″Wer kompetent ist, wird respektiert″ | Nahost/Nordafrika | DW | 12.03.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Nahost/Nordafrika

"Wer kompetent ist, wird respektiert"

Saida El Alaoui ist die einzige weibliche Fußball-Kommentatorin im Süden Marokkos. Die Arbeit als Journalistin beim Sender Radio Plus in Agadir erfüllt einen Lebenstraum der ehemaligen Profi-Fußballerin.

Der Name Saida ist arabisch und bedeutet „die Glückliche“. Das passt gut, denn Saida El Alaoui ist sehr glücklich darüber, dass sie nach ihrer aktiven Karriere als Fußballerin jetzt als Sportreporterin bei Radio Plus in Agadir arbeiten kann. Radio Plus war langjähriger Partnersender der DW Akademie, bei der El Alaoui insgesamt drei Weiterbildungen besuchte. Die Fortbildungen, unter anderem zu Nachrichtenjournalismus, Reportagen und Websitegestaltung, halfen ihr dabei, ihr Wissen über Fußball als Journalistin einzusetzen. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit auf dem Fußballplatz und die besonderen Erfahrungen, die sie als weibliche Sportkommentatorin macht. 

Marokko Fußball-Reporterin Saida El Alaoui (Saida El Alaoui )

El Alaoui im Gespräch mit einem Spieler

Saida, was war das bewegendste Spiel, das Sie je live im Stadion kommentiert haben?

"Das war 2013. Agadir spielte gegen Rabat. Ich war für Radio Plus im Stadion mit 30.000 Zuschauern. Für Fußballkommentatoren ist es das größte Glück, wenn viele Tore fallen. Und da fielen gleich neun! Erst lag Agadir hinten, und es sah nach einer Niederlage aus. Dann aber holte Agadir auf – und gewann schließlich 6:3. Agadir ist mein Verein, aber wenn ich kommentiere, bin ich neutral. Aber natürlich ist es besonders schön, live dabei zu sein, wenn der eigene Verein gewinnt."

Wie reagieren die Leute auf Sie als weibliche Kommentatorin?

"Am Anfang war es merkwürdig für sie. Für mich war diese Reaktion ja nicht neu – schon als Spielerin musste ich mich gegen Stereotype durchsetzen. Aber sehr bald hatte ich überhaupt keine Probleme mehr. Wenn Du kompetent bist, wirst Du respektiert."

Und wie ist es im direkten Austausch mit Spielern und Trainern, die Sie interviewen?

"Sie kennen und respektieren mich. Probleme gibt es höchstens mal mit der Security oder beim Einlass. Aber nicht mit den Leuten, die sich im Fußball auskennen."

Gab es nie unangenehme Situationen für Sie als Frau in dieser Männerdomäne?

Marokko Fußball-Reporterin Saida El Alaoui (Saida El Alaoui )

El Alaoui führt ein Interview für den Sender Radio Plus in Agadir.

"Doch, schon. Manche Spieler oder Trainer haben versucht, mich privat zu treffen. Aber da muss man die Grenzen klar setzen und stark sein. Wenn Du nicht stark bist, schaffst Du es nicht, dass man Dich respektiert. Mit manchen Spielern und Trainern hat sich eine Freundschaft entwickelt. Die wiederum haben zuerst nicht verstanden, warum ich sie in meinen Berichten auch mal kritisiere. Und sie wollten mich beeinflussen. Es hat etwas gebraucht, bis sie verstanden, dass ich, wenn ich mit ihnen Tee trinke, als private Saida da bin, aber als Reporterin Saida bin ich professionell und neutral."

Gibt es Nachteile für Sie als Frau bei der Berichterstattung?

"Ja, ich darf nicht in die Umkleidekabinen wie meine männlichen Kollegen. Daher geht mir die Chance verloren, dort Interviews zu führen. Ich schicke manchmal einen Kameramann rein für ein Video, aber er macht natürlich nicht die Bilder, die ich machen würde. Daher ist das ein Nachteil für mich."

Woher kommt Ihre Liebe zum Fußball?

"Fußball war schon als kleines Mädchen meine Lieblingsbeschäftigung. In meinem Viertel in Agadir habe ich mit den Jungs gekickt. Meine vier älteren Brüder haben mir die Regeln erklärt, und wir haben Matches im Fernsehen gesehen. Irgendwann haben sie mir die Übertragung eines Frauen-Fußballspiels gezeigt. Da dachte ich: ,Warum nicht ich?'"

Und wie kam es, dass Sie dann semi-professionell gespielt haben?

"In der Schule wurde eine Mädchenmannschaft gegründet. Ich habe mich gemeldet und den Aufnahmetest bestanden. Bald gab es die ersten Turniere zwischen Schulmannschaften. Als wir mit dem Verein Najah Souss in die Regionalliga aufstiegen, verbot mir mein Vater teilzunehmen – aus Sorge um mich. Doch der Sportlehrer kam zu uns nach Hause und versicherte ihm, dass ich in Sicherheit sei, auch bei Auswärtsspielen. Dann hat mein Vater zugestimmt. Wir sind durch ganz Marokko gereist. Das durfte ich, seit ich zwölf war. Ich habe in der Regionalliga dann auch andere Mädchen kennengelernt, die ein sehr gutes Level gespielt haben. Das war wunderbar."

Marokko Fußball-Reporterin Saida El Alaoui (Saida El Alaoui )

Saida El Alaoui zu Gast beim "Symposium du football féminin de la CAF".

Haben Sie ein weibliches Vorbild?

"Ja, meine Mutter. Sie war früher eine große Sängerin und hat mit vielen Konventionen gebrochen."

Inwiefern?

"Ihr Künstlername ist Fatima Tihihit Mqoren. Meine Mutter hatte immer eine wunderschöne Stimme. Als junge Frau wurde sie von ihrem Vater zwangsverheiratet. Aus dieser Ehe ist sie ausgebrochen. Sie ließ sich scheiden – und das in den Siebzigerjahren in Marokko! Das war natürlich ein Skandal: eine geschiedene Frau, die ihre Gesangskarriere durchzieht. Ihr Vater wollte ihr die Musik verbieten, um die Familie nicht in Verruf zu bringen. Aber sie machte weiter und war so erfolgreich, dass er irgendwann einlenkte. Sie war eine gefeierte Amazighsängerin (Amazigh = die Berber und ihre Sprache) und gewissermaßen unabhängig. Erst als sie meinen Vater kennen lernte und erneut heiratete, gab sie die Musik aus Liebe zu ihm auf, um eine Familie zu gründen."

Sie hat ihre Karriere an den Nagel gehängt?

"Leider. Ich will das anders machen: Im Juli bekommen mein Mann und ich unser erstes Kind. Er weiß, dass der Journalismus für mich nicht nur ein Job ist, sondern meine Leidenschaft, und will mir ermöglichen auch als Mutter weiter als Reporterin zu arbeiten."

Was wollen Sie noch erreichen im Journalismus?

Marokko Fußball-Reporterin Saida El Alaoui (Saida El Alaoui )

Seit einigen Jahren ist El Alaoui aktiv in einer Komission, die weibliche Sportjournalisten fördert.

"Ich will Spuren hinterlassen. Seit ein paar Jahren bin ich aktiv in einer Kommission, die weibliche Sportjournalisten fördert. Wir wollen den Sport für Mädchen allgemein stärken und auch Mädchen erreichen, die auf dem Land oder in den Bergen leben. Durch den Sport kann man seine Talente entdecken, und die müssen gefördert werden."

Und für Sie persönlich?

"Ich liebe das Radio. Aber irgendwann muss man es als Sportreporterin ins Fernsehen schaffen. Und ich will Beruf und Familie miteinander vereinbaren. Eine Frage der Organisation, sagen viele. Ich habe meinem Mann erklärt, wie wichtig mir diese Arbeit ist, und er unterstützt mich."

Was ist Ihr Rat an junge Mädchen in Marokko?

"Sie sollen immer an sich glauben und machen, was sie wirklich lieben. Nie aufhören, für ihre Träume zu kämpfen."