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Islamischer Staat - Terror ohne Grenzen?

Wer steckt hinter dem "Islamischen Staat"?

Seit 2013 kursiert der Name der Terroristen, deren Ziel die Errichtung eines islamischen Gottesstaates ist. Tatsächlich sind sie schon seit Jahren aktiv. An ihrem Erstarken scheint auch der Westen schuld.

Schon kurz nachdem die ersten Meldungen zu den Anschlägen in Paris bekannt wurden, feierten Anhänger des "Islamischen Staates" (IS) den blutigen Terrorakt in sozialen Netzwerken, feierten ihn als ihren Erfolg. Am Samstagvormittag folgte ein Bekennerschreiben des IS. Auch wenn dieses noch nicht verifiziert wurde, zweifelt kaum jemand an der Echtheit. Einige Experten sprechen inzwischen auch nicht mehr von einer Organisation, sondern vielmehr von einer sozio-politischen Bewegung mit staatsähnlichen Strukturen. "Die Bereiche, die der IS bespielt, sind mehr als nur pure Gewaltanwendung", so Christoph Günther, Islamwissenschaftler der Universität Leipzig.

Es begann im Irak

Im Sommer 2013, als in Syrien der Krieg schon mehr als zwei Jahre tobte und der Westen sich immer noch nicht zu einem Eingreifen entscheiden konnte, häuften sich die Berichte verschiedener Menschenrechtsorganisationen über Morde und Massaker durch die IS-Milizen: Menschen wurden im Schlaf ermordet oder wegen Nichtigkeiten einfach erschossen. Seit fast eineinhalb Jahren hält der IS die gesamte Welt in Atem, spätestens seit der Veröffentlichung verschiedener Videos, in denen die Hinrichtungen westlicher Journalisten, Helfer und oppositioneller Kämpfer für die Welt dokumentiert werden. Ein Messer, orangefarbene Overalls, ein Henker mit britischem, manchmal auch französischem Akzent: Mit der Enthauptung vor laufender Kamera bedient sich der Islamische Staat auch auf brutale Art und Weise der Medien.

Irak - IS Führer Abu Bakr al-Baghdadi (Foto: dpa)

Nennt sich Kalif des IS: Abu Bakr al-Bagdadi

In der Region sind die Extremisten allerdings schon seit über zehn Jahren aktiv. Denn dort ging der IS aus einem Ableger der Terrorgruppe Al-Kaida im Irak hervor: Als 2003 die Amerikaner in den Irak einmarschierten, stürzten sie Diktator Saddam Hussein und verdrängten alle seine sunnitischen Anhänger aus dem öffentlichen Dienst - von den republikanischen Garden bis hin zum Geheimdienst. Viele wurden inhaftiert und saßen seither im Gefängnis. Hunderttausende sunnitische Iraker - unter ihnen Generäle, Offiziere, Soldaten und Beamte - gerieten immer mehr ins Abseits. "Ohne diese Entwicklung nach dem Einmarsch der USA hätte es den IS nicht gegeben", sagt Günter Meyer vom Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz.

Nutzen aus dem Syrien-Krieg

Im Widerstand gegen die US-Truppen formierten sich einige ehemalige Hussein-Anhänger. Unter Abu Musab al-Sarkawi gründete sich "Al-Qaida im Irak" (AQI). Das Land wurde immer mehr zum Magnet für Dschihadisten, die sich 2006 nach der Ermordung Al-Sarkawis in "Islamischer Staat im Irak" (ISI) umbenannten.

Anfang 2013 nutzte ISI das in Syrien entstandene Machtvakuum, expandierte und benannte sich um in "Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS)". Es kam zum Bruch mit der bis dahin erfolgreichsten Al-Kaida-Miliz in Syrien, mit der Al-Nusra-Front. Diese verweigerte Abu Bakr al-Baghdadi, der hier das Kommando übernommen hatte, die Gefolgschaft. Viel ist über den Mann, der bei seiner Geburt noch Ibrahim al-Badri hieß, nicht bekannt. Nur, dass er in Bagdad aufgewachsen ist und aus ärmlichen Verhältnissen stammt. Heute arbeitet er gemeinsam mit seiner Miliz an der Errichtung eines Kalifats - möglichst in Syrien, dem Irak, dem Libanon und in Palästina. Ende 2013 setzten sich die Terroristen in der nordöstlichen Provinz Rakka fest. Von hier aus starteten ihre Feldzüge.

Machtübernahme in Mosul

"Der Fall von Mosul im Juni 2014 war die eigentliche Geburtsstunde der Expansion der Terrormiliz", so Nahost-Experte Meyer im Gespräch mit der DW. Mosul, eine Stadt im Nord-Irak, galt als Hauptrückzugsgebiet alter Saddam Hussein-Anhänger. Als der ISIS die Kontrolle dort übernahm, schlossen sich ihm gleich hochqualifizierte sunnitische Ex-Generäle und Kämpfer an, die sich an der Politik der Diskriminierung durch den damals amtierenden schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki rächen wollten. Zudem plünderte der ISIS die in Mosul ansässige Zentralbank und erbeutete Millionenbeträge.

Die Terrormiliz drang 2014 in Richtung Bagdad vor, denn die überforderte irakische Armee dort war aus Angst vor der ISIS geflohen und hinterließ kampflos modernste Technologie und Waffen. In den eroberten Gebieten rief Al-Baghdadi ein Kalifat aus, benannte seine Miliz um in IS (Islamischer Staat) und hob damit für ihn und seine Anhänger alle Landesgrenzen auf. Zudem führte er die Rechtsprechung nach der Scharia ein, Andersgläubige wie Christen oder Jesiden werden entweder getötet oder versklavt. "Wir haben es hier mit einer Bewegung von Aufständischen zu tun mit der klaren Zielsetzung, ein Territorium zu besetzen", sagt Experte Günter Meyer. "Die Ausrufung eines Kalifats hat eine enorme Ausstrahlung in die gesamte islamische Welt."

Sammelbecken für radikale Muslime weltweit

Aus ganz Europa sind junge Muslime und Konvertiten nach Syrien und in den Irak gezogen, um an der Seite des IS zu kämpfen. Auch aus Deutschland sollen nach Angaben von Experten Kämpfer im niedrigen dreistelligen Bereich dabei sein. Was sie dort genau tun, ob sie sich an tatsächlichen Kampfhandlungen beteiligen, ist relativ unklar. Insgesamt sollen 50.000 Männer an der Front für den IS kämpfen. "Das sind alles überzeugte Muslime, die ihre Glaubensbrüder im Kampf gegen die Schiiten verteidigen wollen. Und in der Gefolgschaft von IS lockt zudem ein hohes Einkommen", sagt Günter Meyer.

Denn der IS hat bei seinen Feldzügen in den vergangenen Monaten zahlreiche Öl- und Gasfelder besetzt, verkauft erbeutetes Kriegsgerät, erhebt Zölle und Steuern, erpresst Schutz-und Lösegelder. Daher kann er sich mittlerweile finanzieren und ist nicht mehr auf Unterstützung durch reiche Golf-Araber angewiesen. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge soll der IS täglich zwischen einer und drei Millionen Euro umsetzen.

Vormarsch stoppen - aber wie?

Syrien US-geführter Luftschlag gegen IS in Rakka 29.10.2014 (Foto: REUTERS/Nour Fourat)

Mit Luftschlägen versucht ein Anti-IS-Bündnis die Terrororganisation zu besiegen. Experten zweifeln am Erfolg

Durch ihre finanziellen Mittel kann der IS problemlos für Waffennachschub über die Türkei und über den Libanon sorgen und gilt unter Experten als ernstzunehmende militärische Macht. Doch die Terrormiliz wurde aufgehalten, noch weitere Landstriche für sich einzunehmen. Dazu haben mehrere Faktoren beigetragen: Die Bewaffnung der kurdischen Peschmerga-Kämpfer im Nordirak durch den Westen, unter anderem auch durch Deutschland, der Kampf der kurdischen PYD-Kämpfer im Nordosten Syriens und auch das Bündnis aus arabischen Staaten um die USA herum, das seit Monaten Stellungen des IS bombardiert und den IS empfindlich getroffen hat.

Christoph Günther, Islamwissenschaftler an der Universität Leipzig, zweifelt allerdings daran, dass der "Islamische Staat" auf lange Sicht militärisch besiegt werden kann. Mit Luftschlägen oder anderen Angriffsformen könne man die Islamisten zwar räumlich zurückdrängen, die Ideologie lasse sich dadurch aber nicht beseitigen.

Wie andere Experten meint auch er, dass nur die gemäßigten Sunniten in der Region den IS dauerhaft besiegen können. "Die absolute Mehrheit der Menschen dort ist gegen diesen "Islamischen Staat" und gegen diese Radikalität", sagt Udo Steinbach, Leiter des "Governance Center Middle East/North Africa" an der Humboldt-Viadrina School of Governance in Berlin. "Wenn sie sich zusammenschließen, sich militärisch besser organisieren, dann werden wir sehr schnell erleben, wie diese Organisation militärisch besiegt wird."

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