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Amerika

Wer kommt nach Lula?

Am 3. Oktober 2010 wählen die Brasilianer einen neuen Präsidenten. Als aussichtsreichste Kandidatin für die Nachfolge Lulas gilt die bis vor kurzem noch weitgehend unbekannte Politikerin Dilma Rousseff.

Dilma Rousseff, Foto: ap

Dilma Rousseff gilt derzeit als aussichtsreichste Kandidatin

"Lula war wie ein Vater für uns. Dilma wird unsere Mutter sein!", schreit Lorena Lobos. Sie hält ein Wahlkampfplakat mit dem Konterfei der Präsidentschaftskandidatin Dilma Rousseff vom "Partido dos trabalhadores" (PT), der Arbeiterpartei, hoch und schiebt sich durch die Menschenmenge in Richtung des Stadtzentrums von Curitiba zum Praça Osorio. Zehntausende sind in die Hauptstadt des Bundesstaates Paraná gekommen, wo Präsident Luiz Inácio Lula da Silva die heiße Phase des brasilianischen Wahlkampfes einläutet.

Dilma Rousseff, Foto: ap

Dilma wer? Vor sechs Monaten war Rousseff noch weitgehend unbekannt

Auch Dilma Rousseff bahnt sich den Weg durch die Menge, schüttelt hunderte Hände, umarmt ihre Anhänger und schreibt Autogramme auf T-Shirts, die ihr hingehalten werden. Eine Woche ist sie schon auf Wahlkampftour quer durch die 26 Bundesstaaten Brasiliens. Ihre Stimme ist heiser, aber kämpferisch. "Wir Frauen sind vorbereitet, ein Land wie Brasilien zu führen!", ruft die 62-Jährige aus. "Ich stehe für die anonymen Heldinnen dieses Landes!" Rousseff hat gute Chancen, als erste Frau das fünftgrößte Land der Welt zu regieren.

Lorena Lobos, die ihre drei Kinder allein groß gezogen hat, ist gerührt und sagt: "Ich wähle Dilma nicht nur, weil sie eine Frau ist, sondern weil sie die Politik der Regierung Lula fortführt!" So wie die Supermarkt-Angestellte denken viele Brasilianer. Sie sehnen sich nach Kontinuität, denn die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas erlebt gerade eine Wachstumsphase mit sinkender Arbeitslosigkeit, geringer Inflation und steigenden Löhnen.

Von der "eisernen Lady" zur beliebten Politikerin

Am 3. Oktober 2010 sind rund 135 Millionen wahlberechtigte Brasilianer an die Urnen gerufen, um über einen neuen Staatspräsidenten, sämtliche Gouverneure der Bundesstaaten, die Senatoren sowie die Abgeordneten im Nationalkongress abzustimmen.

Innenaufnahme einer Favela in Rio de Janeiro, Brasilien, Foto: DW

Vor allem die Armen profitieren von der Politik Lulas

Insgesamt drei Kandidaten kämpfen um den Einzug in den Präsidentenpalast. Nach letzten Umfragen liegt Rousseff acht Prozentpunkte vor ihrem konservativen Herausforderer, dem Gouverneur von São Paulo, José Serra, der derzeit auf rund 31 Prozent kommt. Die Kandidatin der Grünen-Partei und ehemalige Umweltministerin, Marina Silva, liegt aktuellen Umfragen zufolge bei neun Prozent.

Das war nicht immer so: vor sechs Monaten war die gestrenge Kanzleramtsministerin nur politischen Insidern bekannt. Damals lag Serra, der 2002 schon einmal als Präsidentschaftskandidat antrat, rund zehn Prozentpunkte vor Rousseff. Die Politikerin hat enorm aufgeholt und für viele Beobachter ist die Aufholjagd der als Technokratin und "eiserne Lady" titulierten Frau überraschend.


Armut halbiert

Der Politikwissenschaftler an der Universität São Paulo, André Singer, erklärt die hochgeschnellte Popularität von Rousseff mit dem Phänomen des "Lulismo": Rousseff gilt als engste politische Vertraute des populären Präsidenten Lula da Silva, als Kanzleramtsministerin zog sie bereits die Fäden im Hintergrund. Vor allem die ärmeren Schichten hätten von den sozialen Programmen des Arbeiterpräsidenten und Gewerkschaftsführers Lula profitiert, so der Experte. "Diese Klasse ist auf staatliche Unterstützung angewiesen. Sie kann nicht aus eigener Kraft ein würdiges Leben führen", sagt Singer, der auch Regierungssprecher unter Lula da Silva war. "Ihren persönlichen Aufstieg verbinden sie mit dem Namen Lula."

Innerhalb von acht Jahren führte die Regierung Lula da Silva eine Sozialhilfe, die "bolsa família" für besonders Bedürftige ein, verdoppelte den staatlich verordneten Mindestlohn auf aktuell 500 Reais, was in etwa 217 Euro entspricht, und unterstützte die arme Bevölkerung mit Mikrokrediten und der Initiative "Luz para todos" ("Licht für alle") zur Elektrifizierung des ländlichen Raumes. "Diese Politik begünstigt die PT, um an der Macht zu bleiben. Wer weiß, vielleicht für die nächsten 20 Jahre", sagt Singer. Auf rund 47 Prozent aller Brasilianer schätzt der Politikwissenschaftler diese Schicht.


Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva (3.v.r.) mit Dilma Rousseff (2.l.), Foto: ap

Rousseff profitiert von Lulas Politik: Er lenkte Brasilien in eine Wachstumsphase mit sinkender Arbeitslosigkeit, geringer Inflation und steigenden Löhnen.


Guerilla-Vergangenheit?

Rousseff hat von Lula gelernt: Sie hat das Bad in der Menge geübt, tritt in legerer Kleidung auf und hält ihre Reden frei. 2008 erkrankte Rousseff an Lymphdrüsenkrebs, musste sich einer Operation und Chemotherapie unterziehen. Erst kurz vor ihrer Kür zur Präsidentschaftskandidatin gab sie bekannt, dass der Krebs überwunden sei. Damals trug sie noch eine Perücke und stand öffentlich dazu. Viele Brasilianer zollten dieser Haltung Respekt.

Zugleich ist Dilma Rouseff aufgrund ihrer Vergangenheit nicht unumstritten: Im Wahlkampf spricht sie offen über ihre Studentenzeit. Als 22-jährige Studentin schloss sie sich linken Guerillaorganisationen an und kämpfte gegen die Militärdiktatur in Brasilien. Sie war an der Planung von Entführungen und bewaffneten Überfällen beteiligt. 1970 wurde Rousseff inhaftiert, musste drei Jahre ins Gefängnis und wurde dort auch gefoltert. "Brasilien hat sich verändert und ich habe mich verändert", sagt sie heute rückblickend. "Als ich aus dem Gefängnis kam, wusste ich, der größte Wert ist, in einer Demokratie zu leben."

Autorin: Susann Kreutzmann

Redaktion: Ina Rottscheidt

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