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Kultur

"Wenn wir lachen, dann nicht mit dem Herzen"

Panzer vor der Schule - Alltag für viele Kinder in Palästina. Zum Weltkindertag am 20. September fordert UNICEF das Blutvergießen an Kindern in Nahost zu stoppen. Lana und Fairous erzählen über ihr Leben in Palästina.

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Lana: Wie sollen wir Frieden mit den Israeli schließen, wenn sie uns unsere Würde nehmen?

"Ich träume gar nichts, weil ich nicht schlafen kann. Der Lärm der Flugzeuge dröhnt die ganze Nacht." Fairous ist 16 Jahre alt und lebt im Flüchtlingslager Balata bei Nablus. Wenn man die Bilder aus den Palästinensercamps vor Augen hat, grenzt es fast an ein Wunder, dass man Fairous am anderen Ende einer Telefonleitung hat. Die Leitung rauscht, aber die volle Stimme von Fairous ist deutlich zu hören.

Blut auf Büchern

Palästinensische Kinder als Steinewerfer

Palästinensische Jugendliche fliehen vor einem Panzer, den sie mit Steinen beworfen haben.

Es ist 15 Uhr in Nablus. An einem normalen Tag käme Fairous gerade aus der Schule. Aber in Palästina ist nichts normal. "In den letzten zwei Monaten war ich zweimal in der Schule." Die Schule von Fairous liegt in Nablus, aber sie kann nicht in die Stadt. Nablus und das Camp sind von einem undurchlässigen Ring israelischer Panzer umgeben. Ihre vier jüngsten Geschwister, zwischen neun und zwölf Jahre alt, besuchen eine Schule, die im Camp selbst liegt. Am Morgen vor dem Telefonat kamen sie weinend nach Hause. "Gegen sechs oder sieben Uhr kamen Panzer und Soldaten und haben ohne Grund auf die Menschen geschossen. Ein Panzer hat sogar versucht, in die Schule einzudringen." Die Stimme von Fairous bebt. "Die Kinder sind mit ihren Taschen zur Schule und als sie zurückkamen, klebte Blut an ihren Büchern."

Manchmal gibt es Wasser

Zusammen mit ihrer Mutter und ihren fünf Geschwistern lebt Fairous in einer kleinen Wohnung. Der Vater starb 1994 durch eine israelische Kugel. Seitdem kämpft die Familie ums Überleben. "Die Lage wird von Tag zu Tag schlimmer. Wir können kaum die Miete bezahlen." Die Frage nach Trinkwasser bringt Fairous aus der Fassung. Sie weint. "Manchmal haben wir Wasser." Fairous erzählt von dem Haus, in dem sie bis März 2001 lebten – bevor es von israelischen Bulldozern eingerissen wurde. Und von ihren Freunden, von denen bisher in der zweiten Intifada noch keiner umgekommen sei. "Wenn wir das Haus verlassen können, um uns zu treffen, dann haben wir nur ein Thema: den Krieg. Krieg in Palästina und den Angriff der USA auf den Irak." An Kino oder Parties denke keiner.

"Die Intifada lehrt mich zu kämpfen"

"Wenn ich an etwas Schönes denke, dann denke ich an meinen Vater," sagt Fairous. Und dann: "An der Intifada ist nicht alles schlecht. Sie verändert mein Leben, denn sie lehrt mich, für meine Rechte zu kämpfen." Was ist das für eine Welt, in der 16-jährige Mädchen dem Schrecken etwas Positives abgewinnen müssen? Es ist eine besetzte Welt, in der die "Straßen voller Müll sind". Und in der sich der Typhus ausbreite und verletzte Kinder nicht ins Krankenhaus könnten, weil keiner durch die Panzerkette durchkomme, sagt Fairous.

Schikane Checkpoint

Auch Lana ist 16. Auch sie ist Palästinenserin. Zusammen mit ihren Eltern und vier jüngeren Geschwistern lebt sie in Ost-Jerusalem. "Meine ganze Kindheit hindurch habe ich nur Krieg, Besetzung, Panzer gehört. Ich hatte keine Kindheit wie die anderen Kinder dieser Welt", sagt Lana und ihre Stimme klingt dabei kämpferisch. "Jedes palästinensische Kind kann dir sagen, ob da ein F16 Kampfjet fliegt oder ein anderes Flugzeug. Sie kennen alle Panzertypen beim Namen und wissen, welche Munition verwendet wird."

Im Verhältnis zu Fairous geht es ihr in Jerusalem gut. Es gibt immer Wasser und der Vater kann die Familie ernähren. Lanas Vater betreibt eine Wäscherei. "Aber die Touristen bleiben weg und mein Vater hat nicht mehr so viel zu tun wie vor der Intifada." Zur Schule kann sie jeden Tag. Aber ob sie nach ihrem Schulabschluss im nächsten Jahr jemals studieren kann, weiß sie nicht. Es schwingt Wut aber auch Resignation in ihrer Stimme mit. "Wie soll ich an die Universität in Bethlehem oder Ramallah gelangen, wenn ich stundenlang an den Checkpoints durchsucht werde?" Überhaupt sei es eine große Lüge, dass Checkpoints aus Sicherheitsgründen errichtet werden: "Mir kommt es manchmal so vor, als wollten die Israelis sich dort nur auf unsere Kosten amüsieren", sagt Lana. Jetzt bebt ihre Stimme fast vor Wut.

Einander die Hand reichen?

"Wenn du an meiner Stelle wärst, würdest du dann gerne israelische Freunde haben", antwortet Lana auf die Frage, ob es nicht an der Zeit wäre, dass die jungen Menschen beider Seiten freundschaftlich aufeinander zugehen sollten. Nach alledem, was sie gesehen habe, könne sie nicht einfach vergessen und "Hände schütteln". Die Gräben sind tief.

"Jerusalem liegt in Palästina"

Nach der Schule engagiert sich Lana politisch. In der "Palestinian Youth Association for Leadership and Rights Activation" (PYALARA) belegt sie Kurse in internationalem Recht. Ihr Wissen gibt sie in einer kleinen Zeitung an andere palästinensische Jugendliche weiter. Journalistin zu werden und der ganzen Welt zeigen zu können "was hier wirklich passiert", ist einer ihrer Träume. "Aber mein größter Traum", sagt Lana "ist es, dass die Menschen eines Tages nicht mehr zu mir sagen, du kommst aus Israel, sondern aus Palästina."