um Inhalte, die einen ersten Zugang zur Kultur, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft Deutschlands eröffnen und damit auch für die deutsche Sprache werben. Die Kultur Deutschlands ist die Kultur derjenigen, die in Deutschland leben, arbeiten und sich dazu bekennen. Nicht von ungefähr belegen im Film oder in der Literatur Migranten, die in Deutschland inzwischen heimisch geworden sind, Spitzenplätze: Terézia Mora, Feridun Zaimoglu, Ilija Trojanow oder Harun Farocki und Fatih Akin stehen dafür. Offenheit und Zugänglichkeit – wenn wir so deutsche Sprache und Kultur verstehen, haben wir eine gute Chance, uns im Vordenken und Nachdenken zu beweisen.

Sprache als Kulturträger

Noch vor einem Jahr überboten sich die beiden Volksparteien in der öffentlichen Diskussion mit Vorschlägen zur Stärkung unserer Muttersprache. Da empfiehlt die eine, die Rolle der deutschen Sprache in Gremien der Europäischen Union zu stärken, die andere beschließt, Deutsch unter den besonderen Schutz des Grundgesetzes zu stellen. Eine konkrete neue Maßnahme, bei der Deutsch ein wichtiger Schlüssel zur Integration ist, ist neben den schon in Deutschland existierenden Integrationskursen die Initiative, Ausländern zum Zweck der Familienzusammenführung Deutsch bereits im Ursprungsland zu vermitteln und es zur Voraussetzung für ihren Aufenthalt in Deutschland zu machen. Mit unseren Fernstudienkursen "Deutsch als Zweitsprache im Elementarbereich" und "Deutsch als Zweitsprache in der Grundschule", Fortbildungen für Erzieherinnen und Grundschullehrer, engagieren wir uns auch für die Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund.

Es gab bisher kaum eine Politik, die genau dies beförderte. Die Erfahrungen mit der bisherigen Politik des Multikulturalismus haben verdeutlicht, dass sich daraus eher eine Haltung des Nichtstuns und der Gleichgültigkeit ergeben hat. Ein erträumter multikultureller Austausch blieb aus. Es bildeten sich isolierte Sprach- und Kulturinseln, die teilweise zu sozialen Spannungen führen. Hat Deutsch jetzt also wieder Konjunktur?

Die Zukunft unserer Sprache entscheidet sich im Alltag

Eine Diskussion über den Stand der deutschen Sprache lebt von Beispielen zivilgesellschaftlichen Engagements für und in Deutschland. Die Zukunft der deutschen Sprache ist nicht losgelöst von der gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands zu betrachten, die Zukunft unserer Sprache entscheidet sich im Alltag. Deutsch als Fremdsprache setzt deshalb bewusst seinen kulturellen Wert als Träger von Bildung und Kultur ein. Die erste Muttersprache bleibt Teil persönlicher Identität, die Sprache des Aufnahmelandes, in dem Fall Deutsch, im geglückten Fall der zweiten Heimat, eröffnet soziale und kulturelle Integration. Eine mehrsprachige Identität soll erhalten und entwickelt werden können. Mehrsprachigkeit in seiner Transkulturalität impliziert interkulturelle Kompetenz, die es für eine aktive Teilhabe an der gesellschaftlichen Entwicklung Europas zu fördern und zu nutzen gilt. Getreu dem Motto der Europäischen Integration "Einheit in Vielfalt" hat sich auch das Goethe-Institut der Förderung und Vielfalt von Sprachen verschrieben.

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In über 30 Ländern haben sich Goethe-Institute mit ihren Partnern zwei Jahre lang mit dem Phänomen der Mehrsprachigkeit als Ressource für das politische, kulturelle, wissenschaftliche und wirtschaftliche Leben auseinandergesetzt. Dem Projekt "Sprachen ohne Grenzen" ging in den Jahren 2006 und 2007 eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Sprache voraus: mit dem internationalen Projekt "Die Macht der Sprache" oder dem Wettbewerb "Wörter mit Migrationshintergrund – das beste eingewanderte Wort". Die immer wieder angeführten Befürchtungen vor einer Überfremdung durch das Englische sind, so zeigte der Wettbewerb deutlich, linguistisch und sprachgeschichtlich nicht haltbar. Im Gegenteil, wir haben noch nie über einen so großen Wortschatz verfügt wie heute.

Aber Sprache ist nicht nur Werkzeug, Sprache ist auch eine Interpretation der Welt, wie es bereits Wilhelm von Humboldt formulierte. Jede Sprache hat ihre eigenen Weltvorstellungen intendiert. Das Deutsche ist hochinteressant, auch wegen der vielen Veränderungen in Deutschland mit Flüchtlingen, Vertriebenen und Einwanderern. Darüber hinaus existiert noch immer eine Ausdrucksmöglichkeit über den Dialekt. In Deutschland ist die Hochsprache nie reguliert worden, die Dialekte haben immer noch ihre Bedeutung und bieten so etwas wie sprachliche Heimat. Beim Goethe-Institut nutzen wir die Sprache als Kulturträger, die Texte und Themen, die wir vermitteln, sind mit der deutschen Sprache und Kultur unmittelbar verwoben.

Mehr Leidenschaft, bitte!

Gleichzeitig sind noch immer viele Mitbürgerinnen und Mitbürger von der schriftlichen Kommunikation ausgeschlossen. Die Zahl der Analphabeten in Deutschland wird auf vier Millionen geschätzt. Auch das gilt es beim Nachdenken über unsere Sprache und ihre Vermittlung zu beachten.

Die Aufmerksamkeit, die wir der deutschen Sprache widmen, ist entscheidend für ihren Bestand. Ein wenig mehr Leidenschaft für unsere Sprache ist angebracht, denn so wie man mit der eigenen Sprache im eigenen Land umgeht, so wird sie auch im Ausland wahrgenommen. Die Entwicklung unserer Sprache hängt von unserer Präsenz in der Welt ab. Der Deutsche Sprachrat bemerkt bei repräsentativen Umfragen eine positive Entwicklung. Deutsch wird wieder als eine der vielgestaltigsten Sprachen wahrgenommen. Mit einer Sympathiewerbung für unsere Sprache stärken wir die Arbeit so mancher Deutschlehrer, mancher Sprachdozenten an den Universitäten und unterstützen den Enthusiasmus vieler, die sich im Ausland für die deutsche Sprache und Literatur und für Deutschland interessieren und einsetzen.

NICHT LÖSCHEN!! Weißzeile für Projekt Sprache von Welt? Streiten über Deutsch

Klaus-Dieter Lehmann (Foto: Goethe-Institut)

Professor Klaus-Dieter Lehmann, geboren 1940 in Breslau, studierte Mathematik und Physik, bevor er eine Ausbildung zum Bibliothekar absolvierte. Er war Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek und Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Seit April 2008 ist er Präsident des Goethe-Instituts.

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