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Kultur

Wer bin ich, wenn ich online bin...?

Wir lesen nicht mehr richtig und schuld daran ist das Internet - das zumindest behauptet der US-amerikanische Wissenschaftsjournalist Nicholas Carr. Ein Kulturpessimist. Oder ist an seinen Thesen was dran?

Grafik von einem Gehirn, das bunt in einem Schädel aufleuchtet (Foto: DW-TV)

Verändert das Internet unser Denken?

Lesen und Informationen aufnehmen - im digitalen Zeitalter geht das anders als in den guten alten Zeiten. Die meisten Menschen informieren sich heutzutage im World Wide Web. Und wer dann doch mal ein Buch oder eine Zeitung zur Hand nimmt, der wird beim Analoglesen nicht selten digital unterbrochen, denn das Netz ist immer dabei. Der Blackberry spuckt neue E-Mails aus, das persönliche soziale Netzwerk meldet sich mit neuen Statusmeldungen und der nächste Tweet lässt auch nicht lange auf sich warten. Ob im Berufs- oder Privatleben - Multitasking ist angesagt.

Pfuscht das Internet an unserem Gehirn herum?

Buchcover von 'Wer bin ich, wenn ich online bin...: und was macht mein Gehirn solange?'

Die Netzbewohner kratzten nur noch an der Oberfläche, sagt der US-amerikanische Wissenschaftsjournalist Nicholas Carr, der vor zwei Jahren in einem viel diskutierten Aufsatz fragte: "Macht Google uns dumm?" In seinem nun in Deutschland erschienenen Buch "Wer bin ich, wenn ich online bin… und was macht mein Gehirn solange?" gibt er eine Antwort. Seine These: Die digitale Gesellschaft kann sich nicht mehr konzentrieren. Weil Netzbewohner ständig mit neuen Informationen überhäuft würden, gelangten Informationen nicht mehr ins Langzeitgedächtnis.

Der Autor nimmt sich da nicht aus: "Während der letzten Jahre beschlich mich immer wieder das Gefühl, dass irgendjemand oder irgendetwas an meinem Gehirn herumpfuscht. Ich denke nicht auf dieselbe Weise wie früher." Am meisten falle ihm das beim Lesen auf, nach ein oder zwei Seiten schweiften seine Gedanken immer ab. Carr verflucht jedoch nicht das Internet per se. Er weiß die Errungenschaften der digitalen Revolution durchaus zu schätzen, aber er findet auch, dass das Internet uns hindert, komplexe Sachverhalte zu verstehen.

Ergebnisse der Hirnforschung

Bei einer Frau werden die Gehirnströme aufgezeichnet (Foto: picture-alliance/dpa)

Während der Nutzung von Suchmaschinen wird besonders der Arbeitsspeicher beansprucht

Carr steht nicht allein mit seinen Befürchtungen. Im Jahr 2009 veröffentlichte Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der überregionalen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sein Buch "Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen". Schirrmacher klagt darin über ähnliche Konzentrationsstörungen, und darüber, dass die digitale Gesellschaft Wichtiges von Unwichtigem nicht mehr unterscheiden könne. Carr gratulierte Schirrmacher damals zu seinem Werk und würdigte es als wichtigen Beitrag zur Internet-Debatte. Schirrmacher wiederum verfasste das Vorwort zu Carrs neuem Buch.

Der 51-jährige Carr, Abgänger der amerikanischen Eliteuniversität Harvard, unterfüttert seine Thesen mit Erkenntnissen aus der Hirnforschung, zum Beispiel mit dem Begriff der "Neuroplastizität". Demnach sei das Gehirn kein starres System, sondern verändere sich durch neue Reize ständig. Carr beruft sich zudem auf eine neurologische Studie der University of California aus dem Jahr 2008. Damals zeichneten Wissenschaftler Hirnströme von zwei Personengruppen auf, während sie Suchmaschinen benutzten. Eine Gruppe war geübt im "Googeln", die andere setzte sich aus Google-Neulingen zusammen. Die Gehirne der Neulinge zeigten innerhalb kurzer Zeit dieselben hohen Werte im Arbeitsgedächtnis wie die der Suchmaschinen-Kenner. So weit, so gut. Doch Carr schließt daraus - anders als die Wissenschaftler der University of California - dass der hohe Arbeitsgedächtniswert zugleich eine Schwächung des Langzeitgedächtnisses bedeute.

"Carr hat recht und er liegt völlig falsch"

Frau von der Seite vor dem Laptop sitzend, dahinter eine Satelitenschüssel und Bildschirm (Foto: AP)

Multitasking - im digitalen Zeitalter der Alltag

Der deutsche Trendforscher Peter Kruse beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Folgen der "Netzwerkkultur". Kruse pflichtet Carr bei, wenn es um das Lesen geht. Sein Plädoyer für das Buch sei wertvoll, sagt er. Doch er kritisiert die Aussagen, die sich auf das Internet beziehen. Er hält die Aussage, dass das Netz die Fähigkeit verringere, sich gründliche Kenntnisse zu einem bestimmten Thema anzueignen, für "apodiktisch". "Das hängt doch nicht nur vom Netz ab, sondern auch von der Intention des Nutzers", so Kruse. Carr vergesse, dass es sich bei der Netzwerkkultur um ein gesellschaftliches Gesamtphänomen handele, das man nicht einfach mit einem individuellen Konzentrationsproblem beim Lesen verknüpfen könne. Vielmehr müsse sichergestellt bleiben, dass Informationen vom Netznutzer hinreichend reflektiert würden. Diese gesellschaftliche Aufgabe habe aber nichts mit dem Internet zu tun, sondern sei eine Bildungsfrage. Insofern kommt Kruse zu einem geteilten Fazit: "Carr hat recht und er liegt völlig falsch." Anders als Nicholas Carr sieht Kruse im Netz eine Chance: "Kulturell gesehen ist das Internet eher eine Antwort auf den Umgang mit Komplexität."

Leider liefert Carr nach allem Internetpessimismus keine goldene Leseregel, die man beachten sollte. Lediglich dies: Der Netznutzer solle versuchen, eine gesunde Balance zwischen Lesen und Reflexion zu finden. Keine weltbewegende Erkenntnis, doch trotz aller Kritik ist Carrs Buch unterhaltsam und regt zum Nachdenken über die Schnelllebigkeit des digitalen Zeitalters an. Immerhin hat es die internationale Internet-Debatte bereichert, an der sich nun auch Psychologen und Neurobiologen beteiligen.

Autorin: Franziska Schmidt

Redaktion: Petra Lambeck

Nicholas Carr: "Wer bin ich wenn ich online bin… und was macht mein Gehirn solange? Wie das Internet unser Denken verändert", Blessing Verlag, München, 384 Seiten, 19,95 Euro.