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Nobelpreisträger in Lindau

Wer benennt die Nobelpreisträger?

Wie werden Nobelpreisträger ausgewählt? Wer benennt sie und welche Rolle spielen Nationalitäten? Fragen über Fragen, die uns der Vorsitzenden des Nobelkomitees für Chemie, Sven Lidin, beantwortet hat.

DW: Wenn die 200 Mitglieder der Schwedischen Akademie der Wissenschaften einen Nobelpreisträger bestimmen, nennen sie dann einen Namen - oder sagen sie Ja oder Nein?

Sven Lidin: Sie sagen Ja oder Nein. Normalerweise sind es die Komitees, die mögliche Preisträger vorschlagen. Vorher haben sie sich mehrfach beraten: das Chemie-Komitee mit der Chemie-Klasse der Akademie oder das Physik-Komitee mit der Physik-Klasse, manchmal auch mit der Vollversammlung der Akademie.

Kann ein Mitglied der Akademie Protest einlegen, wenn es mit einer Wahl nicht einverstanden ist?

Absolut. Die Wahl muss nicht einstimmig sein. Natürlich kann aus der Akademie-Vollversammlung immer ein Gegenvorschlag kommen. Das letzte Mal, dass so etwas vorgekommen ist, ist allerdings schon lange her.

Das Komitee kann also so einen Vorschlag der Vollversammlung ablehnen?

Richtig, wir können Nein sagen.

Denken Sie, dass jeder Wissenschaftler, der den Nobelpreis verdient, dafür auch nominiert wird und dann früher oder später den Preis erhält?

Ich hoffe, dass diejenigen, die den Preis verdienen, auch nominiert werden. Ich bin aber ziemlich sicher, dass es Menschen gibt, die den Preis verdienen, jedoch nicht bekommen, schon aus formalen Gründen: Es gibt Entdeckungen, an denen mehr als drei Menschen beteiligt waren - aber nach unseren Regeln dürfen wir nicht mehr als drei Personen zusammen auszeichnen. Andererseits gibt es einen erfreulichen Trend in der Wissenschaft: Es gibt immer mehr Entdeckungen, und immer mehr Menschen leisten Großartiges. Das heißt: Um den Nobelpreis zu bekommen, muss man nicht nur sehr erfolgreich sein, man braucht auch etwas Glück.

Sie sind der Vorsitzende des Komitees. Zählt Ihre Stimme doppelt, haben Sie das letzte Wort?

Nein, meine Stimme zählt nicht doppelt. Wir sind sieben Personen in der Gruppe, da kann sich niemand enthalten, und es wird gegebenenfalls immer eine Stimme geben, die darüber entscheidet, welchen Vorschlag das Komitee der Akademie präsentiert. Die endgültige Entscheidung fällt immer am Tag der Bekanntgabe.

Kann es denn in dieser "Gruppe der Sieben" überhaupt einen Dissens geben? Entscheiden Sie manchmal fünf zu zwei oder vier zu drei, also nach dem Mehrheitsprinzip?

Wir sind immer einstimmig, wir kommen immer zu einer einstimmigen Entscheidung.

Aber vorher gibt es heiße Diskussionen?

Wer eine einstimme Entscheidung will, muss vorher umso heftiger diskutieren.

Ein Bier können Sie aber schon noch zusammen trinken?

Das ist zwingend notwendig, wenn man zu einer guten Entscheidung kommen will. Aber ich muss wirklich betonen: Chemie ist heutzutage ein riesiges Fachgebiet. Wir sieben sind jeweils Experten auf unserem eigenen Gebiet. Es ist deshalb wichtig, dass wir entspannt an unsere Aufgabe herangehen, so dass es in Ordnung ist, wenn sich jemand bei einem Thema nicht auskennt, aber so bescheiden ist, dass er auf seine Kollegen hört und merkt, dass sie vielleicht recht haben und er selber falsch liegt.

Bei solchen Entscheidungen ist kein Platz für Eitelkeiten - man denke daran, wie groß die Signalwirkung des Preises ist: Die Nobelpreisvergabe ist ein wichtiges Ereignis in der Wissenschaft, aber nicht weil Wissenschaftler gerne den Nobelpreis haben wollen, sondern weil der Nobelpreis ein paar Wissenschaftlern für wenige Tage den Status eines Rockstars verleiht. Die Wissenschaft insgesamt steht dann im Rampenlicht. Deshalb ist der Nobelpreis wichtig, und deshalb ist auch unsere Arbeit wichtig.

Ihr erster Schritt besteht darin, ein geeignetes Forschungsgebiet zu finden. Nutzen Sie dafür Expertise von außen?

Ja, wir bekommen eine Menge Hilfe von außen. Wir bekommen Vorschläge zugesandt, wir bitten auch unsererseits jedes Jahr eine große Zahl Experten und Institutionen um ihre Vorschläge: Etwa 2000 solcher Einladungen verschicken wir jedes Jahr, zu einzelnen Wissenschaftlern, zu Universitäten, Organisationen und früheren Laureaten. Das ist eine große Zahl von Menschen und die Liste wird jedes Jahr überarbeitet, weil wir sicher stellen wollen, einen repräsentativen Querschnitt der Chemiebereiche und auch der Länder zu bekommen. Wir wollen bei den Vorschlägen nichts Wichtiges verpassen.

Und dann?

Dann sehen wir uns die Nominierungen einzeln an, beurteilen sie und teilen sie nach Themengebieten auf, um schließlich Themen und Personen zu finden, die wir für interessant halten. Parallel dazu schauen wir, welche Auswirkungen ein Forschungsthema hat und versuchen die Personen zu identifizieren, die auf diesem Gebiet führend sind. Oder wir schauen uns einzelne Personen mit einer besonderen wissenschaftlichen Leistung an. Die Frage heißt dann: Ist ihre Leistung für das Themengebiet wichtig genug?

Diese Prozesse laufen alle parallel. Währenddessen holen wir uns Gutachten und Kommentare aus der ganzen Welt ein. Die Menschen, die unsere Kandidaten beurteilen, müssen versprechen, darüber Stillschweigen zu bewahren und ihre Beurteilung 50 Jahre lang nicht öffentlich zu machen. Wir versprechen dasselbe im Gegenzug. Das ist extrem wichtig, denn diese Gutachter müssen manchmal Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler ihres eigenen Forschungsgebietes beurteilen - das könnte heikel werden. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns zur Verschwiegenheit verpflichten. Die Gutachter sollen wissen, dass ihre Informationen nie in die Hände von Menschen außerhalb des Komitees oder der Akademie gelangen.

Haben Sie eine Frauenquote oder Länderquote?

Wie Sie jedes Jahr sehen können, haben wir sowas nicht. Was die Länder angeht, da tut sich etwas: Wenn Sie zurückblicken, sehen Sie, dass zehn Jahre nach dem zweiten Weltkrieg Europa sehr dominant war. Es gab dann eine Zeit, in der die USA den Chemiepreis dominiert haben. Und in den letzten Jahren, im neuen Jahrtausend, haben wir eine zunehmende Zahl an Preisträgern aus asiatischen Ländern. Da spiegelt sich ein Trend wider: Es gibt immer mehr Länder, in denen ernstzunehmende Grundlagenforschung betrieben wird.

Jedes Jahr stellt man uns die Frage, warum so wenige Frauen unter den Preisträgern sind. Und jedes Jahr geben wir dieselbe Antwort: dass wir darüber sehr unglücklich sind. Aber wir sind ein Spiegel der wissenschaftlichen Gesellschaft. Wir spiegeln wider, wie die Gesellschaft vor 25 bis 30 Jahren ausgesehen hat. Damals gab es einen gewaltigen Männerüberschuss in der Wissenschaft. Und noch wichtiger: Es gab auch einen gewaltigen Männerüberschuss in wissenschaftlichen Führungspositionen.

Das spiegelt sich heute in dem unausgewogenen Geschlechterverhältnis bei den Preisträgern wider. Aber wir unternehmen nichts von uns aus, um Nationalität, Geschlecht, Rasse oder Religion zu fördern. Wir denken, wir sollten die Gesellschaft so zeigen, wie wir sie sehen. Was wir sehr aktiv tun, ist sicherzustellen, dass das Geschlechterverhältnis in unserer Akademie-Klasse und in unserem Komitee nicht zu unausgewogen ist.

Für die Zukunft befürchte ich allerdings eine andere Entwicklung: Bislang kommen die Preisträger vor allem aus Europa und den USA. In diesen Ländern ist das Bewusstsein für die Bedeutung von Frauen in der Wissenschaft am weitesten entwickelt. Aber der Kreis der Empfängerländer wird größer, der Nobelpreis geht jetzt zunehmend in neue Nationen. Das ist aus Sicht der Wissenschaft positiv, aber es hat leider den Nachteil, dass wir bei der Geschlechtergleichheit einen Rückschritt erleben werden.

Prof. Sven Lidin ist Vorsitzender des Nobel-Komitees für Chemie in Stockholm.

Das Gespräch führte Christian Uhlig