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Filme

Wenn Künstler Filme machen

Ob Kino eine Kunst ist - darüber streiten manche Menschen noch heute. Wer das Buch "Art Cinema" durchblättert und liest, der erhält eine eindeutige Antwort: Kino ist Kunst! Daran lassen die Autoren keinen Zweifel.

Frau liegt auf Liege, daneben ist ein Reh zu sehen (Foto: Teresa Hubbard / Alexander Birchler. Still from ‘House with Pool’/Taschen-Verlag)

Film + Kunst

Film war schon immer eine Kunst. Diese Erkenntnis mag nicht besonders originell sein, wird dem Leser des Buches "Art Cinema" aber eindrucksvoll bestätigt. Über Kino als Kunstform lässt sich nach der Lektüre des Buches eigentlich nicht mehr streiten. Vor allem die vielen Bilder des prächtigen Bandes geben eindeutige Antworten.

"Art Cinema" von Paul Young füllt eine Lücke auf dem deutschen Filmbuchmarkt. In dieser Ausführlichkeit, Differenzierung und Opulenz dürfte das, was man gemeinhin als "Kunstkino" bezeichnet, bisher in Buchform noch nicht behandelt worden sein. Aber was ist denn nun "Kunstkino", oder "Art Cinema"?

"Art Cinema" contra Massenware

Geschminkter Mann mit weißem Anzug vor Tisch mit großem Fleischstück(Foto: Taschen-Verlag)

Robert Wilson: "Steve Buscemi"

Gleich mehrere Definitionen bietet Young am Anfang seines Bandes. Eine recht umfassende lautet: "Ein Film, der sich durch bestimmte ästhetische, ideologische und oft auch politische Mittel von der kommerziell produzierten Massenware abhebt - unabhängig davon, ob er sich als experimenteller oder avantgardistischer Film oder als Künstlerfilm kategorisieren lässt."

Schon die Antwort auf die Frage nach einer schlüssigen Definition von Kunst fällt schwer - oder man macht es sich eben einfach und verweist auf Josef Beuys: "Alles ist Kunst. Jeder ist ein Künstler." Naturgemäß ist es deshalb auch schwierig zu ergründen, was denn
nun den so genannten Kunstfilms in seinem Wesen ausmacht.

Blutüberströmter nackter glatzköpfiger Mann mit rotem Flunsch aus dem Mund (Foto: Taschen Verlag)

Blut oder Ketchup? - Paul and Damon McCarthy: "Caribbean Pirates"

Paul Young löst das Dilemma, in dem er noch ein paar weitere Definitionen anbietet. Etwa: "Wie traditionelle Kunstwerke sind art films im Allgemeinen zum Ende hin offen und werfen eher Fragen auf, als dass sie Antworten liefern", oder aber auch: "Der art film neigt zum Nichtlinearen, Nichttheatralischen und Nichtbildlichen, und folglich bedient er sich in hohem Maße des Poetischen, der Metaphern und Anspielungen."

Regisseure und Künstler im Bild

Wem das noch nicht genügt, der hat immer noch die Möglichkeit sich seine eigene Definition zu basteln - die knapp 200 Seiten Text und Fotos bieten reichlich Anschauungsmaterial. Rund 300 Filme und Regisseure werden erwähnt, mal mehr oder weniger intensiv behandelt. Viele entstammen dem Kanon der Filmgeschichte, Luis Bunuel mit seinen frühen surrealistischen Arbeiten ist natürlich ebenso dabei wie die Regisseure Jean Cocteau und Michelangelo Antonioni, Jean-Luc Godard und Peter Greenaway.

Abstraktes Gebilde aus Oswell Blakeston, Francis Bruguière: Still from ‘Light Rhythms (Foto: Taschen Verlag)

Klassisches Filmexperiment: Arbeit von Oswell Blakeston und Francis Bruguière

Andere Namen werden eher dem Kunstkritiker geläufig sein, Stan Douglas oder Bill Viola, Anthony McCall oder Pipilotti Rist. Die Grenzen zwischen dem, was normalerweise (noch) im Kino läuft und dem, was eher in Kunsthallen und Museen zu sehen ist, werden hier aufgehoben. Der Leser mag nun selbst entscheiden, ob er Videokunst oder Filminstallationen, Collagen oder sogenannte Konzeptfilme doch mehr der Kunst zurechnet oder doch dem (avantgardistischen) Film.

Überwältigende Bilderschau

Am Ende erweisen sich die Definitionen als irrelevant, kommt es doch eher darauf an, inwieweit jeder einzelne Betrachter etwas mit dem "art cinema" anfangen kann. Da wird dem einen ein früher Film von Walther Ruttmann aus dem Jahre 1929 über die Stadt Berlin vielleicht näher sein als die kühlen Installationen eines Max Dean und Kristan Horton. Andere dagegen finden vielleicht eher Zugang zu den wüsten und wilden Filmexperimenten der 60er und 70er Jahre, können aber mit den blutigen (Ketchup-)Orgien eines Paul McCarthy kaum etwas anfangen.

Die ganz Fülle und Bandbreite des "art cinema" wird im vorliegenden Buch beschrieben, in zehn Kapiteln, vom surrealistischen über den abstrakten Film bis zu Formen des Dada und Camp auf und mit Zelluloid. Das ist überwältigend und faszinierend anzuschauen, die Bilder und Fotografien strotzen nur so vor Vitalität und dem Wunsch der Künstler aus herkömmlichen Bahnen auszubrechen, konventionelle Wege zu verlassen und filmisches wie künstlerisches Neuland zu betreten. Ein großartiges Film/Kunst-Buch!

Paul Young: Art Cinema, Taschen Verlag 2009, 192 Seiten, 29,99 Euro, ISBN: 978-3-8228-3591-3.

Autor: Jochen Kürten

Redaktion: Conny Paul

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