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Kultur

Wenn Hände sprechen

Wer sprachlich nicht weiter weiß, kommuniziert gern mit Händen und Füßen. Doch so allgemeinverständlich, wie es scheint, sind Gesten gar nicht. Das Hand-Buch "Versteh mich nicht falsch!" beugt Missverständnissen vor.

Bild: Florian Bong-Kil Grosse

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Vor zweitausend Jahren im alten Rom konnte eine Geste über Leben oder Tod entscheiden. Der Daumen des Kaisers bestimmte über das Schicksal der Gladiatoren, heißt es. Ganz genau weiß man das nicht. Wie auch? Schließlich können wir uns nicht einmal auf die Bedeutung des erhobenen Daumens einigen. Der steht zum Beispiel in Deutschland für die Zahl "eins" oder, wie auch in anderen Ländern, für "alles klar". Am Straßenrand in Mexiko kann man den Daumen ausstrecken, um per Anhalter zu fahren. Doch im Iran, Irak und in Afghanistan ist das eine vulgäre Beleidigung übelster Sorte.

Wortlose Missverständnisse

Das Buch "Versteh mich nicht falsch!" zeigt auf den ersten Seiten Fotos von Daumen, die alle ziemlich gleich aussehen, aber je nach Land ganz unterschiedliche Bedeutungen annehmen können. Zusammengestellt wurde das Buch von den beiden Auslandsjournalistinnen Julia Grosse aus London und Judith Reker aus Johannesburg. Beide haben selbst erlebt, wie einfache Handbewegungen zu Missverständnissen führen. Grosse wollte sich einen Marktstand in der sudanesischen Hauptstadt Khartum anschauen, als eine Frau sie scheinbar wegscheuchte. Erst später erfuhr sie, dass ein Auf- und Abwedeln der Hand in einigen Ländern genau das Gegenteil dessen bedeutet, was die Journalistin mit der Geste assoziierte, nämlich, man solle näher kommen.

Julia Grosse und Judith Reker Autorinnen

Gestenforscherinnen Julia Grosse und Judith Reker

Grosses Kollegin Judith Reker fragte einen Buchhändler nach einem bestimmten Roman. Der schaute sie nur an, legte die Fingerspitzen zusammen und ging in einen anderen Raum. "Was willst du eigentlich!" heißt diese Geste in Italien, woher Reker sie kannte. Sie verließ den Laden. Dabei hatte der Buchhändler nur im Nebenzimmer nach dem Roman schauen wollen. In Ägypten stehen zusammengelegte Fingerspitzen für die freundliche Aufforderung, sich einen Moment zu gedulden.

George W. Bush ein Heavy-Metal-Fan?

2008 kamen Grosse und Reker in einem Münchner Café ins Gespräch über Gesten und die Erfahrungen, die sie mit ihnen gemacht hatten. Sie begannen, unterschiedliche Bedeutungen von Gesten zu recherchieren. Der ehemalige US-Präsident George W. Bush zum Beispiel grüßt gern, indem er Zeigefinger und kleinen Finger von der geballten Faust spreizt. Auf Konzerten bedeutet diese Geste "das rockt", stammt aus dem Heavy Metal und bezieht sich auf Teufelshörner. Bush bezieht sich jedoch lokalpatriotisch auf das Longhorn-Rind aus seiner Wahlheimat Texas. Und als Silvio Berlusconi dieselbe Geste hinter dem Rücken des spanischen Außenministers machte, war das ein politischer Eklat. Denn in Italien ist sie eine Beleidigung: "Deine Frau betrügt dich", sie "setzt dir Hörner auf".

Rund fünfzig verschiedene Gesten aus ebenso vielen Ländern haben die Journalistinnen zusammen getragen. Ihr Buch enthält wenig Text und viele Bilder von Händen, fotografiert in Hamburg und Berlin von Julia Grosses Bruder Florian Bong-Kil Grosse. Zum Glück sei Florian ein Perfektionist, sagt Julia Grosse, denn das visuelle Konzept erforderte exakte Fotografien. Das Buch soll den Blick des Lesers öffnen für die interkulturell unterschiedlichen Bedeutungen von Gesten. "Man hat so ein Gesten-Repertoire, mit dem man meint, überall auf der Welt irgendwie kommunizieren zu können", sagt Grosse. "Aber dass es nicht so einfach ist, darauf wollten wir aufmerksam machen."

Zur Feier des Tages ein doppelter Stinkefinger

Riesch holt zweite Goldmedaille

V gleich zweiter Platz

Zumindest sie selbst sei durch die Arbeit am Buch aufmerksamer geworden, sagt Grosse. So fiel ihr zum Beispiel die Skirennläuferin Maria Riesch auf, die nach dem Gewinn ihrer zweiten Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Vancouver ein V aus Zeige- und Mittelfinger in die Fernsehkameras hielt. Das steht in vielen Ländern für eine zwei, doch Riesch machte die Geste mit dem Handrücken nach vorn. "In Großbritannien und einigen anderen Ländern wäre das ein doppelter Stinkefinger", sagt Grosse. Besonderes Gefahrenpotential haben allgemein die Gesten, die in einem Land etwas Harmloses bedeuten, in einem anderen aber eine vulgäre Beleidigung. Dazu zählen neben dem erhobenen Daumen und der umgedrehten V-Geste auch der Ring aus Zeigefinger und Daumen oder die ausgestreckte Hand mit gespreizten Fingern.

Wer bisher davon ausging, Gesten seien so eine Art stummes Esperanto, sei dennoch beruhigt. Zumindest eine Geste ist nach den Recherchen von Grosse und Reker weltweit einheitlich. Den ausgestreckten Mittelfinger kannten auch schon die alten Römer. Sie nannten ihn „digitus impudikus", den unanständigen Finger.

Autor: Aarni Kuoppamäki

Redaktion: Sabine Oelze

Versteh mich nicht falsch! Gesten weltweit. Das Handbuch Julia Grosse, Judith Reker, und Florian Bong-Kil Grosse, Bierke-Verlag, 14,90 Euro

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