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Sport

Wer knackt den Sky-Zug?

Titelverteidiger Chris Froome spricht von der stärksten Konkurrenz, gegen die er bisher antreten musste. Können die Gegner dem Dominator der Tour de France dieses Mal wirklich gefährlich werden? Eine Analyse.

Jedes Detail zählt. So kann man die Philosophie von Team Sky zusammenfassen. Seit Jahren beschwören sie beim britischen Rad-Rennstall die so genannten "marginal gains", die kleinen Verbesserungen, die in der Summe ihre Überlegenheit gegenüber anderen Teams ausmachen sollen. In der Tat geht Sky Radrennen wissenschaftlich an, optimiert Training, Ernährung, Material, Kleidung selbst den Teambus nach statistischen Erhebungen - alles mit dem Ziel, die Besten zu sein.

Das gelang in den Vorjahren eindrucksvoll. Seit 2012 dominieren sie die Tour de France - mit Ausnahme des Jahres 2014 als Chris Froome auf dem regennassen Kopfsteinpflaster Nordfrankreichs stürzte und verletzt dem Italiener Vincenzo Nibali das Feld überlassen musste. Und nicht nur die Konkurrenz fragt sich: Wie ist das möglich? Die Schlagzeilen der vergangenen Monate um eine mysteriöse Medikamenten-Lieferung an Bradley Wiggins, Toursieger 2012, haben viele argwöhnische Beobachter in ihren Zweifeln gegenüber Team Sky bestätigt. Als Teammanager Sir David Brailford in Düsseldorf ankommt, dauert es nicht lange, bis er gefragt wird, ob sein Team ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Er antwortet ausweichend: "Wir sind sehr fokussiert auf das Rennen. Wir haben uns nicht von den Werten entfernt, mit denen wir gestartet sind." Die Aussage ist gewagt. Denn die vollmundig versprochene "Zero-Tolerance"-Haltung gegenüber Doping lässt sich angesichts von jahrelang genutzten medizinischen Ausnahmeregelungen für Doping-Präparate nicht wirklich nachvollziehen. Die Umstände der von Medien aufgedeckten Sky-Machenschaften sind dubios, die Erklärungen klingen halbseiden, doch noch ist in dieser Affäre nichts gerichtsfest. Kurz: Der Sky-Train rast vorerst weiter.

"Richie ist der Mann, den es zu schlagen gilt"

Radsport Richie Porte AUS BMC Racing Team gewinnt das Zeitfahren des Criterium du Dauphine 2017 und kan (Imago/Mario Stiehl)

Kann Ex-Teamkollege Richie Porte Froome herausfordern? Die Fähigkeiten hat er - aber auch das Team?

Also muss die Konkurrenz versuchen, ihn auf der Straße zu stoppen. Und die Chancen dafür stehen gut - meint ausgerechnet Chris Froome. "Die Herausforderung ist größer denn je", sagt er mit leiser, klarer Stimme, "Ich hatte noch nie so starke Rivalen." Gepflegtes understatement. Und dann gibt er sogar die Favoritenrolle ab: "Richie ist der Mann, den es zu schlagen gilt." Richie, das ist Richie Porte, einst sein bester Helfer bei Sky, heute bei BMC auf eigenen Wegen unterwegs. Der Australier Porte hat von allen Anwärtern auf das Gelbe Trikot die  stärkste Leistung in diesem Frühjahr gezeigt, gewann die Tour Down under und die Tour de Romandie. Das Critérium du Dauphiné hätte er auch gewonnen, hätten auf der Schlussetappe nicht plötzlich alle Gegner geschlossen gegen ihn gearbeitet. Das Leichtgewicht aus Tasmanien, das seine Karriere übrigens unter einem gewissen Bjarne Riis begann, scheint in der Tat bereit für den Kampf gegen Froome. "Ich bin fest überzeugt, dass ich ganz oben landen kann", gibt sich Porte selbstbewusst, der im Vorjahr noch Pech mit Defekten und einem Sturz hatte. Doch auch Porte weiß, dass Froome immer noch die stärkste Mannschaft im Rücken hat: "Dagegen anzukämpfen ist schwer".

Gelingen kann dies wohl nur mit einer Allianz, wie man sie kürzlich bei der Dauphiné sehen konnte. Damals brachten die Teamtaktiken plötzlich den enteilten Dänen Jakob Fuglsang unverhofft in die Lage, die Rundfahrt zu gewinnen. Gemeinsam mit dem Italiener Fabio Aru bildet er beim Astana-Rennstall eine starke Doppelspitze. Bei Movistar gibt es eine ähnliche Konstellation: Kolumbiens stiller Star Nairo Quintana will mit dem alternden spanischen Dauerbrenner Alejandro Valverde den Titelverteidiger Froome herausfordern. Quintana könnte allerdings vom intensiven Giro, den er in einem kraftraubenden Sekundenkampf als Zweiter abschloss, geschwächt sein. So erging es jedenfalls im Vorjahr Alberto Contador. Der spanische Toursieger von 2007 und 2009 machte mit dem Doppelstart keine guten Erfahrungen und fuhr in Frankreich hinterher. Nun versucht es der inzwischen 34-Jährige wohl noch einmal mit frischen Beinen, muss aber auf seinen Teamkollegen Andre Cardoso verzichten. Der Portugiese lieferte eine positive Dopingprobe ab - ein (erstes) fahles Licht, das auf die zuletzt sehr um Glaubwürdigkeit kämpfende Tour de France 2017.

Eine Tour für Kletterer

Frankreich Tour de France- Christopher Froome, Etappe 19 (picture-alliance/dpa/Y. Valat)

Im Vorjahr wankte er nur kurz: Gezeichnet von einem Sturz kommt Froome ins Ziel - und dominierte dennoch.

Vielleicht dürfen aber auch endlich wieder die Gastgeber jubeln. Bei der 104. Austragung ihrer Landesrundfahrt hoffen die Franzosen auf einen Heimsieg - wieder einmal. 32 Jahre nach dem letzten Sieg durch Bernard Hinault zählt mit dem Vorjahreszweiten Romain Bardet ein Franzose zu den Favoriten. Ihm kommt das Streckenprofil entgegen. Auf den 21 Etappen finden sich nur zwei kurze Einzelzeitfahren (14 km in Düsseldorf und 22,5 km in Marseille), dafür aber fünf Berg- und fünf Mittelgebirgs-Etappen. Für den hageren Kletterer aus dem AG2R-Rennstall ein klarer Vorteil.

Die 3540 Kilometer durch Deutschland, Belgien, Luxemburg und Frankreich müssen also die Antwort geben, ob der Sky-Zug wirklich zu knacken ist. Froomes erlesene Helfer wie Sergio Henao, Geraint Thomas, Mikel Landa oder Michal Kwiatkowski wären bei anderen Teams selbst Kapitäne. Beim 28-Millionen-Euro-Team Sky arbeiten alle für einen, wie der deutsche Domestike Christian Knees im DW-Interview verrät: "Wir kommen hier hin und wissen, dass wir eine Aufgabe haben. Und die heißt: Chris Froome soll gewinnen." Und wenn es nach den Buchmachern geht, wird Knees recht behalten - trotz der starken Konkurrenz. Nur 2,45 Euro erhält man für einen eingesetzten Euro bei einer Wette auf Froome. Wetten, dass er auch dieses Jahr nicht zu schlagen ist?

 

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