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Bücher

Wenn Kunst krank macht

Willi Achtens Roman "Die florentinische Krankheit" erzählt von einer ungewöhnlichen Form der Psychose - ausgelöst durch übermäßigen Kunstgenuss.

Foto von der Abendstimmung an der Ponte Vecchio über dem Arno in Florenz

Florenz: Stadt der Kunst

Immer wieder werden in Florenz verstörte Touristen in die Psychiatrie eingeliefert. Sie leiden unter Herzrasen, Schwindel und Verwirrung. Es handelt sich um Reaktionen auf die Fülle an Schönheit, die sich in der italienischen Kunstmetropole darbietet. Der französische Schriftsteller Stendhal hat zum ersten Mal über dieses Phänomen berichtet, als er 1817 bei einem Besuch in der Stadt Michelangelos selbst betroffen war. Vom "Stendhal-Syndrom" spricht inzwischen die psychologische Fachliteratur. Das hat Willi Achten zu einem vielschichtigen Roman inspiriert.

Exzessive Leidenschaft

Buchcover Die florentinische Krankheit

"Die florentinische Krankheit" ist eine außergewöhnliche Mischung aus Stadtroman und Krimi, Kunstbetrachtung und Liebesgeschichte. Man erfährt viel über die erotische Ausstrahlung der Bilder und Skulpturen, von denen Florenz so übervoll ist. Und das hat einen Grund, denn in erster Linie erzählt Willi Achten die Geschichte einer exzessiven, zerstörerischen Liebe. Der Ich-Erzähler, Franz Gerber, ist Sophia regelrecht verfallen. Sie ist seine Ex-Geliebte. Sophia ist bei den Recherchen für ihre kunsthistorische Doktorarbeit in Florenz immer exzentrischer geworden. Widerstrebend, aber von Verlustängsten getrieben folgt ihr Franz Gerber in eine sadomasochistische Leidenschaft. Bis es zum Bruch kommt und sie verschwindet. Nun irrt Franz Gerber durch Florenz. Auf den Spuren der Ex-Geliebten wird er überflutet von den Reizen der Stadt. Zunehmend gleitet er ab in irrlichternde, alptraumhafte Halluzinationen.

Riskantes neurologisches Experiment

Skulptur David von Michelangelo in Florenz

Fülle an Schönheit

Doch "Die florentinische Krankheit" ist nicht nur ein Roman über eine obsessive Liebe und eine krankhafte Leidenschaft zur Kunst. Franz Gerber ist Neurologe, sein Forschungsgebiet ist die Schlaflosigkeit. Er beteiligt sich an einem ebenso umstrittenen wie riskanten Experiment. Ein Seiltänzer soll unter wissenschaftlicher Aufsicht einen Rekord in monatelangem Schlafentzug brechen. Das klingt völlig unwahrscheinlich, gehört aber zu den realen Ereignissen, die Willi Achten in seinen Roman eingearbeitet hat. 1973 hat der Franzose Henri Rochatain hat angeblich fast ein halbes Jahr ohne Schlaf auf einem Seil zugebracht.

Ritualmorde an Frauen

Und es gibt weitere Realitätsbezüge: Eine Mordserie, die Florenz von den späten 60ern bis in die 80er Jahre in Atem hielt – Ritualmorde an Liebespaaren. Auch im Roman "Die florentinische Krankheit" kommt es zu Ritualmorden. Die Opfer sind diesmal Frauen, ihre Leichen zugerichtet nach Motiven der Malerei. Franz Gerber gerät unter Verdacht, jagt aber selbst auch den Mörder.

Willi Achten lässt die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen, bewusst verwirrt er seine Leser mit einer Fülle an Motiven. Da kann einem schon ein wenig schwindelig werden, doch in der Fülle spiegelt sich der Reichtum von Florenz. Und während man dem Ich-Erzähler durch den historischen Stadtkern folgt, hat man Gassen und Plätze wie bewegte Szenerien vor Augen. Man kann die Stadt förmlich riechen, schmecken, hören, fühlen. Willi Achten ist ein Kunststück sinnlicher Beschreibung gelungen.

Autorin: Christel Wester

Redaktion: Gabriela Schaaf

Willi Achten: Die Florentinische Krankheit. Roman, Edition Köln, 416 Seiten, 19.95 Euro, ISBN 978-3-836791-57-0.

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