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Kultur

Wenn Schriftsteller vom Krieg erzählen

Wie schreiben Autoren über den Krieg? Dieser Frage geht die "Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung" auf ihrer Herbsttagung nach. Der Verleger Horst Lauinger im DW-Gespräch über Dichter im Ersten Weltkrieg.

"Vom Krieg erzählen" lautet das Motto der

Herbsttagung der Deutschen Akademie

für Sprache und Dichtung in Darmstadt (23.10.-25.10.). Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Anne Duden, Lukas Bärfuss und Robert Schindel diskutieren. Die Journalistin und Kriegsreporterin Carolin Emcke wird für ihre engagierte Arbeit mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis ausgezeichnet. Das Schreiben über den Krieg nimmt schon lange breiten Raum ein im Werk vieler berühmter Autoren. Der Verleger Horst Lauinger beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Vor kurzem hat er die Anthologie "Über den Feldern" mit Texten zum Ersten Weltkrieg vorgelegt.

Deutsche Welle: Herr Lauinger, welche Art von Texten haben Sie versammelt in Ihrer Anthologie

"Über den Feldern"

?

Horst Lauinger: Es sind ganz verschiedene Texte. Die Stilvielfalt, aber auch die unterschiedlichen

Perspektiven auf den Krieg

, waren für mich eine große Überraschung. Sie führten zu ganz unterschiedlichen Darstellungsweisen. Das verbindende Glied im Schreiben ist das der schöpferischen Notwehr gegen diese Weltkrise und den Weltkrieg.

Horst Lauinger (Foto: Verlag)

Manesse-Verleger Horst Lauinger

Es haben sich aber auch viele Autoren positiv, ja geradezu euphorisch, zum Ersten Weltkrieg geäußert!

Das haben sie meistens in Aufrufen und in der Lyrik getan. Das Besondere an den Prosawerken zum Ersten Weltkrieg ist eigentlich immer eine differenzierte Sicht auf die Dinge. Selbst bei Autoren, die ansonsten sehr krawallig vorgegangen sind und sehr patriotische Töne angeschlagen haben.

Wie kann man sich das erklären? Weil Prosa mehr Platz hat, sich mehr ausbreitet?

Prosaschriftsteller von Rang haben eine gewisse Hemmnis, Dinge allzu simpel darzustellen, während die Gattung der Lyrik der Emphase mehr Raum gibt. In der Prosa steht immer das Abwägen von verschiedenen Dingen und Kräften im Mittelpunkt. Das zeigt sich zum Beispiel sehr schön beim Text von Rudyard Kipling, der ja an sich ein großer britischer Patriot war und gegen die deutschen "Hunnen" angeschrieben hat. In seinen Erzählungen zeigt er aber eine sehr differenzierte Sicht auf die Weltereignisse.

Es ist also auch eine Sache der Erfahrung? Wenn Autoren den Krieg also tatsächlich hautnah erlebt haben?

Natürlich, es relativiert sich! Sehr viele Dichter waren im Krieg. Es waren nie so viele Schriftsteller als Soldaten in einem Krieg wie zwischen 1914 und 1918. Viele Dichter und Schriftsteller haben unter dem Krieg massiv gelitten. Kipling zum Beispiel hat seinen Sohn verloren, wollte aber nicht an den Verlust glauben. Selbst bei denen hat sich der Zweifel eingeschlichen, die Anfang 1914 noch große Befürworter des Kriegs waren.

Buchcover - Über den Feldern - Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur (Foto: Verlag)

Dichterische Chronik des Ersten Weltkriegs

Wie gingen die Autoren an das Thema heran? Waren das in erster Linie Schilderungen von Schlachten und Kriegsgreulen?

Es gibt eigentlich alles. Meine Idee des Buches war herauszufinden, welche Resonanz der Erste Weltkrieg als Epocheneinschnitt bei

großen Autoren

der Weltliteratur gefunden hat. Es ging also nicht so sehr darum, ein authentisches Bild des Schützengrabens zu zeichnen, sondern die Perspektive sehr viel weiter zu ziehen: auf den Horizont des Nicht-Kriegsgebietes auszudehnen, aufs Hinterland, auf die Etappe oder auf Refugien, die vermeintlich noch friedlich sind. Wo der Kanonendonner auch emotionale Spuren hinterlässt. In dieser weltliterarischen Gesamtschau gibt es sehr unterschiedliche Herangehensweisen: sehr engagierte Arten mit dem Krieg abzurechnen, sehr ironische Schreibweisen oder aber auch expressionistische Ausbrüche.

Welche Schauplätze gab es noch in den Prosawerken - außerhalb der Schlachtfelder?

Es gibt die unterschiedlichsten Schauplätze. Arthur Schnitzler hat am 27. Februar 1916 in sein Tagebuch notiert: "Man wird sich in 100 Jahren das Hinterland des Weltkriegs ganz falsch vorstellen." Er sollte recht behalten. Man stellte es sich nicht nur völlig falsch vor, man hatte eigentlich auch keine Idee dieses Nebeneinanders von Unvereinbarkeiten: der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Draußen auf den Feldern fand dieses enorme Schlachten, die Grausamkeiten und dieser Blutzoll statt - in den Kulturmetropolen waren dagegen nach wie vor Theater- und Operettenaufführungen zu sehen. Das war der Versuch ein normales Leben aufrechtzuhalten während des Krieges - erst dadurch ist der Erste Weltkrieg ganz erfahrbar. Nicht nur in der Beschränkung auf Schlachtszenen.

Literatur-Klassiker Ernst Jünger und Erich Maria Remarque (Foto: ap)

Berühmte Autoren, die über den Ersten Weltkrieg schrieben: Erich Maria Remarque und Ernst Jünger

Krieg und Poesie sind auch gefährliche, verharmlosende Verbindungen eingegangen, siehe

Ernst Jünger

.

Die Temperamente der Autorinnen und Autoren sind ganz unterschiedlich. Natürlich schreibt ein Ernst Jünger oder ein Gabriele D’Annunzio anders als ein Stefan Zweig oder ein Jaroslav Hájek. Faszinierend ist, wie viele Arten es gibt, mit diesem Epochenschnitt und dem Schock umzugehen und wie kreativ letztlich die Autoren Wege finden, diese schreckliche Zeit zu beschreiben. Es gibt ja das Vorurteil, dass die Musen schweigen, wenn die Kanonen sprechen. Ich würde das als Irrglauben bezeichnen. Es erstaunt, wie wenig schreckhaft die Musen waren zwischen 1914 und 1918.

Warum haben sich so viele Schriftsteller dem Thema gewidmet?

Die Autoren waren damals unmittelbar betroffen. Ganz konnte sich keiner diesem Schock entziehen. Natürlich haben die Autoren nach Mitteln und Wegen gesucht, das Thema dichterisch zu bewältigen. Das ist dem einen mehr heroisch gelungen und dem anderen vielleicht mehr mit einem humanistischen Ansatz. Das thematische Zentrum des Weltkriegs hatte eine enorme Macht über das Schaffen der damaligen Zeit.

Irene Nemirovsky Autorin Porträt (Foto: dpa)

Jahrhundertautorin Irène Némirovsky

Gabe es eigentlich eine weibliche Perspektive des Schreibens über den Krieg?

So wenig, wie es eine einheitliche männliche Perspektive gibt, so wenig gibt es eine einheitliche weibliche Perspektive. Wobei man bei den Autorinnen wie Virginia Woolf, Katherine Mansfield,

Irène Némirovsky

oder Claire Goll schon sagen kann, dass der menschliche und zivile Ansatz sehr im Vordergrund stand. Aber auch für die Autorinnen war der Krieg ein Geschichtenliferant und ein ästhetischer Stimulus, eine Triebfeder für neue Ausdrucksmittel.

Wirkte das Thema nach, griffen die Schriftsteller den Krieg auch später noch auf?

Eine Erkenntnis ist, dass viele Autoren durch diesen Ersten Weltkrieg überhaupt erst zu Schriftstellern geworden sind. Da ist ein Louis-Ferdinand Céline, ein Heimito von Doderer zu nennen, natürlich Ernst Jünger, der ja sehr jung in den Krieg gezogen ist. Aber auch Ernest Hemingway oder William Faulkner. Diese Autoren wären auch ohne die Erfahrungen des Weltkriegs zu Schriftstellern geworden. Aber sie wären wahrscheinlich zu anderen Autoren geworden. Und von daher ist dieser Urschock, dieses Urerlebnis des Weltkriegs, auch maßgeblich für die Heranbildung einer Autorenpersönlichkeit, dass sie überhaupt den Weg zum Schreiben gefunden haben. Das ist spannend und bei Céline oder bei Hemingway oder auch Ford Madox Ford taucht ja der Erste Weltkrieg in den Romanen in den 20er Jahren ganz massiv wieder auf.

Die Anthologie "Über den Feldern - Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur" mit einem Nachwort des Verlegers Horst Lauinger ist beim Manesse-Verlag (Zürich 2014) erschienen, 784 Seiten, ISBN 978-3-7175-2340-6. - Die Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung findet vom 23.-25.10. in Darmstadt unter dem Motto "Vom Krieg erzählen" statt.

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