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Asien

Wer ist Chen Guangcheng?

Er ist blind, aber beileibe nicht hilflos. Dem Anwalt für Menschenrechte Chen Guangcheng ist offenbar die Flucht aus dem Hausarrest gelungen. In einem Video erhebt er schwere Vorwürfe gegen die chinesischen Behörden.

Lange war es ruhig gewesen um den blinden Menschenrechtsaktivisten Chen Guangcheng - weil die Behörden in seiner Heimatprovinz Shandong den Juristen unter Hausarrest gestellt hatten. Jetzt ist er wieder präsent: In einer 15-minütigen Videobotschaft, verbreitet über Youtube und aufgenommen nach seiner Flucht aus dem Hausarrest. Vor einem hellen Vorhang sieht man Chen. Der 40-jährige trägt eine Trainingsjacke und eine Sonnenbrille. Er berichtet von schweren Misshandlungen während seines Hausarrests. Auch seine Frau und Mutter seinen auf brutale und unmenschliche Weise behandelt worden.

Chen forderte Regierungschef Wen Jiabao auf, Ermittlungen aufzunehmen, wer seinen Hausarrest und die Misshandlungen angeordnet habe. Schon am vergangenen Sonntag (22.04.2012) soll Chen Guangcheng die Flucht gelungen sein, obwohl die Behörden sein Heimatdorf in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt hatten.

Im Selbststudium Jurist

Als Kind hatte Chen Guangcheng sein Augenlicht verloren. Mit eisernem Willen brachte Chen sich dennoch in den 1990er Jahren im Selbststudium Jura bei. Dieses Wissen setzte er gegen die besonders brutale Umsetzung der staatlichen Ein-Kind-Politik in seiner Heimatprovinz Shandong ein. Chen warf den Behörden von Shandong vor, in über 7.000 Fällen Frauen zur Sterilisation gezwungen oder Abtreibungen bei weit fortgeschrittenen Schwangerschaften durchgesetzt zu haben. Damit wurde auch gegen chinesisches Recht verstoßen.

2006 führte das amerikanische Magazin "Time" ihn deshalb unter den 100 einflussreichsten Menschen auf. Da stand Chen bereits unter Hausarrest. Im August 2006 wurde Chen dann zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt - wegen Verkehrsbehinderung. Im Gefängnis war Chen nach Angaben seiner Frau schweren Misshandlungen ausgesetzt. Er soll sogar in den Hungerstreik getreten sein.

80 Bewacher für einen blinden Aktivisten

Im September 2010 wurde der Menschenrechtsaktivist aus der Haft entlassen. Aber frei war er noch lange nicht. Rund um Chens Haus in seinem Heimdorf wurden Überwachungskameras installiert. Geheimpolizei hinderte ihn am Verlassen seines Hauses. In seinem Video erklärt Chen, rund 80 Personen seien für seine Überwachung zuständig gewesen. Im vergangene Jahr war es Chen gelungen, ein Video über seine Überwachung an den Kontrollen vorbei schmuggeln zu lassen. Die Antwort der Behörden: Chen wurde krankenhausreif geschlagen.

Jetzt ist Chen anscheinend in Sicherheit. Seine Sorge gilt seiner Frau und seiner Mutter, beide befinden sich noch in Chens Heimatdorf. Der Aktivist befürchtet, dass die Behörden sich an ihnen rächen könnten.

Es wird darüber spekuliert, ob Chen sich in der amerikanischen Botschaft aufhält. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht. Sollte sich Chen tatsächlich in der US-Botschaft aufhalten, wäre der Zeitpunkt bedeutungsvoll: Mitte nächster Woche werden US-Außenministerin Hillary Clinton und Finanzminister Timothy Geithner in Peking zum strategischen Dialog mit China erwartet