1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschlehrer-Info

Wenn Politik keine Rolle mehr spielt

Zwanzig Russen und Ukrainer unter einem Dach. Ein ganzes Wochenende. Dieses Experiment hatte sich das Team von „Jugend Debattiert International“ ausgedacht. Wenn das mal gut gehen wird, sagten viele Teilnehmer zuvor.

Als Deutschlehrerin wünscht sie sich ja eigentlich, dass ihre Schülerinnen und Schüler immer Deutsch sprechen, sagt Mariia Vysochan aus der Ukraine. Aber als sie in den letzten vier Tagen hörte, wie manche russische Jugendliche versuchten, Ukrainisch zu sprechen, ging ihr dann doch das Herz auf. Sie steht in der riesigen Glaskuppel des deutschen Bundestages im Herzen Berlins. Die Besucher können über eine Rundtreppe an der Glaswand entlanglaufen und von hoch oben Berlins Panorama bestaunen.

Mariia Visochan, Lehrerin aus Ukraine Foto: DW/ Greta Hamann

Mariia Visochan freut sich über das gelungene Treffen

Auch Mariia Vysochans Schüler sind nach oben unterwegs. Untergehakt bei ihren neuen russischen Freunden, schießen sie Selfies mit ihren Smartphones. Als bekannt wurde, dass das Siegertraining für die besten Teilnehmer von Jugend Debattiert International (JDI) für die russischen und die ukrainischen Schüler gemeinsam stattfinden sollte, reagierte Lehrerin Mariia Vysochan wie viele andere erstaunt und besorgt. Nach Sicherheitsmaßnahmen wurde gefragt und wer denn auf diese Idee gekommen sei?

Ein Wettbewerb mit Visionen

Pavel Bobek zum Beispiel. Er ist seit vier Jahren Projektleiter von „Jugend Debattiert International“ - einem Wettbewerb, bei dem die Organisatoren die demokratische Debattenkultur mit Sprachförderung und Schüleraustausch verbinden wollen.

Audio anhören 00:11

Anastasia aus der Ukraine erzählt, was sie mit „Jugend Debattiert“ verbindet

In den letzten vier Tagen hat Bobek die Jugendlichen bei ihrem Debattier-Training in einem Seminarhaus in der Nähe von Berlin begleitet. Er strahlt über beide Backen und schaut den jungen Menschen zufrieden hinterher: „Am ersten Nachmittag, als alle angekommen sind, merkte man noch, dass sich beim Essen ein ukrainischer und ein russischer Tisch bildete.“ Innerhalb von 24 Stunden habe sich das komplett aufgelöst, erzählt Bobek. Man habe nicht mehr gemerkt, wer woher komme. „Es ist uns sehr wichtig, gerade die Jugendlichen der Länder, die verfeindet sind, an einen Tisch und zu einem Dialog zu bringen.“

Mit Russen nach Berlin, geht das überhaupt?

Deutschschüler Valentyn Kholiavytskyi ist 17 Jahre alt und stammt aus der Ukraine. Der junge Mann hatte, genau wie seine Lehrerin, Bedenken, in Berlin ausgerechnet mit Russen zusammenzutreffen. Er ist einer der zwanzig Teilnehmer des Debattier-Trainings. „Als gesagt wurde, ihr fahrt mit der russischen Gruppe nach Berlin, haben viele meiner Freunde gefragt, ja geht das überhaupt?“ Es ging. Neben Valentyn stehen sein Landsmann Anton Douginets und die Russinnen Maja Shulman und Anna Morozowa.

Audio anhören 00:30

Maja aus Russland erzählt vom gemeinsamen Training

Vor wenigen Stunden debattierten die vier noch in einem karg beleuchteten Raum des Auswärtigen Amts. Vor dem stellvertretenden Leiter der Abteilung für Kunst und Kommunikation, Journalisten und den Seminarleitern führten sie eine Schaudebatte. Eine halbe Stunde diskutierten sie - wie in einem regulären Jugend Debattiert-Wettbewerb - über das brisante Thema: „Sollten politische Inhalte in Beiträgen beim Eurovision Song Contest verboten werden?“

Das Problem liegt auf der politischen Ebene

Ihre Positionen vertraten sie in gemischten Teams. Es ging um Meinungsfreiheit, die Europäische Union und die Rolle der Kunst: alles heikle Themen für Menschen aus den Heimatländern der Jugendlichen. Doch als das abschließende Klingeln der JDI-Glocke ertönte und die Debatte offiziell vorbei war, lagen sich die vier schon in den Armen. Und auch jetzt wollten sie ihr Interview nur gemeinsam geben, „wir sind schließlich ein Team“, sagt Maja.

Als wäre das russisch-ukrainische Siegertraining nicht schon brisant genug gewesen, setzten die aktuellen Ereignisse sogar noch einen drauf. Am zweiten Tag des Schüleraustausches traten beim Eurovision-Song-Contest in Schweden Sänger aus vielen Ländern gegeneinander an. Nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen setzte sich die ukrainische Teilnehmerin Jamala gegen den Russen Sergej Lasarew durch.

Valentyn, Maja, Anna und Anton Foto. DW/ Greta Hamann

Valentyn, Maja, Anna und Anton haben sich in den letzten Tagen angefreundet

Gemeinsam hatten sich die Jugendlichen das Finale angeschaut. Sie mussten feststellen, dass die ukrainischen und russischen Jury-Mitglieder keine Punkte an das jeweils andere Land vergaben, die Zuschauer aus den jeweiligen Ländern dafür umso mehr. Für Anna aus Moskau zeigt dieses Ergebnis ganz klar: „Das Problem zwischen unseren Ländern liegt eigentlich irgendwo auf der politischen Ebene und nicht zwischen den Völker und den einzelnen Menschen.“ Das habe sie auch an diesem Wochenende so erlebt, sagt Anna und schaut zu der Gruppe herüber, die sich für das nächste Selfie vor der deutschen Flagge positioniert hat: „Die blöden Vorurteile, die die Politiker zu vermitteln versuchen, sollte man einfach nicht glauben. Mann muss kritisch sein und prüfen, was einem gesagt wird.“

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema