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Amerika

"Wer nicht redet, bleibt stumm" - Kolumbianer protestieren gegen Militärgewalt

Sie wurden verschleppt, getötet und dann als im Kampf gefallene Guerilleros präsentiert. Über Jahre haben Teile der kolumbianischen Armee unschuldige Zivilisten ermordet, um ihre Kriegsstatistik aufzubessern.

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Auch Kinder und Jugendliche wurden in den vergangenen Jahren Opfer der Gewalt

Socorro – das heißt Unterstützung, Hilfe, Beistand. Socorro Duran hat niemanden, der ihr beistehen könnte. Socorro ist allein, die 65-jährige Frau aus dem Nordwesten Kolumbiens hat ihre gesamte Familie verloren. Ihr Ex-Mann wurde ermordet, die beiden Söhne sind verschwunden: "Als ich die Nachricht bekam, dachte ich, ich würde sterben." Socorro wurde krank, musste zum Psychologen. "Monatelang lief ich mit einem Plastikbeutel in meiner Handtasche herum, für den Fall, dass sie mir die sterblichen Überreste meine Söhne in Einzelteilen, Stückchen für Stückchen, übergeben würden." Eine nicht ganz unbegründete Furcht. Denn viele Verschwundene wurden von ihren Mördern zerhackt oder zersägt, um Spuren zu verwischen.

Auch Socorro Duran hat bis heute keine Spur von ihren Söhnen. Mehr als sechs Jahre sind die beiden inzwischen verschwunden: "Ich will, dass sie mir sagen, ob sie sie getötet haben, wo sie sie vergraben haben, dass sie mir ihre sterblichen Überreste übergeben, damit ich sie endlich begraben kann. Das wäre das schönste, was ich vom Staat bekommen könnte, das er mir hilft, die sterblichen Überreste meiner Söhne zurück zu bekommen."

Paramilitärs und Militär töten immer wieder Unschuldige

Menschenrechte in Kolumbien

Demonstranten prangern angebliche Verbindungen von Präsident Uribe mit rechten Paramilitärs an

Socorros Ex-Mann war Guerillero, hatte sich allerdings schon lange aus der Guerilla zurückgezogen. Als er ermordet wurde, war er 75. Ihre beiden Söhne aber, so sagt Socorro, hatten nichts mit der Guerilla zu tun, waren einfache Arbeiter. Es war wohl die Vergangenheit des Vaters, die ihnen zum Verhängnis wurde. Tausende Kolumbianer wurden in den vergangenen Jahren wegen angeblicher Verbindungen zur Guerilla verschleppt, gefoltert und ermordet. Die Täter: Rechtsextreme paramilitärische Milizen - häufig mit Verbindungen zum Militär. Aber auch das Militär selbst tötet immer wieder Unschuldige.

Öffentlich wurde diese Praxis im Herbst vergangenen Jahres. Militärs hatten mindestens 20 Jugendliche aus einem armen Vorort der Hauptstadt Bogota verschleppt, in Kampfanzüge gesteckt und ermordet. Ihre Leichen wurden dann als im Kampf gefallene Guerilleros präsentiert. Kolumbiens Präsident Uribe versetzte 27 führende Militärs in den Ruhestand, darunter 3 Generäle. Auch der Oberkommandierende der Streitkräfte musste zurücktreten. Inzwischen, so der Präsident vor kurzem bei einem Auftritt in der Hafenstadt Buenaventura, seien die Morde von Armeeangehörigen an Zivilisten aber gestoppt: "Das hat aufgehört. Die Regierung ist da sehr wachsam, wir dürfen nicht einen einzigen Verstoß gegen die Menschenrechte zulassen. Da müssen wir absolut effizient sein, um unsere moralische Autorität zu bewahren."

Trägt Uribe Mitschuld an den vielen Opfern?

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Demonstrationsaufruf der Opferorganisationen

Menschenrechtler wie Ivan Cepeda von der Opfervereinigung Movice sehen das allerdings ganz anders: "Der Präsident leugnet wie so oft die Fakten. Wir haben Beweise, dass diese Praxis weiter geht, und zwar in vielen Teilen des Landes. Menschenrechtsorganisationen haben insgesamt über 1500 solche Fälle gesammelt, sogar die Generalstaatsanwaltschaft spricht von mindestens 700 Hinrichtungen. Das ist ein systematisches Verbrechen und zwar unter Beteiligung von hunderten Mitgliedern der Staatsgewalt."

Die Regierung Uribe, so der Menschenrechtler Cepeda, trage eine Mitschuld an den vielen unschuldigen Opfern: "Die Politik der Regierung basiert darauf, um jeden Preis Resultate im Kampf gegen die sogenannten terroristischen Organisationen zu präsentieren. Dafür werden Statistiken gefälscht, Zivilisten als Kämpfer dargestellt, Belohnungen für Denunziationen gezahlt. Es ist eine Politik, bei der der Zweck die Mittel heiligt, eine Politik, die den Boden bestellt für die Verletzung von Menschenrechten."

Dass auch weiterhin unschuldige Zivilisten getötet werden, darauf wollen die Menschenrechtler von Movice an diesem Freitag weltweit aufmerksam machen. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen. Menschenrechtler wie Ivan Cepeda oder Angehörige von Verschwundenen wie Socorro Duran werden häufig bedroht. Socorro aber will trotzdem nicht stillhalten: "Das muss ich schon für mein Selbstwertgefühl machen. Wer nicht redet, der bleibt stumm. Man muss einfach reden, wenn man irgendwann von irgendjemandem gehört werden will!"

Audio und Video zum Thema