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Deutschland

Wenn Politik persönlich wird

Warum wählt der Wähler so, wie er wählt? Eine Studie hat herausgefunden, dass die Persönlichkeit eines Menschen sich auf das Wahlverhalten auswirkt. Wie, das erklärt der Mainzer Politologe Siegfried Schumann.

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Für wen würde wohl dieser Wähler stimmen?

DW-WORLD: Eigentlich ist die Sache doch ganz klar: Viele Wähler werden der SPD den Rücken kehren, da sie es nicht geschafft hat, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Aus Protest werden sie eine andere Partei wählen. Herr Schumann, für Sie greifen solche Erklärungen des Wahlverhaltens zu kurz. Die Persönlichkeit spiele ebenfalls eine große Rolle beim Wahlverhalten. Inwiefern?

Siegfried Schumann: Die herkömmlichen Erklärungsmuster werden durch unsere Studie ja nicht ungültig. Um ein prominentes Beispiel zu nehmen. Der Partei-Identifikationsansatz. Da haben wir drei große Einflussfaktoren: die Sympathie zu den Spitzenkandidaten, die Haltung zu politischen "Issues" - da würde Ihr Argument reinfallen, Kürzungen im Sozialbereich - und die Partei-Identifkation. Diese Faktoren wirken nach wie vor. Was wir gezeigt haben, ist, dass Persönlichkeitseigenschaften auf diese Einflussgrößen wirken. Das bedeutet, Persönlichkeitseigenschaften wirken darauf ein, welchen Kandidaten ich sympathisch empfinde, in vielen Fällen wirken sie darauf, welche Haltungen ich zu politischen Streitfragen einnehme und sie wirken darauf, mit welcher Partei ich mich identifiziere.

Welche Persönlichkeitsmerkmale sind bei politischen Entscheidungen denn besonders relevant?

Die beiden wichtigsten Persönlichkeitseigenschaften sind Offenheit für Erfahrung - d.h. man ist vielseitig interessiert, einfallsreich, tiefsinnig, phantasievoll etc .- und Gewissenhaftigkeit - d.h., was die Planung, Organisation und Durchführung von Aufgaben betrifft. Man kann zwei große Gegenspieler unterscheiden, die Grünen und die Unionsparteien. Grüne werden bevorzugt gewählt von Menschen, die offen für Erfahrung und wenig gewissenhaft im Sinne des Persönlichkeitsmerkmals "Gewissenhaftigkeit" sind. Genau spiegelbildlich sieht es aus bei den Unionsparteien: Hohe Gewissenhaftigkeit bei den Wählern und geringe Offenheit für Erfahrung.

Wie sieht es bei anderen Parteien aus, zum Beispiel der SPD?

Die SPD geht tendenziell in Richtung der Grünen, doch nicht so ausgeprägt. Es gibt aber noch eine Parteienfamilie mit markantem Profil, nämlich extrem rechte Parteien - Republikaner, DVU, NPD. Die zeichnen sich aus durch geringe Offenheit für Erfahrung und geringe Verträglichkeit, im Sinne von sozialer Verträglichkeit.

Ist die "Verteilung" der Persönlichkeitsmerkmale konstant oder hat die sich in den vergangenen Jahren verändert?

Es gibt deutliche Hinweise auf eine Veränderung. Seit den 1970er Jahren ist ein Wertewandel empirisch festgestellt. Es ist Konsens, dass Pflicht- und Akzeptanzwerte auf dem Rückgang sind und Selbstentfaltungswerte sich auf dem Vormarsch befinden. Das ist nichts Neues. Was wir in unserer Studie nachgewiesen haben, ist, dass diese Werte ausgesprochen eng zusammenhängen mit Persönlichkeitseigenschaften. Pflicht- und Akzeptanzwerte korrelieren mit Gewissenhaftigkeit und Selbstentfaltungswerte mit Offenheit für Erfahrung und Extraversion. Wenn man sich auf den Standpunkt stellt, dass Persönlichkeitseigenschaften tiefer gehende Eigenschaften sind als Werte, dann liegt die Vermutung auf der Hand, dass der Wertewandel zurückzuführen ist auf einen Persönlichkeitswandel im Elektorat. Das würde heißen, dass sich Offenheit für Erfahrung und Extraversion, also die Korrelate für Selbstentfaltungswerte auf dem Vormarsch befinden und Gewissenhaftigkeit als Korrelat für Pflicht und Akzeptanzwerte an Bedeutung verliert. Das hat Konsequenzen für das politische Klima.

Inwiefern?

Ich möchte mal exemplarisch ein paar Konsequenzen aufführen. Politisches Interesse hängt eng zusammen mit Offenheit für Erfahrung. Wenn Offenheit für Erfahrung an Bedeutung gewinnt, sollte auch politisches Interesse zunehmen. Genau diesen Trend sehen wir über viele Jahre. Oder die Wahlbeteiligung: Eine der wichtigsten Einflussgrößen auf die Wahlbeteiligung ist die so genannte Wahlnorm, also die Vorstellung, es sei die Pflicht eines guten Staatsbürgers, sich an der Wahl zu beteiligen. Diese Wahlnorm hängt wiederum sehr eng zusammen mit der Persönlichkeitseigenschaft Gewissenhaftigkeit. Und wenn wir annehmen, dass Gewissenhaftigkeit auf dem Rückgang ist, wie Pflicht- und Akzeptanzwerte, dann können wir prognostizieren, dass die Wahlbeteiligung zurückgeht. Genau diesen Trend haben wir langfristig.

Was können Sie über die Ursachen dieses Persönlichkeitswandels sagen?

Das haben wir noch nicht untersucht. Wir planen ein Folgeprojekt, das sich genau mit dieser Frage beschäftigt und an dem sich ausgewiesene Persönlichkeitspsychologen beteiligen sollen.

Wie können Politiker die Ergebnisse der Studie für ihre Zwecke nutzen?

Nutzbar sind die Ergebnisse sicher, allerdings kann man darüber streiten, ob es ethisch vertretbar ist, das zu tun. Wenn ich Wahlkampf betreibe, ziele ich auf eine ganz bestimmte Klientel. Und wenn ich Informationen habe über die Persönlichkeitseigenschaften dieser Klientel und wenn sie sich abhebt von anderen Personen, die ich nicht ansprechen möchte, dann ist die Versuchung groß, zu sagen, ich schneide mir Kandidatenimages meiner Spitzenpolitiker so zurecht, dass sie auf das entsprechende Klientel passen. Damit könnte ich Sympathie steigern für meine Spitzenkandidaten und damit auch die Wahlchancen meiner Partei erhöhen.

Siegfried Schumann, Politologe an der Uni Mainz

Siegfried Schumann

Siegfried Schumann (Jahrgang 1957) lehrt und arbeitet am Institut für Politikwissenschaft der Universität Mainz. Die Ergebnisse des von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Forschungsprojekts sind nachzulesen in dem von Siegfried Schumann und Harald Schoen herausgegebenen Sammelband "Persönlichkeit: Eine vergessene Größe der empirischen Sozialforschung" (VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005) ISBN: 3-531-14459-6

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