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Wissen & Umwelt

Werben für den Wolf

Wölfe waren einst weit verbreitet - und sind nach Jahrhunderten der Vertreibung heute zurück in Deutschland. Und damit auch Ängste, Vorurteile, Mythen - trotz aller Bemühungen, das Verhältnis zu versachlichen.

"Wie muss ich meine Schafe schützen? Es gibt Wölfe im Wald. Dürfen meine Kinder noch im Freien spielen? Sind Wölfe wirklich nicht gefährlich?" Das sind Fragen, mit denen Markus Bathen regelmäßig konfrontiert wird. Er ist Forstwirt, Jäger und Wolfsberater des NABU (Naturschutzbund Deutschland). "Jeder, der eine Frage zum Wolf hat, kann mal eben zu mir reinkommen." Sein Büro liegt daher nicht im Wald versteckt, sondern in der Fußgängerzone von Spremberg, 25 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt: Die Fragen haben sich gehäuft, seit sich die Raubtiere im dünn besiedelten Osten Deutschlands ausbreiten. Und das ist von Amts wegen so gewollt, weil der Wolf hier ursprünglich heimisch war.

Markus Bathen (Foto: NABU)

Markus Bathen: Es muss gelingen, Vorurteile gegenüber dem Wolf abzubauen

Es war einmal ... kein Märchen

Über Jahrhunderte war der Wolf Konkurrent des Menschen. Auch er beanspruchte Schafe und Ziegen als Nahrung, die der Mensch hielt. Und weil es damals keine Supermärkte als Alternative gab, dem Menschen keine staatlichen Hilfen angeboten wurden, keine Versicherung Entschädigung zahlte, betrieb er Selbstjustiz: Er jagte den Wolf erbarmungslos bis zur finalen Ausrottung. 150 Jahre traute sich kein Isegrim auf deutschen Boden - lediglich als Fabelwesen in Erzählungen. Seit 15 Jahren wandert die Spezies wieder aus Polen ein. 35 Rudel, so Markus Bathen, wurden bisher gezählt. Und es werden mehr werden, und sie werden sich weiter im Westen ansiedeln, so die Prognosen der Naturschützer. "Sie finden offensichtlich viel geeigneten Lebensraum", sagt der NABU-Experte. Einen natürlichen Feind hat er nicht, allein durch Krankheiten wird seine Zunft selektiert: Wölfe bekommen sechs bis acht Welpen. Da viele wenig oder schlechte Nahrung finden, überlebt nur die Hälfte.

Sich auf die Ankunft vorbereiten

Als eine vom Aussterben bedrohte Art steht der Wolf in Deutschland unter gesetzlichem Schutz – und zwar gleich mehrfach nach internationalen Abkommen, europäischen Verordnungen sowie Bundes- und Landesrechten. Sein Abschuss ist nur im Einzelfall und unter strengen Auflagen gestattet. Beliebter geworden ist das Säugetier dagegen nicht - zu Unrecht, meint Markus Bathen: "Viel über den Wolf sprechen hilft gegen Vorbehalte, denn im Gegensatz zu den Wölfen machen die Menschen bezüglich des Verhältnisses zum tierischen Rückkehrer keine gute Entwicklung durch", meint Bathen. Er spricht von Hysterie im Zusammenhang mit reißerischen Presseartikeln "über den bösen Wolf", irrational geführten Diskussionen an Jäger-Stammtischen und Debatten in Landesparlamenten über "wolfsfreie Zonen". Er selbst hält Vorträge und berät Landesregierungen im individuellen Wolfsmanagement.

Wolfsspuren (Foto: NABU)

Häufiger zu sehen als der Wolf selbst - seine Spuren

Auch für Regionen, in denen der Canis lupus, so sein zoologischer Name, noch nicht aufgetaucht ist, ist gesetzlich geklärt, dass Schafzüchter und Ziegenhalter Zuschüsse bekommen für die Errichtung von Elektrozäunen und die Ausbildung von Schutzhunden und sie bei Schäden, die durch den Wolf verursacht werden, einen finanziellen Ausgleich erhalten.

Neue Diskussionskultur über den Wolf notwendig

So häufig allerdings, wie es manch reißerische Zeitungsüberschrift und sein Ruf als Menschenfresser vermuten lässt, sind Begegnungen mit dem Wolf nicht. Die Säugetiere sind scheu, ergreifen beim Anblick von Menschen schnell die Flucht. Die wirklich gefährlichen Tiere im Wald seien Wildschwein und Zecke, sagt Markus Bathen. Nur zweimal in zwölf Jahren ist er Wölfen begegnet. Er findet es ohnehin spannender und lehrreicher, deren Fährten zu verfolgen und Erkenntnisse über deren Verhalten zu gewinnen: "Das ist beeindruckend, wie Tagebuchlesen." Und dann erzählt er von der Hirschs-Jagd zweier Wölfe auf sandigem Boden in der Lausitz. Die Hatz habe sich über mehrere hundert Meter gezogen, ohne dass die Wölfe ihre Beute hätten schnappen können.

"Was würde uns ohne den Wolf fehlen?", wird Bathen gefragt: "Sehr interessante Diskussionen über Artenschutz, die Jagd, das Ökosystem." Sollte der Mensch den Wolf zurückdrängen, käme das einem Rückfall ins Mittelalter gleich. Dort gab es nur gute oder böse Tiere, die in Konkurrenz zum Menschen standen.

Herdenschutzhund mit Schafen (Foto: NABU)

Schafe brauchen besonderen Schutz vor dem Wolf

Das Verhältnis sei weiterhin ambivalent, weil der Wolf auch heute noch Schafe frisst, wenn man ihn lasse. Aber es brauche einen intellektuellen Ansatz bei der Notwendigkeit zur Diskussion, der alle Aspekte der Gesellschaft berücksichtige und das Verhältnis auf der Basis einer vernünftigen und vorurteilsfreien Nachbarschaft etabliere. "Deshalb wollen wir vom NABU, dass viel über den Wolf gesprochen wird", so Bathen.

Die mit dem Wolf schwimmt

Die gleiche Mission verfolgt Tanja Askani seit sie 1992 den erste Wolfswelpen im Arm hielt. Dessen Mutter war gleich nach der Geburt gestorben. Bis dahin war sie als Falknerin im Wildpark Lüneburger Heide tätig. Längst betreut sie mehrere Wolfsrudel, hat Welpen mit der Hand aufgezogen, ist eng mit jedem Schützling verbunden. Doch sagt sie: "Der Wolf ist ein Wildtier, mit einer angeborenen Scheu, innerlich frei. Er braucht keinen Menschen um sich herum. Der Wolf nabelt sich mit der Geschlechtsreife mehr und mehr von seinen Eltern und Geschwistern ab." Das erleichtere es den Tieren, sich von dem Elternrudel zu trennen und zum Teil weit abzuwandern, um neue Jagdreviere und einen blutfremden Partner zu finden. Und daher breitet sich der Wolf extrem weit aus. Doch auch in Gefangenschaft versucht das erwachsene Tier eigene Wege zu gehen - soweit das unter Gehegebedingungen möglich ist. Das unterscheidet den Wolf vom Hund. "Wenn sich meine Wölfe dennoch dem Menschen nähern, betrachte ich das als großes persönliches Geschenk", erzählt Askani.

Wölfe im Gehege - Botschafter für freilebende Artgenossen

Von klein auf lernen die von ihr betreuten Tiere, wie sich Hunde verhalten, sie hören Kindergeschrei und sehen Menschenmassen am Zaun. Die Fluchtdistanz zum Menschen habe sich durch die Aufzucht im Gehege verringert. Dadurch können die Tiere den Parkbesuchern relativ stressfrei begegnen, sagt Askani. Auf Grund ihrer neutralen Erfahrungen mit Menschen, lassen sie sich ungestört beobachten und fotografieren. "Es geht darum, das die Menschen das unbekannte und hochintelligente Wesen aus einem anderen Blickwinkel kennenlernen, der Besucher aber auch erkennt, dass er einen Wolf nicht beherrschen kann und ihm mit bestenfalls Respekt begegnet. Dominanzverhalten wie gegenüber Hunden, funktioniert beim Wolf nicht", sagt Tanja Askani. Und an ihre Besucher gerichtet: "Ich verspreche nur mich. Alles andere ist ein Geschenk von den Tieren." Die springen nicht durch brennende Reifen - wie Zirkustiger. Auch Kraulen auf Kommando funktioniert nicht. In jedem Fall rät sie, sich den hochintelligenten Tieren in respektvollem Abstand zu nähern - "wie auch einem unbekannten Menschen gegenüber".

Tanja Askani (Foto: Liba Radova)

Askani: Wölfe sind in der Regel keine Kuscheltiere

Und dann erzählt die Wolfspflegerin von ihren Wanderungen mit wissbegierigen Wolfswelpen und von gemeinsamen Schwimmversuchen: Zwischendurch lässt sie den Tieren individuellen Freiraum und Ruhe. "Ich kann nur schützen, was ich liebe." Diese Wertschätzung dem Wolf gegenüber zu vermitteln ist die Botschaft hinter ihren Führungen. Ob ihre Wölfe ausgewildert werden? wird sie zum Abschied gefragt: Nein, ein Auswilderungsprogramm für Wölfe gebe es nicht: "Diese Art von Hilfe brauchen die Wölfe nicht. Sie kamen von alleine zurück, da sie in unseren Wäldern wieder eine gute Lebensgrundlage finden. Dazu kommt auch, dass handaufgezogene Wölfe für so ein Programm völlig ungeeignet wären. Alle Wildtiere, die für eine Auswilderung bestimmt sind werden speziell darauf vorbereitet. Sie wachsen ohne menschliche Prägung auf, um wild bleiben zu können und um dem Menschen gegenüber gesunde Fluchtreflexe beizubehalten. Das erspart mögliche Konflikte zwischen Mensch und Tier. Alle Tiere, die vom Menschen aufgezogen wurden, könnten in Freiheit gefährlich sein, wenn sie in eine Stresssituation geraten, weil ihr Fluchtreflex nicht geschult wurde."

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