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Europa

Wer wird Londons Bürgermeister?

Die britische Hauptstadt könnte künftig von einem Milliardär oder einem Menschenrechtsanwalt regiert werden. Das Wahlergebnis wird nach einer hässlichen Schlacht mit Spannung erwartet. Julia Macfarlane berichtet.

Der eine entstammt einer milliardenschweren jüdischen Dynastie, der andere kommt aus einer muslimischen Einwandererfamilie aus Pakistan. Die beiden aussichtsreichsten Kandidaten für die Londoner Bürgermeisterwahl an diesem Donnerstag könnten nicht unterschiedlicher sein. Doch ihre politischen Programme ähneln sich.

Wenn man den Umfragen glauben kann, dürfte Labour-Kandidat Sadiq Khan, der als Sohn eines pakistanischen Busfahrers in einer Sozialwohnung aufwuchs, als nächster Chef ins Rathaus einziehen. Erbegnisse werden erst für Freitag erwartet.

Für viele Londoner kommt die Bewerbung Khans nicht gänzlich überraschend. Die Hauptstadt der ehemaligen Kolonialmacht hat sich zu einer der multikulturellsten Städte der Welt entwickelt. Hier werden 300 Sprachen gesprochen, und weniger als die Hälfte der Einwohner sind weiße Briten. Der Rest ist ein buntes Völkergemisch aus allen Teilen der Welt, viele von ihnen bereits in Großbritannien geboren und mit britischer Staatsbürgerschaft.

Einwanderer gegen Finanzmogul

Vor diesem Hintergrund würde die Wahl eines pakistanisch-stämmigen Muslim zum Oberbürgermeister ein starkes Zeichen für London und westliche Demokratien gleichermaßen setzen.

Khans Hauptrivale ist der eher sanft wirkende Abgeordnete des Londoner Nobelvororts Richmond, Zac Goldsmith. Er ist der Sohn des milliardenschweren Finanzinvestors James Goldsmith aus einer alten jüdischen Dynastie. In seinen früheren Jahren als Unterhausabgeordneter begehrte er immer wieder gegen die Parteidoktrin der Konservativen auf.

Zwischen den Programmen der meisten Kandidaten und vor allem der von Khan und Goldsmith gibt es eine Menge Übereinstimmung. Beide setzen sich für mehr Wohnungsbau ein, den London dringend braucht; beide wollen die neue Bahnverbindung Crossrail 2 vorantreiben: beide sind gegen den Ausbau des Flughafens Heathrow; und beide haben versprochen, das Problem der Luftverschmutzung anzupacken.

Die Jungen sind die Verlierer

Tony Travers von der London School of Economics meint, die Positionen der beiden lägen so eng beieinander, dass es den Wählern "schwerfallen wird, eine ideologische Lücke zwischen ihnen zu finden". Vielleicht lag es da nahe, dass die Frontlinien eher beim Image der Kandidaten gezogen wurden.

Sadiq Khan (Foto: Reuters/N. Hall)

Der pakistanischstämmige Sadiq Khan stammt aus einfachen Verhältnissen

Im Sommer 2008 hatten die Londoner gerade ihren ersten Bürgermeister aus der Konservativen Partei direkt gewählt. Der schillernde Außenseiter Boris Johnson hatte die Wähler mit seinem Charme und seinem Optimismus für sich eingenommen. London war eine aufregende, dynamische Weltklasse-Metropole auf dem Höhepunkt eines Finanzbooms, der allerdings wenig später mit einem Börsenkrach abrupt zu Endeging.

Das London von heute fühlt sich völlig anders an. Die Stadt ist zwar jünger geworden, doch es sind die Jungen, deren Beschäftigungschancen und Einkommen seit dem Finanzkollaps von 2008 am meisten gesunken sind. Und es sind auch die Jungen, die weniger am Wiederaufstieg teilhaben.

Der Grund: Hochschulabgänger sind vor ihrer ersten Anstellung oft jahrelang arbeitslos und leben bei ihren Eltern. Nach einer Erhöhung der Studiengebühren sind sie zudem nach ihrer Ausbildung auch häufig hochverschuldet.

Hinzu kommt Londons angespannter Wohnungsmarkt. Er ist für die meisten Wähler das drängendste Problem. Sowohl Khan als auch Goldsmith haben versprochen, 50.000 neue Wohnungen zu bauen. Diese Zahl hatte auch Boris Johnson bei seiner Amtsübernahme zugesagt, aber weniger als halb so viele wurden wirklich gebaut.

Zac Goldsmith (Foto: picture-alliance/Zuma Press)

Zac Goldsmith kommt aus einer schwerreichen Finanzdynastie

Persönliche Fehde

Da keiner der beiden Rivalen den anderen wegen dessen Programm angreifen kann, ist der Wahlkampf in den vergangenen Wochen immer mehr in politisches Gezänk abgeglitten, bei dem es vor allem um Rasse und Religion ging. So werfen Khans politische Gegner diesem wegen seiner Arbeit als Menschenrechtsanwalt Nähe zum Extremismus vor.

Khan hatte in einer BBC-Debatte kürzlich eingeräumt, er habe während seiner früheren beruflichen Laufbahn als Anwalt mitunter Leute verteidigt, die er selbst als "ziemlich unappetitlich" bezeichnete. Er bedauere, den Eindruck vermittelt zu haben, er stimme den Ansichten seiner früheren Mandanten zu: "Ich habe ganz klar gesagt, dass ich ihre Meinung abscheulich finde."

Viele Wähler finden diese Taktik zynisch. "Zu Beginn des Wahlkampfs war ich eher für Zac", sagt Mani, obwohl er wie Khan pakistanisch-stämmiger Muslim ist. Doch nachdem Goldsmith kürzlich in einem Meinungsartikel der Zeitung "Mail on Sunday"eine Verbindung zwischen Khan und den Terrorangriffen vom 7. Juli 2005 hergestellte, änderte Mani seine Meinung. "Dieser Artikel hat bei mir das Fass zum Überlaufen gebracht. Jetzt bin ich für Sadiq Khan."

Doch viele Wähler sind mit beiden Kandidaten unzufrieden und wissen nicht recht, wie sie sich entscheiden sollen. "Als Unterhausabgeordnete fand ich früher beide gut. Jetzt haben sie ihre schlechteste Seite gezeigt und bewiesen, dass Westminster nur ein Zirkus ist", so Sophia Akram. "Ihre Rivalität hat ihre jeweiligen politischen Positionen überschattet."