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Politik

Wer krank wird, zahlt

Wer in Russland krank wird, hat richtig Pech gehabt. Zwar gilt noch das aus Sowjetzeiten stammende System, wonach die Bevölkerung gratis mit Medizin versorgt wird - auf dem Papier. Wer gesund werden will, muss zahlen.

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Stephan Hille

Das Beispiel der Moskowiter Nastja und Kolja zeigt, wie tief das russische Gesundheitswesen gefallen ist. Julia, ihre frisch geborene Tochter, hatte plötzlich hohes Fieber bekommen. Die jungen Eltern sorgten sich, weil die Temperatur auch nach Stunden nicht sank. Sie packten das Kind und fuhren zur Notaufnahme in das nächste Krankenhaus. Dort ließ man sie erst einmal warten. Nach zwei Stunden kam schließlich ein Arzt und bat sie ins Besprechungszimmer. Kolja war inzwischen mit den Nerven völlig fertig und fragte den Arzt, ob er nicht schnell auf dem Balkon eine Zigarette rauchen könne. "Natürlich", sagte der Arzt und öffnete die Balkontür. "Das kostet allerdings 50 Rubel" (1,45 Euro).

Teure Betten

Julia, erklärte der Arzt, ohne das Kind überhaupt angeschaut zu haben, müsse im Krankenhaus bleiben. Das koste 100 Dollar am Tag und müsse sofort bezahlt werden. Kolja kramte Geld für einen Tag zusammen. Sie sollen sich keine Sorgen machen, alles werde gut, sagte der Arzt.

Im Krankenhaus musste Julia fünf Tage mit sechs anderen Kindern auf dem Zimmer bleiben. Insgesamt haben die Eltern, die im Monat zusammen 800 Dollar verdienen, 1230 Dollar für die Genesung ihrer kleinen Tochter bezahlt. 500 Dollar an den Arzt, rund 200 Dollar an die Krankenschwestern dafür, dass sie häufiger nach der kleinen Julia schauen. Die Stationsschwester nahm noch mal 70 Dollar dafür, dass die Mutter auch über die eigentliche Besuchszeit hinaus bei ihrer Tochter am Bett sitzen durfte. Den Rest gaben die Eltern für Medikamente aus, über die das Krankenhaus nicht verfügte.

Schmiergeld für Durchgang

Das russische Gesundheitssystem ist bis in die hinterste Ecke korrupt: Nastja erzählt, dass die Kinderabteilung im 5. Stock lag, der Lift dorthinauf aber kaputt war. Also musste sie über die Treppen nach oben. Die Treppen führten aber durch andere Stationen, zu denen sie keinen Passierschein hatte. Also musste sie die Aufpasser bestechen. "Jedes Mal 100 Rubel", sagt sie.

Niedrige Löhne für Mediziner

Diese Geschichte zeigt, wie sehr es dem russischen Gesundheitswesen an Geld fehlt. Zwar werden die staatlichen Ausgaben für Gesundheit jährlich erhöht, aber das Land ist noch weit weg von einer verlässlichen medizinischen Versorgung. In Deutschland wurden laut Weltgesundheitsorganisation WHO 2002 pro Kopf 2817 Dollar für Gesundheit ausgegeben, in Russland lediglich 535 Dollar.

Ärzte und medizinisches Personal beziehen mitunter die tiefsten Löhne. Während andere Spezialisten wie Ingenieure in der Privatwirtschaft inzwischen beachtliche Löhne verdienen, müssen die Ärzte des staatlichen medizinischen Sektors mit mickrigen Löhnen auskommen, die zum Teil sogar weit unter dem Durchschnittslohn liegen. Kein Wunder also, dass sie sich ein Zusatzeinkommen in Form von selbst erfundenen Gebühren für "Dienstleistungen" wie die Benutzung von Balkonen und die Vermietung von Zimmern organisieren.

Viele Menschen in Russland, gerade ältere, die von kleinen Renten leben müssen, können es sich gar nicht leisten, Ärzte zu bestechen oder Medikamente zu kaufen. Die Verschlechterung des Gesundheitssystems schlägt sich auch in der Lebenserwartung nieder: Wurden russische Männer 1991 im Durchschnitt noch 63,5 Jahre alt (Frauen 74,3), liegt heute die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer bei 58 Jahren und für Frauen bei 72 Jahren.

  • Datum 13.09.2005
  • Autorin/Autor Stephan Hille, Moskau
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  • Permalink http://p.dw.com/p/7AfT
  • Datum 13.09.2005
  • Autorin/Autor Stephan Hille, Moskau
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