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Asien

Wer hat Angst vor dem neuen Tiger?

Der Westen schaut skeptisch auf Indiens neuen Regierungschef Narendra Modi. Dabei sollte man dem Neuen erstmal eine Chance geben. Macht er seine Arbeit gut, profitiert davon ganz Asien, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Indien hat frei gewählt – doch mit dem Ergebnis sind viele im Westen nicht glücklich. Das Land soll künftig von Narendra Modi geführt werden. Ausgerechnet Modi, ein Hindu-Nationalist, der es auf die Moslems im Land abgesehen hat. Ein Mann, dem von den USA wegen seiner „Verantwortlichkeit für schwere Verletzungen der Religionsfreiheit“ ein Einreisevisum verweigert wurde, weil er bei blutigen Unruhen von Hindus, die gut 80 Prozent der Bevölkerung ausmachen, gegen die moslemische Minderheit, die jedoch immerhin mit 12 Prozent auch noch 144 Millionen Menschen ausmachen, nicht schnell genug eingeschritten sein soll. Das oberste Bundesgericht hat ihn von den Vorwürfen 2012 freigesprochen und die Inder haben ihn mit der überwältigenden Mehrheit gewählt.

Die Kritik aus dem Westen reißt nicht ab. Er könne sogar zu einer Gefahr für die größte Demokratie der Welt werden, wurde in Europa und in den USA nun in den Tagen nach der Wahl gewarnt. Daran sollte man sich im Westen schleunigst gewöhnen. Die Inder wählten mit großer Mehrheit jemanden, den sie für den Richtigen halten und nicht etwa denjenigen, den Gutmeinende im Westen für richtig halten. Modi wurde denn auch nicht wegen seines religiösen Eifers gewählt, sondern weil er neue Jobs, eine bessere Infrastruktur, mehr Wohlstand und weniger Korruption und Bürokratie versprochen hat. All das braucht Indien dringend. Denn das Land ist weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Stabile Diktatur schlägt Kurs-suchende Demokratie

Frank Sieren (Foto: DW)

China ist Indien um mindestens zehn Jahre voraus, sagt Frank Sieren

In den 90er-Jahren gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Indien und China. Die große Frage lautete damals: Wer wird die neue Nummer Eins in Asien. Heute haben zwar beide Länder mehr als eine Milliarde Einwohner. Was den wirtschaftlichen Erfolg angeht, haben sich die Wege aber längst getrennt. Während Chinas kommunistische Partei dem Land ein knallhartes Exportmodell verordnete und gleichzeitig stets beinahe paranoid auf die politische Stabilität achtete, schaffte es in Neu Delhi keine Regierung, in ihrer Amtszeit langfristig den richtigen Kurs einzuschlagen. Das Ergebnis: Die Einparteien-Diktatur in China ist gegenwärtig dem demokratischen Indien in allen menschlichen Grundbedürfnissen um mindestens ein Jahrzehnt voraus. Kaum jemand hungert noch, die Hygienestandards sind deutlich höher und die Menschen können lesen und schreiben. In Indien ist noch fast jede zweite Frau nicht dazu in der Lage. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt knapp ein Sechstel, das Prokopfeinkommen ein Viertel und das Wachstum ist nur halb so groß wie das chinesische. Statt sich über Modi zu ärgern, wäre es aus der Sicht des Westens Indien also zu wünschen, dass der 63-jährige Modi, der nun über die stärkste Regierungsmehrheit seit 1984 verfügt, tatsächlich zur wirtschaftlichen Aufholjagd auf China ansetzen kann. Denn je mehr Indien im Vergleich zu China aufholt, desto weniger abhängig ist der Westen von den Spielregeln Chinas. Doch bisher ist der Abstand zwischen China und Indien nur größer geworden.

In China wird Modi mit größerer Gelassenheit begrüßt als im Westen. Das ist erstaunlich, denn die explosive Mischung aus Religion und Politik liegt der chinesischen Regierung gar nicht und die Beziehungen zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Ländern Asiens sind eher angespannt. Es ärgert die Chinesen nach wie vor sehr, dass Indien dem Dalai Lama Exil bietet. Und die Inder wiederum nehmen es den Chinesen übel, dass sie gemeinsam mit ihrem Erzfeind Pakistan Straßen und Dämme in der Kashmir-Region bauen, die auch von Indien beansprucht wird. Immerhin verbindet China und Indien eine strategische Partnerschaft. Vor allem immer engere Handelsbeziehungen bringen Stabilität. Am schwierigsten ist es für die Inder, dass sie zwar als die größte Demokratie der Welt vom Westen hofiert werden. Mehr zu sagen, wenn es um die globalen Spielregeln und die Lösung der internationale Konflikte geht, haben jedoch die Chinesen.

Insofern ist politisch sehr wichtig, dass die chinesischen Medien gegenüber Modi versöhnliche Töne anschlagen. Sie betonen eher die Chancen als die Risiken. Und das liegt nicht daran, dass es politisch verordnet ist, sondern auch daran, dass die chinesischen Aufsteiger offener sind, als die Etablierten im Westen. Die Wochenzeitung China Weekly beispielsweise hofft auf neue Infrastrukturgeschäfte und auch die Wirtschaftszeitung 21 Century Business Harald, einer der wichtigsten Wirtschaftszeitungen Chinas, bescheinigt Modi wirtschaftlichen Sachverstand, von dem auch China profitieren könne. Und diese optimistische Einschätzungen sind nicht einmal Vorschusslorbeeren. Vor seiner Wahl zum neuen Premierminister Indiens war er Chef im Bundesstaat Gujarat, den er in eines der wichtigsten Wirtschaftszentren des Landes verwandelt hat. In China kennt man Gujarat gut, weil sich dort in den vergangenen Jahren viele chinesische Unternehmen angesiedelt haben. Dass sich auch viele deutsche Unternehmen, wie zum Beispiel BASF, erfolgreich dort niedergelassen haben, spielt in der deutschen Berichterstattung wiederum keine so große Rolle.

Modi muss liefern

China jedenfalls hofft darauf, dass die guten Geschäfte, die sie in Gujarat schon jetzt machen können, bald auch in ganz Indien möglich sein werden. Klar ist aber auch: Modi muss nun erst einmal liefern. Und auch er weiß, dass es nicht so leicht wird, ein ganzes Land ähnlich erfolgreich zu reformieren, wie es ihm mit Gujarat bereits gelungen ist. Denn anders als China hat Indien keine funktionierende Verwaltung, weil es eben noch nicht Jahrhunderte als Einheit existiert, sondern im Grunde erst im 19. Jahrhundert von der Kolonialmacht England erfunden wurde.

Die Skepsis des Westens gegenüber der Integrität von Modi verdeckt auch, wie gut es für Asien wäre, wenn Modi Erfolg hätte. Das vor Kraft strotzende China eckt im Wachstumsrausch dort nämlich schon seit geraumer Zeit immer mal wieder bei seinen deutlich kleineren Nachbarn an. Länder wie Malaysia, die Philippinen oder Vietnam sind zum Beispiel gar nicht erfreut darüber, dass das Reich der Mitte große Teile des Südchinesischen Meeres für sich beansprucht und seine Grenzen quasi direkt vor die Küsten der Nachbarstaaten verlagert hat.

Eine zweite Großmacht würde den aufstrebenden Kontinent stabilisieren. Es steht also vieles auf dem Spiel. Das hat man in China eher bemerkt als im Westen. Denn, wenn Modi es nicht schaffen sollte, wird es eng für Indien. Und China mag an einem schwachen Indien Interesse haben, an einem instabilen jedoch nicht.

DW- Korrespondent Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.