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Kultur

Wer ist Andrei? - Junge Deutsche, Rumänen und Roma spielen Theater

Identität, Minderheit und Diskriminierung sind die Themen eines Theaterworkshops für junge Roma und Nicht-Roma aus Deutschland und Rumänien.

Szene aus dem Theaterstück Wer ist Andrei? (Quelle: DW)

16 Deutsche, Rumänen und Roma nahmen an dem zweiwöchigen Workshop teil

"Speicheltest. Mörderspucker. Wer war's? Er war's!" So hallt es durch eine rumänische Dorfstraße. Wer war es? Am Anfang war es eine Gruppe: Acht Jugendliche aus Berlin, der Metropole im Herzen Europas, und acht Jugendliche aus Hosman, einem rumänischen Dorf in der Nähe von Sibiu in Transsilvanien. Und da war noch ein Theaterstück, in dem der Hauptheld Andrei seine Identität sucht.

Projektleiterin und Regisseurin Susanne Chrudina (Quelle: DW)

Projektleiterin und Regisseurin Susanne Chrudina

So ähnlich wie die 16 Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren, die aus gänzlich unterschiedlichen sozialen Schichten kommen. Jugendliche, die hier in Hosman in einem zweiwöchigen Workshop gemeinsam mit ihrer Regisseurin Susanne Chrudina im wahrsten Sinne des Wortes "Theater machen". Die Berlinerin gehört zu einer Künstlergruppe mit dem treffenden Namen "Spree-Agenten" und leitet das Projekt im Rahmen der Reihe "Europeans for Peace". "Theater ist eine zutiefst sinnliche Sache. Es wird erzählt über Körper, über die Augen und das funktioniert ganz ohne Worte, aber es funktioniert auch in unterschiedlichen Sprachen. Wie die Teilnehmer voneinander Worte gelernt haben, Sprache gelernt haben und Verständigung in diesen zehn Tagen, das ist wirklich Wahnsinn", schwärmt die junge Regisseurin.

Anders als die "perfekte unbefleckte Gesellschaft"

Die multi-ethnische Gruppe erarbeitet Dialog um Dialog über die Beziehung des Einzelnen zu sich selbst und zu der Gemeinschaft, der er angehört. Jeder versucht auf seine Art, den Auftritt des Haupthelden Andrei im eigenen Leben zu verarbeiten. Der Held ist ein Jugendlicher wie die 16 Darsteller auch und an die Figur des Andrei aus "Andorra", dem Stück von Max Frisch, angelehnt. Der Junge ist anders als die Mehrheit, als die Gemeinschaft, der er angehört. Eine Gemeinschaft, die von sich selbst behauptet, perfekt und unbefleckt zu sein. So perfekt und unbefleckt wie die Projektionen jener abgeschotteten Gemeinschaften, aus denen die 16 Jugendlichen kommen. Es sind Deutsche, Rumänen, Roma. Auf der Bühne werden sie zusammenwachsen zu einem Team – mehr noch, sie werden Freunde. Obwohl sie unterschiedliche Sprachen sprechen, bemühen sie sich, einander zu verstehen, zu begreifen.

Szene aus dem Theaterstück Wer ist Andrei? (Quelle: DW)

Drei Identitäten treffen aufeinander: Roma, Deutsche und Rumänen

Susanne Chrudina ist überzeugt: "Man muss mit seiner Identität offensiv umgehen. Es ist grundsätzlich im 21. Jahrhundert schwierig, sich für eine Identität zu entscheiden, weil es nicht mehr so einfach ist wie früher, als man einfach der Sohn vom Pastor, vom Tischler war oder zu der und der Familie gehörte. Es ist grundsätzlich ein Thema für alle.“

Wo komme ich her? Wie bin ich? Wie möchte ich sein?

Die Schlussvorstellung findet, wie der gesamte Workshop, auf der Straße statt - an den jeweiligen "Originalschauplätzen" im Dorf Hosman und damit unweigerlich auf die konkrete Situation des gegenwärtigen rumänischen Alltags übertragen. Dadurch bettet sich die Projektarbeit in die Realität des Dorfalltags ein. Bestehende Parallelen werden offensichtlich und erreichen die dortige Bevölkerung. Das Publikum ist dabei so gemischt wie die Theatergruppe.

Einwohner von Hosman (Quelle: DW)

Das Interesse der Einwohner von Hosman an dem Theaterstück ist groß

In dem Dorf, das ursprünglich Holzmengen hieß, gibt es nur noch wenige Nachkommen der siebenbürgisch-sächsischen Dorfgründer, die hier zusammen mit Rumänen und der Roma-Mehrheitsbevölkerung leben. Unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Kulturen verfolgen Szene um Szene – jeder für sich und doch alle gemeinsam suchen die Menschen eine Antwort auf die wesentlichen Fragen des Lebens. "Wo komme ich her, wie bin ich, was denke ich über mich, kenne ich mich und wie möchte ich sein? Gibt es Identitäten, die problematisch und schwierig sind? Gibt es Identitäten, mit denen es sich nicht so leicht leben lässt? Versteckt man gewisse Identitäten? Das sind die Fragen", sagt Susanne Chrudina.

Einfache Beispiele für eine europäische Lösung

Die Ergebnisse der Werkstattarbeit wurden von den Jugendlichen zu einer Szenen-Collage zusammengestellt. Darüber hinaus haben sie den Arbeitsprozess per Video und Foto-Kamera begleitet. Es entstand eine Videodokumentation des Projekts und ein Katalog mit Foto- und Textbeiträgen. Diese sollen später zusammen mit einzelnen Szenen sowohl in Berlin als auch in Hosman und Sibiu/Hermannstadt im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung dem Publikum und der Presse vorgestellt werden.

Bereits im vorigen Jahr hatten die "Spree-Agenten" in Kooperation mit der Stiftung "Hosman Durabil" mit großem Erfolg das Theaterprojekt "ZALINA" in Hosman im Rahmen des Programms "Sibiu - Kulturhauptstadt 2007" auf die Beine gestellt. "ZALINA" wurde mit dem Exzellenzpreis für das beste Programm im Kulturhauptstadtjahr 2007 ausgezeichnet. Die Begründung der Jury war damals: "Das Theaterstück in Hosman, heute zumeist von Roma bewohnt, war ein sehr einfaches Beispiel dafür, wie sich viele der heutigen Probleme Europas lösen lassen könnten." Ähnliches gilt wohl auch für das neue Stück.

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