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Digitales Leben

Wer will, wird jetzt schlau

Das Netz liefert eine Menge Wissen. Man kann Dinge lernen, von deren Existenz man vor kurzem noch nichts ahnte. Kostenlos. Und zwar so viel, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll. Marcus Bösch rauft sich die Haare.

Mann sitzt vor einem historischen Computer http://www.flickr.com/photos/sdasmarchives/6996745802/sizes/l/in/photostream/ Keine Urheberrechtsbeschränkungen bekannt (public domain)

Computer-Nostalgie

"Ich, ein Laptop und das Internet - das ändert alles. Die Industrie ist tot." Diese zwei famosen Sätze stammen leider nicht von mir, sondern von Seth Godin. Der hatte nach eigenen Angaben bereits im Alter von 15 Jahren eine Firma. Und hat nach offiziellen Angaben 1998 alles an Yahoo verkauft. Seit dem schreibt er Bestseller darüber, wie das so ist mit dem Internet und überhaupt.

"Ich, ein Laptop und das Internet - das wirbelt einiges durcheinander." Dieser nicht ganz so tolle Satz stammt von mir. Aber ich hatte mit 15 auch anderes zu tun als Firmen zu gründen. Meine dennoch messerscharfe Behauptung fußt auf folgender Beobachtung: Die meisten Leute, die ich kenne, lernen jetzt ständig irgendwas Neues. Zumindest sagen sie das. Programmieren zum Beispiel. Oder wie man alle Bekannten von Facebook in ein interaktives Netzwerkdiagramm überführt.

Auf einmal alles

Wenn diese Leute gerade nichts lernen, schauen sie sich so genannte Talks (Internet-Talkrunden, zB. "TED Talks") an. Da stehen dann unglaublich schlaue Leute auf riesigen dramatisch ausgeleuchteten Bühnen und reden über das, was sie so gelernt haben. Auf einmal kann man nämlich alles lernen. Kostenlos, rund um die Uhr. Interaktiv. Multimedial. 

Wozu Universitäten, Bildungsstätten und Volkshochschulen, wenn es das Wissen der Welt, aufbereitet und präsentiert von den Besten der Besten kostenlos in Text, Ton, Bild und Video gibt? Wer will, wird jetzt schlau.

Kostenlos

Das kann man sich so vorstellen: Irgendwo am Ende einer staubigen Straße in einem kargen Raum sitzen jetzt gerade Menschen dicht gedrängt vor einem Desktop-PC längst vergangener Zeiten. Während das Licht flackert und das selbstgebastelte Modem ächzt, lauschen sie wahrscheinlich Kervin Werbach, einem Professor der Universität von Pennsylvania, der auf der brandneuen Bildungs-Plattform Coursera darüber spricht, wie man mit Techniken aus der Welt der Computerspiele das Leben einfacher macht - Sie sehen: das ist Wissen für jede Randgruppe.

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden. Coursera ist ein Segen. Im April 2012 gegründet, haben sich keine vier Monate später schon mehr als eine Millionen Menschen aus 196 Ländern eingeschrieben. Dank einer Venture Capital Finanzspritze von 16 Millionen Dollar und der Mithilfe von über hundert Universitäten können die beiden Gründer, zwei Professoren aus Stanford, weiter an ihrer Vision bauen: Das beste Bildungsangebot der Welt, kostenlos für alle Menschen, die danach suchen.

Anklicken

Leider. Ganz ganz leider - habe ich bedauerlicherweise gar keine Zeit dafür. Ganz ehrlich. Ständig nehme ich mir vor, tolle Dinge zu lernen. Ich melde mich an, schaue wild entschlossen das erste Video halb und lasse es dann.

All diese Talks und Kursangebote - angeklickt, angeschaut, gebookmarked und vergessen.  Das beste Bildungsangebot der Welt. Da liegt es kostenlos herum, rund um die Uhr verfügbar, während ich Fotos bei Instagram hochlade und mich bei Facebook langweile.

Und weiter

"Bevor Du es merkst, ist dein Zuhause voll, dein Kalender ist voll, deine Festplatte ist voll und so weiter. Der Computer sollte das Leben doch eigentlich einfacher machen und alles automatisieren, damit Du mehr Zeit hast um nachzudenken." Auch diese zwei Sätze stammen nicht von mir. Sie sind vom Webkünstler Rafaël Rozendaal. Aber das ist eine andere Geschichte.


***ACHTUNG: NUR im Zusammenhang mit der Netzkolumne Digitalitäten benutzen!*** Bild von Marcus Bösch für die DW, September 2012

DW-Netzkolumnist Marcus Bösch

Marcus Bösch war irgendwann 1996 zum ersten Mal im Internet. Der Computerraum im Rechenzentrum der Universität zu Köln war stickig und fensterlos. Das Internet dagegen war grenzenlos und angenehm kühl. Das hat ihm gut gefallen.

Und deswegen ist er einfach da geblieben. Erst mit einem rumpelnden PC, dann mit einem zentnerschweren Laptop und schließlich mit geschmeidigen Gerätschaften aus aalglattem Alu. Drei Jahre lang hat er für die Deutsche Welle wöchentlich im Radio die Blogschau moderiert. Seine Netzkolumne gibt es jetzt hier jeden Donnerstag neu.

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