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Brasilien

"Wer vergewaltigt wird, ist selbst schuld"

Von wegen Opfer. In Brasilien ist die Mehrheit der Bevölkerung laut einer neuen Umfrage der Auffassung, dass Frauen zu einem großen Teil selbst daran schuld seien, wenn sie vergewaltigt würden.

Die Aussagen lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "Frauen, die körperbetonte Kleidung tragen, haben es verdient, angegriffen zu werden", lautet der erste Satz. Und der zweite Satz macht es nicht besser: "Wenn Frauen sich zu benehmen wüssten, gäbe es weniger Vergewaltigungen".

Mit solchen Behauptungen kann sich eine große Mehrheit der Brasilianer und Brasilianerinnen identifizieren, wie eine Umfrage des brasilianischen Institutes für angewandte Studien (Ipea) aus Brasília zeigt. Zwischen Mai und Juni 2013 wurden insgesamt 3810 Personen zwischen 18 und 50 Jahren befragt. 58,5 Prozent bejahten den ersten Satz, 65 Prozent stimmten der zweiten Aussage zu.

Das Ergebnis der Studie schockt nicht nur die Öffentlichkeit sondern auch die Meinungsforscher. "Das Resultat ist beängstigend, weil es auf einer veralteten patriarchalischen Mentalität beruht", sagt Rafael Osório, Direktor für sozialwissenschaftliche Erhebungen bei Ipea.

Erst Indien, dann Brasilien

Die Haltung der brasilianischen Umfrageteilnehmer ähnelt in auffälliger Weise der öffentlichen Meinung in einem anderen Schwellenland: Indien. Der asiatische Subkontinent sorgte im vergangenen Jahr mit Massenvergewaltigungen monatelang für negative Schlagzeilen.

Im September 2013 thematisierte die indische Komikergruppe "All India Bakchod" die brutalen sexuellen Übergriffe mit einem satirischen Video. "Es ist Deine Schuld", heißt der Clip, der innerhalb einer Woche 1,5 Millionen Mal angeklickt wurde. Satirisches Fazit des Kurzfilms: Keine Frauen, keine Vergewaltigungen.

Dass auch in Brasilien solche Schuldzuweisungen beliebt sind, löst unter den Meinungsforschern von Ipea Besorgnis aus. "Es ist demotivierend, dass trotz großer Fortschritte beim Thema Gleichberechtigung patriarchalische Auffassungen immer noch weit verbreitet sind", meint Rafael Osório. Das Resultat der Umfrage deute auf eine kollektive Krankheit hin, die Lage sei sehr komplex und verfahren.

Schuldgefühle statt Strafanzeige

Nach Angaben des bundeseigenen brasilianischen Forschungsinstituts Ipea wird die Zahl der Vergewaltigungen in Brasilien auf 527.000 Fälle pro Jahr geschätzt. Doch trotz einer verschärften Gesetzgebung gegen häusliche Gewalt, die 2006 vom Kongress verabschiedet wurde, wird nur jeder zehnte Vorfall angezeigt.

Die Vergewaltigungsdelikte finden meistens im familiären Umfeld statt. Nach Erhebungen von Ipea waren 70 Prozent der Vergewaltigungsopfer, die Anzeige erstatteten, unter 18 Jahren alt. Die Mehrheit der Täter waren entweder direkte Familienmitglieder oder Bekannte aus dem familiären Umfeld.

Die wachsende Banalisierung sexueller Gewalt in Brasilien offenbart sich nicht nur in der Ipea-Umfrage, sondern auch in sozialen Netzwerken. So rufen tausende männliche User offen zu sexuellen Übergriffen auf und verabreden sich sogar gemeinsam zu sexuellen Attacken im öffentlichen Nahverkehr.

U-Bahn in Sao Paulo Brasilien
(Foto: AP /Andre Penner)

Überfüllt und anonym: In der U-Bahn in Sao Paulo kommt es oft zu sexuellen Übergriffen auf Frauen

Attacke in der U-Bahn

"Übergriffe in Bussen und Bahnen gab es schon immer. Neu ist, dass jetzt Filme darüber ins Netz gestellt werden, die Männer erregen und zu sexuellen Belästigungen anstiften", sagt Sonia Coelho von der Nichtregierungsorganisation "Sempreviva Organizacão Feminista". Erst kürzlich sei eine solche Facebook-Seite mit 12.000 Anhängern vom Netz genommen worden.

Trotz der zunehmenden Zahl von Übergriffen ist die Zahl der polizeilichen Strafanzeigen wegen sexueller Belästigung auch im öffentlichen Nahverkehr in São Paulo verschwindend gering. 2013 wurden nur 100 Fälle angezeigt, in den ersten drei Monaten dieses Jahres waren es 29.

Im Gegensatz zu anderen brasilianischen Städten wie Rio und Brasilia ist in der Millionenmetropole São Paulo jedoch keine Einführung separater U-Bahn-Waggons für Frauen geplant. Die U-Bahn in São Paulo, die täglich 7,4 Millionen Passagiere transportiert, setzt zum Schutz ihrer weiblichen Passagiere auf Kameraüberwachung und den Einsatz von Sicherheitspersonal in Zivil.

Auch Frauenrechtlerin Sonia Coelho ist skeptisch, ob separate Waggons oder Abteile für Frauen mehr Sicherheit für weibliche Passagiere brächten. "Mit rosa Waggons werden die Geschlechter getrennt", sagt sie. Nicht Frauen würden dadurch geschützt, sondern eher der noch immer weit verbreitete Machismus gestärkt.

Wie stark die Figur des brasilianischen Machos nach wie vor im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert ist, belegt auch die Ipea-Umfrage. Darin befürworteten 69 Prozent, dass in der Familie der Mann das Oberhaupt sein solle. Als Freibrief für häusliche Gewalt wollten die Interviewten dieses Votum allerdings nicht missverstanden wissen. Männer, die ihre Frauen schlagen, gehören ins Gefängnis - darin waren sich fast alle (91 Prozent) einig.

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