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Ostmitteleuropa

"Wer beendet diesen Krieg?

- Polen und Deutsche: Was ist zwischen uns geschehen?"

Warschau, 17.1.2004, POLITYKA, poln. Nr. 03/2004, Adam Krzeminski

Es hat den Anschein, als hätte Leszek Miller vor einem Jahr mit einem Federstrich unter dem "Brief der Acht" (die die amerikanische Intervention im Irak unterstützten) jene polnisch-deutsche Interessengemeinschaft durchkreuzt, die in den Neunzigerjahren das Fundament unserer europäischen Strategie bildete. Die polnische Unterstützung für die Vereinigung Deutschlands und die deutsche für Polens Streben nach der NATO- und EU-Mitgliedschaft werden nunmehr von einem ganzen Netz an Interessensgegensätzen und Missverständnissen umwoben: vom Krieg im Irak und der Rolle der USA in Europa, über den Streit um das Gedenken an das Leid der deutschen Vertriebenen, bis zur Verfassungskrise in der EU. Hinzu kommen Fragen der Finanzen, des Zutritts zum deutschen Arbeitsmarkt, (angeblich) unerledigte Eigentumsfragen und schließlich die, wie es heißt, allgemeine gleichgültige Haltung der Deutschen gegenüber den Polen, und die Rückkehr der Sprache des als Erbe übernommenen Hasses, von der man glaubte, sie sei längst überwunden, in einigen polnischen Medien.

Noch vor dem Kopenhagener Gipfel im Dezember 2002 fanden der polnische Premier und der deutsche Kanzler bei einem privaten Abendessen immer wieder einen Ausweg aus Pattsituationen bei den Verhandlungen. Sie zeigten, dass sie zusammenhalten, wie selten jemand vor ihnen. Helmut Kohl empfing zum Schluss einen ganzen Reigen polnischer Premierminister, und auch Schröder kam mehrfach im Jahr nach Polen. Der "Brief der Acht", ein von den Amerikanern bewusst gegen Deutschland und Frankreich gezielter Affront, traf ihn zwar bis ins Mark, dennoch bagatellisierte er (anders als Jacques Chirac) ein ganzes Jahr lang die Meinungsunterschiede mit Polen in Sachen Irak, unterstützte Polens Widerstand gegen ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin, die alte Vertrautheit mit dem polnischen Premierminister gab es aber nicht mehr. Im Dezember 2003 in Brüssel hatte der Kanzler für seinen einstigen Freund ganze sieben Minuten übrig. Für das Scheitern der europäischen Verfassung machte er dann diejenigen verantwortlich, "die das europäische Interesse dem nationalen Interesse hintanstellen" [Rückübersetzung aus dem Polnischen] und sprach sich für die Idee eines Europa "zweier Geschwindigkeiten" aus. Beide versicherten jedoch, dass nichts Dramatisches geschehen sei.

Das Kind war aber in den Brunnen gefallen. Und die Krise ist bereits viel tiefer als nur auf der Ebene der Regierungschefs. Der Durchbruch, den die Regierung Tadeusz Mazowiecki in der polnischen Deutschlandpolitik herbeigeführt hat, fand zwar die Unterstützung sowohl der Eliten innerhalb der Solidarnosc als auch des reformfreudigen Flügels der PVAP, hatte aber in beiden Lagern auch seine Gegner, was in der scharfen Debatte über den Vertrag mit Deutschland vom Jahre 1991 seinen Ausdruck fand. Die dramatische Kritik an der Interessengemeinschaft mit den Deutschen, die Janusz Dobrosz von der PSL [Polnische Bauernpartei] vorbrachte, unterschied sich nicht vom Standpunkt Jan Lopuszanskis vom Parlamentarischen Bürgerclub. Vollends unterstützt haben den durch Mieczyslaw Pszon ausgehandelten Vertrag die sich damals in Opposition befindenden Abgeordneten der SLD [Bündnis der Demokratischen Linken] (wie Jozef Oleksy) oder der bereits parteilose ehemalige Außenminister Marian Orzechowski. Die Fronten zogen sich quer durch unsere beiden großen politischen Lager.

Das neue Klima hielt bis etwa zur Hälfte der Neunzigerjahre. Die Lektüre zahlreicher Bücher aus jener Zeit über das polnisch-deutsche Verhältnis wie "Polen und Deutsche ein halbes Jahrhundert später" [wörtl. Übersetzung aus dem Polnischen], Mieczyslaw Pszon gewidmet, zeigt, wie viel guten Willen und wie viel Mut bei der Revidierung der traditionellen Stereotypen, die sich auf das historische Dogma aus tausend Jahren polnisch-deutschen Ringens stützten, die damaligen Eliten besaßen.

Der Durchbruch war vielleicht nicht die, optisch recht unglückliche, Geste von Kreisau selbst, denn der stämmige Kohl und der schmächtige Mazowiecki symbolisierten damit nicht so sehr das christliche Zeichen des Friedens als vielmehr das erdrückende Massen-Missverhältnis beider Länder. Der Durchbruch war die einfache und klare Feststellung des Premiers, dass für Polen "der Weg nach Europa durch Deutschland führt". Diesen Standpunkt vertrat auch Jan Krzysztof Bielecki, Jan Olszewski aber wandte sich, nationaler geprägten Kreisen nachgebend, demonstrativ davon ab. Die Redewendung jedoch, Deutschland sei der Anwalt polnischer Interessen in der NATO und der EU, blieb, wenn sie auch recht unglücklich ist, denn sie setzt erstens voraus, dass Polen ein Kunde Deutschlands ist, und zweitens - juristische Assoziationen sind riskant. Jedenfalls - das Wort wurde Leib. Die Deutschen wurden im Westen insofern als Befürworter polnischer Interessen betrachtet, als Jacques Chirac im Dezember 2000 in Nizza aus Furcht vor einem polnisch-deutschen Bündnis Polens Wert um zwei Stimmen niedriger einstufte, woran ihn übrigens unter anderem Gerhard Schröder hinderte. Wer denkt heute daran?

Am revolutionärsten war die Umsetzung von Mazowieckis Formel in die politische Praxis im Verhältnis zur deutschen Minderheit in Polen. Es war in Kreisau, wo die polnische Öffentlichkeit deren Gesichter kennen lernte, die sich vor dem deutschen Plakat mit der Aufschrift "Helmut, du bist auch unser Kanzler" versammelt hatten. Dann gab es Streitigkeiten um das Eindringen von Neonazis in das Oppelner Land, um Denkmäler für tote Soldaten der Wehrmacht, um zweisprachige Namensangaben. Wenn es heute aber in Polen weder politisch noch mental das Problem deutsche Minderheit gibt, dann ist das der mutigen Flucht nach vorn während des Durchbruchs zu verdanken. Heute feiert die deutsche Minderheit in der Breslauer Volkshalle ihr Fest, und außerdem wird sie immer mehr schlesisch als deutsch. Gestern hingegen weckte sie Angst als weitere fünfte Kolonne.

Es kam dazu, dass Herbert Hupka, einst Symbol des Revisionismus, die Ehrenmedaille seiner Heimatstadt Ratibor bekam, weil er die Finanzierung einer Kläranlage ermöglichte. Polnische Beobachter, wie Beata Ociepka in dem 1996 von der Warschauer Universität herausgegebenen Sammelwerk "Polen, Deutsche, Vergangenheit" [wörtl. Übersetzung aus dem Polnischen] machten sich Gedanken, in wieweit der Bund der Vertriebenen (BdV) zum Botschafter der polnisch-deutschen Verständigung werden kann. Und Hartmut Koschyk, in den Neunzigerjahren im Vorstand des BdV mit Herbert Czaja in Konflikt, schlug vor, den Bund in Bund für Versöhnung oder Bund für Verständigung umzubenennen. Die Öffnung der Grenzen belebte den Nostalgietourismus und damit die Kontakte und die regionale Zusammenarbeit von Deutschen und Polen. Das von der Allensteiner "Borussia" begonnene gemeinsame Entdecken der unverfälschten Geschichte hatte die Öffnung regionaler Museen oder Gedenkstätten für deutsche und polnische Vertriebene wie in Glogau, das Enthüllen von Gedenktafeln und das Entdecken deutscher Hinterlassenschaft durch die Polen zur Folge. Man hatte den Eindruck, dass gerade dort, in den nachdeutschen Gebieten, die Vergangenheit verbinden kann und nicht trennt.

Der Klimawechsel erfolgte in der Hälfte der Neunzigerjahre, obwohl die Schwalben bereits früher tiefer flogen. Die Sejmwahlen im Jahre 1993, die die Gruppen der Solidarnosc verspielt hatten, sowie die Präsidentschaftswahlen von 1995 führten zu einem Generationswechsel. Die siegreiche SLD hingegen, gebremst durch die PSL, war gerade in deutschen Angelegenheiten weder glaubwürdig noch hatte sie Flügel. Die prowestliche Strategie akzeptierend, waren die postkommunistischen Sozialdemokraten jedoch nicht in der Lage, mit der begonnenen Revidierung des polnischen Eigenwissens über deutsche Fragen fortzufahren. Aus Furcht vor dem Vorwurf des "nationalen Verrats" oder der kommunistischen Vergangenheit zogen es viele vor, sich nicht aus dem Fenster zu lehnen, insbesondere in Fragen der so genannten Geschichtspolitik, die stets starke Emotionen weckt. Zu spüren bekam das Andrzej Szczypiorski: für seinen medialen Erfolg in Deutschland und seine bissigen Kommentare, die bequeme Stereotypen in Frage stellten, wurde ihm Käuflichkeit und Verrat vorgeworfen.

Einen umso leichteren Stand hatte die national-katholische Opposition in Kreisen der Post-Solidarnosc. In die Wahlen von 1997 ging die AWS [Wahlaktion Solidarnosc] mit den Losungen: Nach Europa ja, aber nicht auf Knien. Gegen den deutschen Ausverkauf von Grund und Boden oder die Beherrschung Polens durch deutsches Kapital. Meinungsforschungen zeigten zwar einen allmählichen, aber ständigen Zuwachs der Sympathien in Polen für die Deutschen, es fehlte aber nicht an Politikern, die versuchten, sich auf antideutschen Ressentiments eine politische Basis aufzubauen. Darauf berief sich in "Bitwa o Polske" [wörtliche deutsche Übersetzung: "Die Schlacht um Polen"] Jan Maria Jackowski. Nach dem Sieg der AWS wurde Ryszard Czarnecki der erste Minister für Europa-Angelegenheiten. Sprachen und Westeuropa kannte er nur wenig. Der polnisch-deutsche Dialog, dem es nun an politischer Unterstützung fehlte, erlebte einen Rückschritt und verfiel jenem Versöhnungskitsch, über den sich Klaus Bachmann lustig machte. Einerseits war es ein Ritual, andererseits ein Sediment aus veralteten Vorurteilen, Unwissenheit und Ängsten, das von führenden Politikern nicht gefiltert worden ist.

Der Grund für diese Abkühlung des Dialogs lag keineswegs bei Polen allein. Der neue Nationalismus in der damaligen DDR, die Geringschätzung gegenüber den Händlern auf dem "Polen-Markt" in Berlin, die Polenwitze, die primitiven Witze über Polen, von Harald Schmidt in den Medien hoffähig gemacht, der polnisch-deutsche "Brötchenkrieg" in Frankfurt an der Oder - all das setzte sich in unserem Unterbewusstsein fest, ebenso wie die ärgerlichen Beweise der Unkenntnis der polnischen Geschichte und das Demonstrieren einer Hierarchie in Bezug auf die Bedeutung der Staaten. Präsident Herzog hielt am 1. August 1994 in Warschau eine dramatische Rede, zuvor aber hatte er den Warschauer Aufstand mit dem Getto-Aufstand verwechselt. Helmut Kohl lud Wladyslaw Bartoszewski dazu ein, eine Rede im Bundestag zu halten, Lech Walesa hatte er aber nicht zum 50. Jahrestag des Kriegsendes eingeladen, denn er hätte "auch die Slowaken einladen müssen", und es sollten nur die Siegermächte und Deutschland sein.

Polen brauchte Kohl als Zeugnis, das Deutschland europäische Moral bescheinigt, es brauchte ihn aber wiederum nicht so sehr, damit er die Abrechnung mit der Vergangenheit tatsächlich für immer beendet. Gesten waren gut, sie durften aber nicht zu weit gehen. Schließlich war nicht er es, sondern Hans-Dietrich Genscher, der seine Unterschrift unter die endgültige Anerkennung der Grenze setzte, mit der Kohl zauderte und zögerte, auf den rechten Flügel seiner Wähler zählend, aber nicht auf seine polnischen Partner. Und gegen Ende seiner 16jährigen Regierungszeit konnte oder wollte er der fordernden Haltung von Politikern des BdV nicht Einhalt gebieten.

Die öffentliche Forderung an Polen nach einer Entschuldigung für die Vertreibung, an Tschechien nach der Aufhebung der Benes-Dekrete, und die Forderung an beide nach Entschädigungen für den verlorenen Besitz gehörte stets zum Ritual der öffentlichen Ansprachen bei Landsmannschaftstreffen und im Wahlkampf. Der polnisch-deutsche "Papierkrieg" im Wahljahr 1998, die Erklärung des Bundestags und die Gegenerklärung des Sejm zur Vertriebenenfrage zeigten wenig Einfühlungsvermögen für die jeweils andere Seite. Im Jahre 2002 brach als "Museumskrieg" erneut ein Streit um die Erinnerung an die Vertreibungen und die Relativierung der deutschen Verbrechen aus.

Für den Versöhnungskitsch zum Ende der Ära Kohl bezahlte Gerhard Schröder, der bei der AWS und den meisten Medien schlecht ankam. Der neue Kanzler griff zwar Fragen auf, die Kohl umgangen hatte, wie die Frage der Zwangsarbeiterentschädigung, aber da sich die ganze Prozedur hinauszog und dann über die Umrechnung der Mark gestritten wurde, brachte ihm das in Polen keine zusätzlichen Sympathien und kein zusätzliches Verständnis ein.

Mit der Zeit wurde das Verhältnis zwischen Jerzy Buzek und Schröder herzlicher, und Joschka Fischer betonte öffentlich seine ehrliche Achtung und Anerkennung für Bronislaw Geremek. Direkt von Warschau aus, wo er einen Platz nach Willy Brandt getauft hatte, flog Schröder Im Dezember 2000 nach Nizza. Aber die zehn Jahre Honeymoon in den polnisch-deutschen Beziehungen gingen gerade zuende.

Kurz vor unseren Wahlen zum Sejm im Jahre 2001 erschienen zwei bezeichnende Bücher: "Polen, Deutschland - Eine schwierige Nachbarschaft" [wörtl. Übersetzung aus dem Polnischen] von Janusz Dobrosz und "Deutschland den Krieg erklären" [wörtl. Übersetzung aus dem Polnischen] von Andrzej Wieckowski, letzteres mit der "Preußischen Huldigung" [Bild des größten polnischen Historienmalers Jan Matejko] auf der Titelseite. Heute gelesen, stellen sie sich dar wie ein Weg in eine Sackgasse, in der wir uns gerade befinden.

Das Buch von Dobrosz ist ein Vortrag über ein weiteres Verbrechen von Eliten, die im Jahre 1991 "hinter verschlossenen Türen" einen Vertrag mit Deutschland geschlossen und die polnischen Interessen geopfert haben, es ist auch ein Echo auf die anachronistische Blut-und-Boden-Ideologie. Andrzej Wieckowski hat nicht im Namen von Mutter Erde oder irgendeines Zivilisationswettbewerbs mit Deutschland das Beil ausgegraben. Das war bereits ein Erfolg, aber die sich überschlagenden Gedanken und die Fülle von Beobachtungen des Autors waren einer klaren These untergeordnet: "Es ist ein massiver und langer Angriff auf die hervorragenden polnisch-deutschen politischen Beziehungen erforderlich, hinter denen sich politisch nicht viel Positives und viel Ignoranz und Arroganz, und vor allem Gleichgültigkeit, verbirgt." [wörtl. Übersetzung aus dem Polnischen].

Wieckowskis Buch fand keine Beachtung, aber fast anderthalb Jahre nach seinem Erscheinen waren wir wirklich im Kriegszustand, Gottlob nur im virtuellen. Die SLD, die im Herbst 2001 siegte, brachte beide Regierungen sogar einander näher. Leszek Miller beseitigte mutig die AWS-Blockaden hinsichtlich des Grund- und Bodenverkaufs und beendete die Verhandlungen mit der EU, zwar nur so so, aber immerhin. Mental hatte er guten Kontakt zum Kanzler, auch wenn sie manchmal mit erhobener Stimme miteinander sprachen.

Und dennoch: der Krieg ist ausgebrochen. Der Grund war die Vergangenheit und die Zukunft. Einerseits wurde die Atmosphäre immer noch von den nach wie vor unbegrabenen Leichen der polnisch-deutschen Geschichte vergiftet. Andererseits - der Angriff auf die USA vom 11. September schuf in der NATO und in Europa eine andere Situation.

Die polnischen Politiker stellten sich bedingungslos auf die Seite von Präsident George Bush nicht nur aus Sympathie und Solidarität für den angegriffenen Riesen, sondern auch aus strategischer Berechnung. Die Präsenz der USA in Europa als Sicherheitsklappe gegen eine eventuelle Wiederkehr hegemonialer Bestrebungen unserer beiden großen Nachbarn ist im polnischen Interesse. Gleichzeitig - wurde in Warschau kalkuliert - sammeln wir, wenn wir gute Beziehungen zu Washington haben, Punkte im Pokerspiel um unseren Platz in der EU. Mit einem Wort: der Weg zu mehr Bedeutung in Brüssel führt auch über den Irak. Leider. Der Spagat ist nicht gelungen.

Auch an anderer Front - der des historischen Gedenkens - begann ein Stellungskrieg um das Zentrum gegen Vertreibungen. Beide Seiten griffen zu den letzten Reserven. Die BdV-Vorsitzende rühmt sich prominenter Verbündeter aus den unterschiedlichsten Lagern, die sie unter ihr Banner gezogen hat. Bei uns hingegen haben die größten moralischen Autoritäten dem "Mahnmal des Hasses" eine Abfuhr erteilt: Marek Edelman, Wladyslaw Bartoszewski, Leszek Kolakowski, Bronislaw Geremek, Stanislaw Lem, also auch Klassiker der polnisch-deutschen Versöhnung von vor 1989. Aber wird nach so starken Geschützen ein Kompromiss, den Politiker in letzter Zeit anstreben, einfacher oder schwerer zu erzielen sein?

Sie sind es schließlich, die am "Museumskrieg" zum Teil schuld sind. Man bedenke nur, wenn Ende der Neunzigerjahre der postkommunistische Präsident, der Premierminister der Solidarnosc und der Primas von Polen gemeinsam mit prominenten, aus dem Osten stammenden Deutschen die gemeinsame Initiative unterbreitet hätten, die Errungenschaften und das Schicksal der Deutschen, die in Folge des von Hitler entfesselten völkermörderischen Krieges ihre Heimat verlassen mussten, zu verewigen, so gäbe es heute sicherlich keinen Krieg um ein Zentrum und Erika Steinbach wäre eine namenlose Politikerin. Das Problem ist, dass ein solches Triumvirat undenkbar war. Und nach dem Schock der Debatte um Jedwabne im Jahre 2001 findet sich auch bei uns keine Bereitschaft, uns in das Schicksal der Deutschen hineinzuversetzen. Umso mehr als die in der Nachkriegsgeneration der Deutschen sich vollziehende "Selbstversöhnung", das heißt also die Verlagerung der Aufmerksamkeit für das Gefühl der Schuld in das Mitgefühl für die deutschen Opfer des Krieges, aus polnischer Sicht die moralischen Proportionen verwischt.

Die Politiker versuchen zwar, an der historischen Front einen Waffenstillstand herbeizuführen. Die Präsidenten Johannes Rau und Aleksander Kwasniewski rufen zu einer gemeinsamen polnisch-deutschen Initiative auf, um an die Vertreibungen, die Deportationen und die Repatriierung im Europa des 20. Jahrhunderts zu erinnern. Es gibt auch andere Ideen, wie die der Kopernikus-Gruppe, die in Görlitz und Zgorzelec eine Brücke des Gedenkens zwischen Deutschen und Polen bauen. Ob diese Initiativen aber ausreichen, um Bewaffnete zu Gesprächen zu überreden?

Das polnisch-deutsche Verhältnis bleibt asymmetrisch, unabhängig davon, ob wir die Stimmen von Nizza verteidigen und wie viele Fahnen wir für einen weiteren Krieg, egal ob um Blut und Boden oder um eine bürgerliche (das heißt städtische und bürgerliche) Modernisierung Polens mobilisieren. In einigen Skizzen und dem vor einigen Monaten erschienenen recht vornehmen Album "Polen und Deutschland - Heute und morgen" (Pagina 2003) greifen nicht Politologen, sondern der Schriftsteller Stefan Chwin in Gedanken der Zeit voraus, da nicht mehr "Versöhnung durch Sühne" das polnisch-deutsche Verhältnis in der EU bestimmen wird, sondern die Gemeinschaft der europäischen Völker und das tatsächliche Interesse am Nachbarn.

Unser Problem mit den Deutschen besteht heute darin, dass im Streit um die Geschichte irgendwo der fundamentale Grundsatz verwischt wurde, dass die Europäisierung des historischen Gedenkens und die Europäisierung Deutschlands im Interesse sowohl der Deutschen als auch ihrer Nachbarn liegt - durch wachsames Vertrauen, aber dennoch durch Vertrauen. Es ist besser, den Stärkeren mit Sympathie zu umgarnen als ihn ständig mit Misstrauen zu reizen.

Am 1. Mai wird Polen vollberechtigtes Mitglied der EU werden und wird sich nicht nur an der Verteilung von Subventionen beteiligen, sondern auch am epochalen Prozess der Europäisierung Deutschlands, des mächtigen Volkes in der Mitte Europas, das sich seiner Last der Vergangenheit bewusst ist und dass ausdrücklich bereit ist - auch wenn wir diesbezüglich viele Vorbehalte haben -, sein arrogantes Verhältnis zum Osten zu revidieren.

Wie Deutschland in den nächsten Jahren aussehen wird, hängt in nicht geringem Maße auch von uns ab. Gerade deshalb, weil wir schwächer, ärmer und rückständiger sind. Die Wiederherstellung der polnisch-deutschen Interessengemeinschaft ist ein Gebot des 11. Jahrhunderts. Es ist an der Zeit, den polnisch-deutschen Krieg für beendet zu erklären, noch bevor sich Premier Rokita oder Premier Kaczynski oder irgendjemand aus der SLD im Jahre 2005 zu seinem ersten Besuch nach Berlin begibt. (TS)

  • Datum 21.01.2004
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