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Europa

Wer liegt im Kaczynski-Sarg?

Der verstorbene polnische Präsident Lech Kaczynski liegt in der Krakauer Kathedrale Wawel - so der offizielle Standpunkt. Doch sein Bruder, der ehemalige Premier, stellt das jetzt in Frage. Wurde die Leiche verwechselt?

Der Sarg mit dem Leichnam Lech Kaczynskis wird durch Warschau zur Aufbahrung in der St. Marien-Kathedrale gefahren (Foto: AP)

Zweifel am Inhalt des Sarges

Der Leichnam, der auf der Krakauer Königsburg Wawel im Sarg Lech Kaczynskis bestattet wurde, stammt möglicherweise gar nicht von dem verstorbenen Staatspräsidenten, wie sein Zwillingsbruder Jaroslaw gegenüber Journalisten am Montag (20.12.2010) in Warschau erklärte.

Der ehemalige Premierminister Jaroslaw Kaczynski erklärte, dass er den Sarg seines Bruders, der bei einem Flugzeugabsturz am 10.04.2010 im russischen Smolensk umgekommen war, vor der Überführung aus Smolensk geöffnet und seinen Bruder darin identifiziert habe. "Ich kann die Tatsache nicht leugnen, dass ich den Körper meines Bruders am Flughafen erkannt habe," sagte er.

Wurden die Leichen verwechselt?

Allerdings habe der Leichnam in dem Sarg, der dann in Polen angekommen sei, seinem Bruder "überhaupt nicht geähnelt". Man habe ihm zwar versichert, dass es sich um den Leichnam seines Bruders handele, allerdings gebe es mittlerweile weitere Hinweise, die darauf hindeuten, dass Leichenteile vertauscht worden sein könnten.

Der Bischof von Krakau zelebriert die Messe in der Marienkathedrale vor der Beerdigung von Lech Kaczynski (Foto: EPA)

So haben auch andere Familienangehörige der Opfer des Flugzeugabsturzes Zweifel an der Identität der Leichen in den Särgen angemeldet. Kaczynski sagte, ihm seien Uniformteile vorgelegt worden, die angeblich seinem Bruder gehört hätten. Allerdings sei sein Bruder kein General gewesen und habe "deshalb auch keine Schulterstreifen eines Generals getragen", sagte Jaroslaw Kaczynski.

Staatsanwaltschaft glaubt nicht an Verwechslung

Die polnische Staatsanwaltschaft, die das Unglück untersucht, hatte zuvor Gerüchte zurückgewiesen, dass Uniformteile im Sarg Lech Kaczynskis enthalten gewesen seien. Kaczynski erklärte, dass er sich noch nicht entschlossen habe, eine Exhumierung zu beantragen, um die Frage abschließend zu klären.

Die Präsidentenmaschine mit Lech Kaczynski und 95 weiteren hochrangigen Vertretern von Staat und Gesellschaft war beim Landeanflug auf den Flughafen von Smolensk in dichtem Nebel abgestürzt. Es gab keine Überlebenden. Anlass der Reise war die Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag des Massakers von Katyn. Dort hatte im Jahre 1940 die sowjetische Geheimpolizei 22.000 polnische Offiziere ermordet. Nach dem Krieg lastete die Sowjetunion das Massaker den Deutschen an.

Gespaltene Öffentlichkeit

Die Unglücksstelle des Absturzes der polnischen Präsidentenmaschine (Foto: AP)

Zweifel an den Untersuchungsergebnissen

Der Flugzeugabsturz führte zu einer erbitterten Auseinandersetzung zwischen den konservativen Anhängern Lech Kaczynskis, die der katholischen Kirche nahestehen, und den linksliberalen Kräften um den jetzigen Premierminister Donald Tusk. Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden politischen Lagern konzentrierten sich auf die Frage, ob die Königsburg Wawel als Begräbnisort angemessen sei, und ob die Ermittlungen mit den russischen Behörden professionell und transparent geführt würden.

Nachdem Tusk anfangs die Kooperation mit Russland gutgeheißen hatte, änderte er seine Meinung Anfang Dezember und erklärte, dass die vorläufigen Untersuchungsergebnisse der russischen Behörden "inakzeptabel" und fehlerhaft seien. Die russischen Behörden beteuerten, dass sie alle vorliegenden Informationen an Polen weitergegeben hätten.

Autor: Fabian Schmidt (rtr, afp)
Redaktion: Nicole Scherschun

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