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Asien

"Wenn morgen die Siegesschlacht losgeht..."

Die Spannungen zwischen China und Indien wachsen - auch weil Medien und Internetforen in China die anti-indische Stimmung weiter anheizen. Dies schadete auch den jüngsten Grenzverhandlungen zwischen beiden Staaten.

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Zumindest verbal rüsten Indien und China auf

Neue Versionen des amerikanischen Kampfflugzeuges F-16 sollen an Pakistan gelifert werden

Ein Kampfjet vom Typ F-16 "Falcon"

Im Jahr 2003 hatte die chinesische Akademie der Sozialwissenschaften einen bekannten indischen Geopolitik-Berater zu einer Gesprächsrunde eingeladen und diese live im Internet übertragen. Schon damals nahm der indische Experte kein Blatt vor den Mund: "Indien und China werden Rivalen und Konkurrenten sein - in politischer, ökonomischer und militärischer Hinsicht." Noch im selben Jahr hatte New Delhi sich mit Israel über den Kauf von Kampfflugzeugen vom Typ "Falcon" geeinigt, obwohl die Israelis diese zuvor Peking angeboten hatten. Doch Israel musste damals kurz vor Vertragabschluss mit China das Geschäft auf Druck aus Washington aufgeben. Der kurz danach abgeschlossene Deal zwischen Israel und Indien war für Peking vor diesem Hintergrund ein besonderer Affront.

Indien - vom Westen hofiert

Gerhard Schröder bei Wen Jiabao (Foto:ap)

Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Chinas Premierminister Wen Jiabao

Im Jahr 2004 forderte der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder erfolglos die Aufhebung des Waffenembargos der EU gegen China. Gleichzeitig verkauften jedoch europäische Rüstungsfirmen, allen voran EADS, ungehemmt Waffen nach Indien. Pekings Ärger wuchs weiter, als im darauffolgenden Jahr die USA einen Nukleardeal mit Indien abschlossen. Zu diesem Zeitpunkt räumte Chinas Parteipresse erstmals ein, dass die indischen Atomtests Ende der 1990er Jahre die bilateralen Beziehungen schwer belastet hätten. Im selben Atemzug zitierte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua einen namentlich nicht genannten Politikberater aus der Parteikaderschule in Peking mit den Worten, Indien werde nunmehr auch geopolitisch aggressiver agieren. Zum Beispiel in Richtung Südostasien, dort also, wo Chinas Außenpolitik während der 1990er Jahre besonders erfolgreich war. Ende 2005 gelang es Indien sogar gegen den Willen Chinas, eine exklusive Gesprächsrunde mit den ASEAN-Staaten, die so genannte "10 plus 1"-Runde, einzurichten.

Annäherung zwischen Indien und Japan

US-Hilfe für Indonesien nach dem Tsunami 2005 (Foto:ap)

Ein US-Militärhubschrauber liefert Hilfsgüter in Indonesiens Tsunamigebiet

Chinas geopolitisches Nervenkostüm wurde nur kurze Zeit später weiter belastet. Nach der beispiellosen Tsunami-Katastrophe vom Dezember 2005 schlugen ausgerechnet die USA vor, gemeinsam mit Japan, Australien und Indien den betroffenen Regionen in Indonesien mit Kriegsschiffen zur Hilfe zu eilen. Zwar lehnte Indonesien offiziell ab. Doch Chinas Medien registrierten seitdem akribisch, an welchen ASEAN-Militärmanövern Japan im Osten und Indien im Westen teilnahmen. Besonders genau verfolgt China in diesem Zusammenhang die Annäherung zwischen Indien und Japan. Laut Xinhua sollen die beiden Staaten sich bereits Anfang 2006 weitgehend verständigt haben, sich gegenseitig Militärhäfen als Basen zur Verfügung zu stellen.

Peking fühlt sich zunehmend eingekreist

Indiens Premierminister Manmohan Singh auf Staatsbesuch in Japan (Foto:ap)

Indiens Premierminister Manmohan Singh auf Staatsbesuch in Japan

Auch der Indien-Besuch des chinesischen Präsidenten Hu Jintao im November 2006 konnte nicht zur Entspannung beitragen. Wenige Tage vor dem Beginn des Besuchs ließ Chinas Botschafter in Indien verkünden, der nordostindische Bundesstaat Arunachal sei eigentlich chinesisches Territorium. Für kurze Zeit kursierten im chinesischen Internet sogar Gerüchte, wonach der Staatsbesuch wegen des Eklats abgesagt werden könnte. Und als Indiens Premierminister Manmohan Singh kurz nach Hus Besuch selbst nach Tokio reiste, war für Xinhua klar: Japan, Indien, die USA, Australien und Europa wollen eine demokratische Gemeinschaft in Asien schmieden, eine Art Vorstufe zu einer asiatischen NATO, um China zu umzingeln. Vor genau dieser Gefahr hatte Chinas marxistische Linke schon immer gewarnt.

Zurückhaltung im Tibet-Konflikt

Von diesem Zeitpunkt an verwundert es kaum noch einen internationalen Beobachter, dass die Berichterstattung in China über Indien immer skeptischer, wenn nicht sogar latent feindseliger wird. In diesem Jahr protestierte Chinas Außenministerium offiziell bei der Asia Development Bank, weil die Bank ein Aufbau-Darlehen für den indischen Bundesstaat Arunachal freigab. Zuvor beklagten mehrere chinesische Zeitungen die Diskriminierung chinesischer Firmen bei indischen Großprojekten.

Exil- Tibeter protestieren in New Delhi gegen China (Foto:ap)

Exil- Tibeter protestieren in New Delhi gegen China

Während der Tibet-Unruhen 2008 bemühte sich Chinas Außenpolitik zwar darum, die Rolle Indiens kleinzureden, obwohl die tibetische Exilregierung im indischen Dharamsala beheimatet ist. Jedoch verwiesen immer mehr amtliche Medien darauf, dass die indische Luftwaffe in Kashmir an der Grenze zu Tibet alte Militärflughäfen wieder in Betrieb nahm. Zweimal intervenierte Chinas Außenministerium bei Manmohan Singh, jedes Forum für den Dalai Lama auf indischem Boden zu unterbinden. Mit Blick auf die bevorstehenden Olympischen Spiele in Peking jedoch hielt sich China jedoch mit offenen Attacken an New Delhi noch zurück.

Die anti-indische Stimmung nimmt zu

Internet-User in China (Foto:ap)

Internet-User in China

Dies änderte sich jedoch radikal ab Anfang 2009. Der chinesische Fernsehsender Phoenix meldet bis heute jede noch so kleine militärische Bewegung der indischen Truppen, jedes noch so unscheinbare indische Abkommen mit anderen Staaten. In nahezu allen chinesischen Diskussionsforen im Internet dominiert eine anti-indische Stimmung. Patriotische Schwüre geistern beinahe täglich durchs Netz und heizen die Gemüter weiter an. "Wenn morgen die lang ersehnte Siegesschlacht gegen die Inder losgeht", heißt es etwa in einem dieser Foren, "dann spende ich ein Jahr lang die Hälfte meines Lohnes, damit unsere Soldaten den Indern richtig eine Lektion erteilen können!"

Der innenpolitische Druck in China ist - auch durch die Medien - mittlerweile so groß geworden, dass jeder Kompromiss mit Indien gleich als Landesverrat durch die politische Führung verdammt wird. Von daher überrascht es nicht, dass auch die letzte Grenzverhandlung zwischen Indien und China jetzt ergebnislos zuende gegangen ist.

Autor: Shi Ming
Redaktion: Thomas Latschan