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Alltagsdeutsch – Podcast

Wer den Cent nicht ehrt

Früher war es der Pfennig, seit 2002 ist es der Cent: die kleinste Münzeinheit in Deutschland. Glänzt er ganz neu, soll er Glück bringen. Und wer ihn nicht ehrt, der hat laut einem Sprichwort Pech in Gelddingen.

Sprecher:

Um das liebe Geld soll es heute gehen. Denn, ob man es hat oder nicht, es ist ein wichtiges Thema. Auch wenn ein geflügeltes Wort in Deutschland heißt Über Geld spricht man nicht – wir wollen es heute tun. Sparsamkeit war für viele Menschen früher eine wichtige Tugend, und für manche gilt das auch heute noch. Wie es die Menschen halten mit dem Sparen und mit dem Schuldenmachen, hat unsere Reporterin erkundet.

Sprecherin:

Die erste Vorstellung vom Sparen wird den Deutschen in ihrer Kindheit von einem niedlichen kleinen Tier vermittelt. Prall, rund und rosa zierte es Kommoden und Nachttische, regte Kinderphantasien an und erfüllte kleine Wunschträume.

O-Töne:
"Ja, haben wir. Das Sparschwein ist nur für 'n Urlaub. / Das hat so 'ne Schweinform gehabt, war von der Sparkasse, so eins aus Plastik. / Ja klar, da kann ich mich noch total gut dran erinnern, weil das hab' ich irgendwann mal hab' ich so viel drin gehabt, dass ich das dann geschlachtet habe, so richtig kaputtgeschlagen. Da war ich, glaube ich, zwölf. Und dann habe ich mir davon meine erste Jeans gekauft, so 'ne richtig tolle. Und meine Mutter ist im Dreieck gesprungen, aber ich war natürlich stolz wie Oskar, weil das war 'ne richtig tolle Hose."

Sprecher:

Die Mutter unserer letzten Sprecherin ist im Dreieck gesprungen, als ihre Tochter das Gesparte für eine Jeanshose ausgab. Tatsächlich hat sie das wohl nicht getan, sich aber doch sehr aufgeregt und geärgert. Die lässige Sprachformel im Dreieck springen ist sehr verbreitet, und es ist egal, ob man dabei von einem Drei-, Vier- oder Sechseck spricht. Stolz wie Oskar war unsere Passantin nach ihrem Einkauf. Es ist zwar nicht ganz klar, ob es wirklich einen Oskar gegeben hat, auf den sich diese Wendung beruft. Verbreitet ist der Ausdruck in jedem Fall für jemanden, der sich außerordentlich stolz zeigt.

Sprecherin:
Deutschlands Sparquote, das heißt die Summe, die alle Deutschen in einem Jahr sparen, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten prozentual kaum verändert. Nur in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung war die Sparquote leicht gesunken. Doch hat sie sich inzwischen wieder auf ihren Normalwert eingependelt. Spitzenreiter auf der Liste der Dinge, für die gespart wird, sind nach wie vor Auto, Haus und Urlaub. Das Prinzip der beständigen Sparsamkeit hat natürlich seine sprachlichen Spuren hinterlassen.

O-Ton:

"Da sag ich lieber Schuster bleib bei Deinen Leisten, ne, und back' lieber 'n paar Jahre kleine Brötchen, indem ich spare, ne, und mir was auf die hohe Kante lege. Und wenn ich dann dafür gearbeitet hab' und das Geld dafür zusammen hab', kann ich mir mit ruhigem Gewissen was Schönes kaufen, was ich ja schon immer haben wollte und freue mich dann richtig da dran."

Sprecher:

Der Schuster, der bei seinen Leisten bleibt, ist ein beliebtes Sprichwort, um die Vernunft des Mäßigen auszudrücken. Man soll nur das arbeiten, nach außen vertreten und an Gütern anschaffen, was zu einem passt, was man gelernt hat und was man sich leisten kann. Zurückhaltung beim Geldausgeben wird auch durch die Formel kleine Brötchen backen ausgedrückt. Die hohe Kante ist ein Ort, der nur schwer und daher selten erreicht wird. In der Wohnung auf irgendeiner hohen Kante verwahrt heute kaum noch jemand sein Geld. Das Bild für das Gesparte aber ist geblieben, auch wenn es auf einem Bankkonto ruht.

Sprecherin:

In Deutschland gibt es zwar eine breite Masse solider Sparer, doch gleichzeitig wächst die Zahl derjenigen, die einen Kredit aufnehmen, um sich ihre Wünsche zu erfüllen. Zu den Konsumentenkrediten zählen alle geliehenen Ausgaben für den direkten Konsum, also für Elektrogeräte, Möbel oder Autos. Nicht dazu gehören die weitverbreiteten Baufinanzierungen, mit denen man ein Haus auf Raten abzahlt.

O-Töne:

"Einmal, da haben wir zehntausend für et Auto auf Kredit genommen. Beim Sparbuch gab et 3,5, und auf Kredit hat 1,9 gekostet. Also, im Endeffekt hab 'n wir dadurch gespart. / Ja, also nur mal schon 'nen kleiner Kredit, so bis dreitausend, was man meistens als 'nen Dispo-Kredit sagen kann. Also zum Beispiel 'ne Waschmaschine, wenn die jetzt kaputtging. Dafür würde ich wahrscheinlich einen aufnehmen. / Ja, ich würde sagen, Mobiliar schon, zweckmäßig dann aber auch, kein Schnickschnack. Ich hab 'ne teure Wohnungseinrichtung, die hab ich mir mal zugelegt. Da hab' ich eigentlich gar nicht für gespart, weil ich mir das in jungen Jahren auf Kredit zugelegt habe. Und da zehre ich heute noch von – nach 25 Jahren."

Sprecher:

Nach Meinung der letzten Passantin gibt es sinnvolle Anschaffungen, und es gibt Schnickschnack. Schnickschnack ist der unnütze Kleinkram, der sein Geld eigentlich nicht wert ist. Mit dem gängigen Ausdruck kann auch sinnloses Gerede gemeint sein. Schnickschnack ist also alles Unsinnige und Überflüssige.

Sprecherin:

Die Anschaffung von Konsumgütern ist zwar längst gängige Praxis geworden, doch gilt es immer noch vielen Menschen als unmoralisch, etwas mit geliehe­nem Geld anzuschaffen. In dieser Ablehnung mischt sich die Angst vor der realen Gefahr, in unbezahlbare Schulden zu geraten, mit der überlieferten Moral der Sparsamkeit.

O-Töne:

"Wie zum Beispiel für Urlaub ist der größte Schwachsinn, Kredit aufzunehmen, meiner Meinung nach, ne, das würde ich niemals machen, ne. Gut, für 'n Auto und so, dat sind doch dicke Anschaffungen. Wenn man sich das finanziell erlauben kann und man ist im Nachhinein abgesichert, dass man die monatlichen Raten bezahlen kann, dann würde ich mal akzeptieren. Aber wie für Urlaub oder andere Luxusgüter, die nicht sein müssen, dat käm' für mich nicht in Frage. / Ich kenn' Leute, die kaufen nur auf Pump, zum Beispiel die Schwester von meiner Frau. Ich würd' 's nicht machen. Die kommen hinten und vorne letzten Endes nicht mehr hoch. / Ich würd' sagen, man soll eben Dinge, die man sich nicht leisten kann – da kann man wohl drauf hin arbeiten und kann versuchen, also sparen und kann mal versuchen, die Dinge irgendwann zu erwerben. Aber wenn man absolut kein Geld hat und muss sich nur verschulden, um dann irgendwelche Dinge zu besitzen, dann kommt das dicke Ende immer."

Sprecher:

Auf Pump kaufen oder jemandem etwas pumpen sind gebräuchliche umgangssprachliche Formulierungen für das geliehene Geld. Wenn man zu sehr auf Pump lebt, kommt man hinten und vorne nicht mehr hoch. Das Bild des trägen Vierbeiners, der es nicht schafft, sich aufzurichten, verleiht dem Ausdruck die nötige Kraft. Das dicke Ende sieht der letzte Sprecher kommen, wenn man übermäßig Schulden macht. Das dicke Ende verkündet Unheilvolles und Bedrohliches, das mit einem bestimmten Handeln geradezu schicksalhaft verbunden ist.

Sprecherin:

Der Markt der Kreditwirtschaft ist für den Durchschnittsbürger undurchschaubar geworden. Neben seriösen Angeboten lauern auch zahlreiche Anbieter mit Schnellkrediten ohne Bürgschaften. Sie werden wegen ihres räuberischen Charakters mit dem Titel Kredithaie belegt. Am Rande der Legalität verführen sie vor allem schlecht informierte Bürger und Menschen in Notlagen dazu, Geld mit überhöhten Zinsen zu leihen.

O-Ton:

"Ja, beinah wäre ich mal so 'nem günstigen Angebot auf den Leim gegangen. Da wollte ich unbedingt 'ne Küche im Sonderangebot kaufen. Ja, und da hab ich dann so 'n Schnellkredit unterschrieben. Aber zum Glück verstand dann unser Nachbar was von Finanzen, den ich gefragt hatte, und dann haben wir dann doch nach zwei Tagen den Vertrag mit 'nem Rechtsanwalt wieder aufgelöst. Damit war die Sache dann Gott sei Dank gegessen. Die Küche, ja, die konnte ich mir zwar auch abschminken, aber besser, als hinterher Schulden haben."

Sprecher:

Wer einem anderen auf den Leim geht, der wird – in gutem Glauben, das Richti­ge zu tun – betrogen. Er wird hereingelegt. Das wäre unserer Passantin beinahe mit einem unseriösen Kreditangebot passiert, wäre da nicht der kluge Nachbar gewesen. Mit seiner Hilfe war die Sache bald erledigt oder – wie die junge Frau sagte – damit war die Sache gegessen. Leider musste sie dadurch auch auf die Küche verzichten, was unsere Passantin mit der umgangssprachlichen Formel ausdrückte Sie konnte sich die Küche abschminken.

Sprecherin:

In Deutschland gibt es für das begangene Unrecht und das geliehene Geld das gleiche Wort. Die Schuld, die man trägt, und die Schulden, die bezahlt werden müssen. Kein Wunder also, dass sich schuldig fühlt, wer Schulden hat. Menschen, die selbst in Kreditschulden stecken, treffe ich kaum auf der Straße. Viele hingegen können von negativen Beispielen aus dem Kreis ihrer Verwandten und Bekannten berichten.

O-Töne:

"Mein Nachbar zum Beispiel, der hat einen Kredit aufgenommen, und das hat mir ziemlich den Wind aus den Segeln genommen, so was auch zu tun. Zum Beispiel hat der 'nen tollen Job gehabt und richtig gut Geld verdient, und dann hat er sich so 'ne Mordseinrichtung gekauft und hat 'nen tolles Auto und feine Möbel und alles Klasse. Und dann ist seine Firma aber Pleite gegangen. Dann stand er dann da und hatte natürlich den Riesenkredit am Hals, und dann ist es soweit gekommen, dass dann halt der Gerichtsvollzieher gekommen ist und ihm den Kuckuck auf 's Haus geklebt hat."

Sprecher:

Wenn auf hoher See der Wind nicht mehr bläst, fehlt Segelschiffen die Antriebskraft. Der Antrieb und die Kraft zur Durchführung eines Vorhabens fehlt auch Menschen, denen sprichwörtlich der Wind aus den Segeln genommen wird. Die junge Frau weiß von einem Bekannten, der sich unter anderem eine Mordseinrichtung auf Kredit gekauft hat. Das Drastische, das im Begriff Mord liegt, wird hier benutzt, um die Größe und das Außergewöhnliche der Einrichtung zu betonen. Mords als angehängte Vorsilbe ist äußerst

beliebt, genauso wie es eine Mordseinrichtung gibt, könnte man ein Mordshaus kaufen oder ein Mordsessen zubereiten. Und wer Mordskredite aufnimmt, die er später nicht bezahlen kann, bekommt irgendwann den Kuckuck, also die Pfändungsmarke des Gerichtsvollziehers, auf Haus und Einrichtung geklebt.

Sprecherin:

Mit dem steigenden Volumen der Konsumentenkredite ist auch die Zahl der Schuldner gestiegen. Über zwei Millionen Haushalte in Deutschland gelten als so stark verschuldet, dass sie ihre laufenden Kredite nicht mehr abbezahlen können. In eine solche Situation geraten keineswegs nur Verschwendungs­süchtige und Unbedachte, wie Michael Eharm zu erzählen weiß, Leiter der Schuldnerhilfe Köln.

Michael Eham:

"Ein klassischer Fall ist vielleicht ein Paar, was sich relativ früh zusammengetan hat. Beide haben einen durchschnittlichen Verdienst. Dann nimmt man zunächst mal Schulden auf, weil man sich die Wohnung einrichtet, oft die Hochzeit bezahlt über Schuldenaufnahme. Dann kommt vielleicht 'nen Kind nach einiger Zeit, und die Partnerin hört dann auf, zu arbeiten. Die Raten laufen aber weiter. Dann kommt noch dazu, dass die Firma des Mannes dann Konkurs anmeldet und der Betreffende dann auf der Straße steht. Dann wird es schon sehr, sehr eng. Hinzu kommt dann häufig, dass sich durch diese finanziellen Konflikte dann auch das sich zu 'ner handfesten Partnerschafts­krise ausweitet. Wenn es ganz böse kommt, führt es sogar zur Trennung, und spätestens dann bricht das ganze Finanzierungsgebäude zusammen mit all den Folgen von Wohnungsräumung, Räumungsklage, über Pfändung, Gerichts­vollzieher-Besuche und so weiter."

Sprecher:

Finanzielle Konflikte führen oft zu Krisen in der Partnerschaft. Der Schulden­berater spricht sogar von einer handfesten Krise. Mit dem gebräuchlichen Attribut handfest wird grundsätzlich die Entschiedenheit und das größere Ausmaß einer Sache betont.

Sprecherin:

Sparen hat zwar immer noch einen hohen Wert, doch ist der Wandel von der Lebenseinstellung vom moralischen zum pragmatischen Prinzip deutlich zu sehen.

O-Ton:

"Ich würd' sagen: Sparen ist out. Ich würd' zwar meinen Kindern nicht sagen, lebt auf Kredit, aber so, wie ich das von meinen Eltern kenne, so würd' ich das auch nicht weitergeben. Und heute macht das eigentlich keiner mehr, außer er hat ein persönliches Sicherheitsbedürfnis. Das würde einfach heute keiner mehr auf seine Fahne schreiben, weil es so als Lebensprinzip eigentlich eher altbacken wirkt."

Sprecher:

Eine Nation, eine Region oder auch eine Institution kann mit Farben anzeigen, um wen und was es sich handelt. Wer sprachlich etwas auf seine Fahne schreibt, drückt mit dieser Formel aus, dass er sich mit einer bestimmten Eigenschaft oder Überzeugung anderen präsentieren möchte. Die junge Frau zuletzt meint, dass Sparen als Lebensprinzip heute niemand mehr auf seine Fahne schreiben würde, denn das wirke altbacken, also moralisch veraltet und einfach nicht mehr zeitgemäß.

Fragen zum Text

Gibt man nicht viel Geld aus, dann spart man …

1. an allem.

2. auf alles.

3. zu allem.

Auf Pump kaufen kann man, indem man …

1 etwas in Raten zahlt

2. einen Kredit aufnimmt.

3. etwas bar bezahlt.

Keinen neuen Streit provoziert die Aussage:

1. "Die Sache ist für mich gegessen!"

2. "Das kannst Du Dir abschminken!"

3. "Das dicke Ende kommt bestimmt noch für Dich!"

Arbeitsauftrag

Sie wollen bei einer Bank in Deutschland ein Konto eröffnen oder einen Kredit aufnehmen. Informieren Sie sich darüber, welche Voraussetzungen Sie erfüllen müssen. Erstellen Sie anschließend eine Liste mit Wörtern, die für eine Kontoeröffnung oder eine Kreditaufnahme notwendig sind. Schreiben Sie einen Dialog zwischen einem Bankangestellten und einem Kunden, der ein Konto eröffnen beziehungsweise einen Kredit beantragen möchte. Tragen Sie Ihre Dialoge in der Gruppe mit verteilten Rollen vor.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Beatrice Warken

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