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Wissen & Umwelt

Wenn Meisen zu Killern werden

Mit hungrigen Kohlmeisen ist nicht zu spaßen. Wird das Futter im Winter richtig knapp, fallen sie über schlafende Zwergfledermäuse her und fressen sie auf.

Kohlmeise sitzt neben kleinem Schneemann (Foto: picture-alliance/dpa)

Das haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Pöcking bei München beobachtet. In zwei harten Wintern konnten sie nachweisen, dass Kohlmeisen (Parus major) immer wieder in eine Höhle im Nordosten Ungarns flogen, in der Zwergfledermäuse ( Pipistrellus pipistrellus) ihren Winterschlaf hielten. Nach fünf bis fünfzehn Minuten flogen sie mit ihrer Beute im Schnabel wieder heraus und fraßen die Fledermäuse auf.

Fotomontage mit Comic-Denkblase: Meise denkt an Fledermaus (Foto: Dietmar Nill, Montage: Leonie Baier)

Meisenknödel aus? Wie wär's mit gekühlter Fledermaus?

Von wegen harmlos und niedlich...

Diese "erstaunlichen Neuerungen im Tierverhalten", wie Studienleiter Björn Siemers die Angriffe der kleinen Singvögel nennt, seien eine Notlösung der hungerleidenden Sänger. In harten Wintern fänden die Tiere unter der dicken Schneedecke nicht genügend Samen, Beeren, Knospen oder Nüsse. Von ihrer eigentlichen Nahrung - Spinnen, Weberknechte, Falter und Mücken - ganz zu schweigen. Der Beweis: als die Wissenschaftler den Meisen nahe des Höhleneingangs Sonnenblumenkerne und Speck anboten, ließen fast alle Vögel die Fledermäuse in Ruhe. "Die Meisen töten die Fledermäuse wahrscheinlich nicht gezielt. Die Fledermäuse sterben aufgrund der Kopfverletzungen, die die Meisen ihnen durch ihr Gepicke zufügen." erklärt Siemers. Auch im Sommer griffen Meisen hin und wieder andere Singvögel mit ihrem spitzen Schnäbelchen an.

Zwergfledermaus (Foto: Dietmar Nill, Max-Planck-Institut für Ornithologie)

Zwergfledermäuse gehören zu den häufigsten europäischen Fledermaus-Arten.

Schlaftrunkene Fledermäuse verraten sich durch Abwehrlaute

Die Jagd auf die Zwergfledermäuse ist für die Meisen nicht ungefährlich. Erwachen sie aus ihrem Winterschlaf, beissen sie um sich und können den Vögeln schwere Verletzungen zufügen. Auch die Orientierung in der dunklen Höhle ist für die Meisen eine Herausforderung. Zwar fällt etwas Licht durch den großen Eingang in die Höhle. Die gut getarnten, dunkelbraunen Fledermäuse scheinen die Kohlmeisen jedoch anders zu orten: sie folgen einfach den Lauten, die die im Winterschlaf gestörten Fledermäuse ausstoßen. Beweisen konnten die Forscher dies durch ein Experiment. Sie spielten den Meisen Fledermauslaute vor und beobachteten, dass sich die gefiederten Räuber interessiert dem Lautsprecher näherten. "Es sind vermutlich Laute, die der Abwehr dienen sollen", so Björn Siemers, "aber es erscheint möglich, dass sie von den Meisen zum Orten der Fledermäuse genutzt werden."

Portrait von Björn Siemers, Max-Planck-Institut für Ornithologie, Seewiesen (Foto: Björn Siemers)

Björn Siemers hält die Kohlmeisen nicht für eiskalte "Killer".

Gefundenes Fressen für hungrige Kohlmeisen

Das Verhalten der "Killer-Meisen" ist kein Einzelfall. "Es wird wahrscheinlich von Generation zu Generation weitergegeben", vermutet Siemers. Bereits vor zehn Jahren wurden fledermaus-fressende Kohlmeisen vor der Höhle in Ungarn beobachtet. Vermutlich die Ururgroßeltern der heute jagenden Kohlmeisen. Kohlmeisen werden im Schnitt nur anderthalb Jahre alt. "Dies könnte für eine kulturelle Weitergabe sprechen." urteilt Siemers. "Möglicherweise haben die hungrigen Meisen die Jagd auf Fledermäuse immer wieder neu erfunden". Dafür spräche, dass auch in Polen und Schweden schlafende Fledermäuse von Kohlmeisen gefressen werden.

Die Meise, die aus der Kälte kam

Zwergfledermäuse wiegen so viel wie ein Stückchen Würfelzucker und sind mit zusammengefalteten Flügeln so groß wie eine Streichholzschachtel. Für die Meisen sind sie trotzdem ein schwerer Brocken, der immerhin ein Viertel so viel wiegt wie sie selbst.

Im Winterschlaf haben die Zwergfledermäuse keine Chance gegen die Kohlmeisen. Ihre Körpertemperatur liegt ungefähr bei sechs Grad, ihr Herz schlägt weniger als zehn Mal in der Stunde. Ungefährt 20 bis 30 Minuten dauert es, bis ihr Körper warm genug ist, um sich gegen Angreifer zu wehren oder zu fliehen.

Autorin: Ulrike Wolpers

Redaktion: Judith Hartl