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Welt

Wenn Kinder in den Krieg ziehen...

Kinder werden in vielen Konfliktgebieten der Welt als Soldaten missbraucht - mit gravierenden Folgen. Ihrer Kindheit beraubt, oftmals von den Eltern verstoßen, finden sie kaum ins gesellschaftliche Leben zurück.

Bosco war sechs, als ihm die ugandischen Rebellen unter Führer Joseph Kony ein Buschmesser brachten und ihm befahlen, seine kleine Schwester zu töten, erinnert sich Elisabeth Kaiser. Die Psychologin ist auf Traumata ehemaliger Kindersoldaten spezialisiert und hat mit ihrer Hilfsorganisation Vivo International Betroffene in Uganda therapiert. Bosco hat ihr ausführlich den Moment des Mordes an seiner Schwester geschildert: "Dann zeigte der Kommandant mit dem Rohr seines Gewehrs auf mich und sagte: 'Zerscheide sie und mache es schnell.' Ich dachte: 'Bitte lass mich sterben', und dann hörte ich das Schnellfeuer direkt über meinem Kopf. Das war der Moment, als mein Herz sank und ich wusste, jetzt werde ich es tun. Ich hob meinen Arm, um auszuholen, und in diesem Moment hörte ich meine Schwester weinen. Und ich fing auch an, zu weinen und sagte: 'Juli vergib mir. Ich muss das tun.‘ Der Kommandant schlug mich erneut auf die Schulter. Ich hob meinen Arm und rammte die Machete in den Nacken meiner Schwester."

Kindersoldaten in der Demokratischen Republik Kongo (Foto: dpa)

Kindersoldaten in der Demokratischen Republik Kongo

Juli war damals fünf. Sie musste sterben, weil sie beim langen Fußmarsch zum nächsten Angriffsort das Tempo der Rebellen nicht mithalten konnte.

Kinder - genügsam und ziemlich wehrlos

Die Vereinten Nationen schätzen, dass 250.000 Kinder von Armeen oder bewaffneten Rebellentruppen in kriegerischen Auseinandersetzungen eingesetzt werden - in fast allen Konfliktgebieten weltweit. Im aktuellen UN-Bericht sind 52 Kriegsparteien aus 23 Ländern aufgelistet, die Kinder als Kämpfer, Spione, Boten und Träger schwerer Lasten missbrauchen, wie Ninja Charbonneau vom Kinderhilfswerk UNICEF erläutert. Auch aus Syrien gebe es Berichte, nach denen sowohl Regierungstruppen als auch Oppositionelle Kindersoldaten einsetzen. Die Kinder leben in der ständigen Angst, selbst von den Truppen getötet zu werden, wenn sie nicht gehorchen. Viele werden gefoltert und vergewaltigt. "Kinder einzusetzen hat leider viele 'Vorteile' für die bewaffneten Gruppen: Die Kinder sind preiswerte Kämpfer, die leicht zu manipulieren sind. Sie werden häufig unter Drogen gesetzt und mit Propagandamaterial und Filmen auf ihre neue Aufgabe eingestimmt", sagt Ninja Charbonneau im DW-Interview.

Opfer einer Verstümmelung in Sierra Leone (Foto: dpa)

Opfer einer Verstümmelung in Sierra Leone

Vor allem arme Kinder und Waisen, die ihre Eltern während des Konflikt verloren hätten, liefen Gefahr, rekrutiert zu werden, so die UNICEF-Mitarbeiterin: "Dann ist manchmal ihre einzige Chance, sich einer starken Gruppe anzuschließen - und das können bewaffnete Gruppen sein." Viele Kinder werden auch einfach entführt und zum Dienst an der Waffe gezwungen. Bosco musste seine gesamte Kindheit bei den Rebellen verbringen.

Familien- und Dorfstrukturen zerbrechen

Die Kinder, die diese Zeit überlebten, seien meist schwer traumatisiert, entwickelten Depressionen, Süchte oder psychosomatische Erkrankungen, erläutert Traumatherapeutin Elisabeth Kaiser. Aus Trauer, Schuldgefühlen und Scham begingen viele Selbstmord. Andere seien im zivilen Leben danach stark verhaltensauffällig; sie könnten dann kein normales Familien- oder Dorfleben mehr führen, gäben zum Teil die erlebte Gewalt an ihre Kinder weiter. "Wir haben ja teilweise Gemeinden, da ist über die Hälfte der Menschen mental oder psychisch krank und daran zerbricht eine Gemeindestruktur“, sagt die promovierte Psychologin. Viele ließen sich auch erneut rekrutieren, wenn sie merkten, dass sie in der zivilen Gesellschaft nicht ankämen. Besonders schwer hätten es die Mädchen: Kindersoldatinnen, die durch die Vergewaltigungen schwanger geworden seien, fänden im Dorf keinen Mann mehr und lebten damit dauerhaft in Armut.

Auch Deutschland steht in der Kritik

International ist der Einsatz von Kindersoldaten geächtet: 150 Staaten haben das Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention über die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten ratifiziert. Es trat am 12. Februar 2002 in Kraft.

Ninja Charbonneau (Foto: UNICEF)

Ninja Charbonneau, UNICEF-Pressesprecherin

Auch Deutschland hat das Fakultativprotokoll unterzeichnet. Allerdings hatte das Deutsche Bündnis Kindersoldaten, in dem neben UNICEF zehn weitere Kinderrechtsorganisationen zusammengeschlossen sind, erst kürzlich in seinem Schattenbericht 2013 der Bundesrepublik vorgeworfen, sich nicht ausreichend gegen den Einsatz von Kindersoldaten zu engagieren. "Ein Defizit sehen wir darin, dass ehemaligen Kindersoldaten, die in Deutschland als Flüchtlinge ankommen, nicht ausreichend geholfen wird, und dass ihre Angst vor Rekrutierung beispielsweise nicht als Asylgrund anerkannt wird", sagt Ninja Charbonneau von UNICEF.

In dem Schattenbericht werden unter anderem auch die Rekrutierung von 17-Jährigen in Deutschland durch die Bundeswehr sowie die beschönigende Werbung für die Bundeswehr kritisiert, die auch an Schulen betrieben wird. Außerdem ist dem Bericht zufolge nicht klar, ob Kleinwaffen aus Deutschland - als einem der international größten Waffenexporteure - nicht auch weltweit in die Hände von Kindersoldaten gelangen.

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