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Kultur

Wenn Goethe twittern würde

Einst war es das Tagebuch oder der literarische Briefwechsel, der etwas über die Dichterseele preisgab. Heute erfährt man das meiste im Netz. Wir haben Autoren gefragt, was sie sich von sozialen Netzwerken versprechen.

Johann Wolfgang von Goethe (Foto: ullstein bild - Paul Hauke)

Johann Wolfgang von Goethe

Bei Thomas Mann musste man noch Jahre warten, bis die Tagebücher nach seinem Tod der Öffentlichkeit preisgegeben wurde. Heute veröffentlichen Autoren schon zu Lebzeiten ihre aktuellen Statusmeldungen, sprich Stimmungslagen, auf bekannten Online-Portalen wie Facebook oder Twitter. Doch wie fühlt es sich an, wenn Leser plötzlich "Freunde" oder gar "Verfolger" werden?

Ein altes Dilemma

Der Schriftsteller Robert Menasse (Foto: AP)

Der Autor Robert Menasse

Der österreichische Romanautor Robert Menasse hat mit dem sozialen Netzwerk "Facebook" ganz gute Erfahrungen gemacht. Für ihn löste die Plattform ein altes Autoren-Dilemma: Um konzentriert und kreativ schreiben zu können, müsse man sich von der Welt abschirmen, sagt er. Aber zugleich wolle man als Autor "auch mit Neuigkeiten versorgt sein", wolle "Anregungen, Debatten, Nadelstiche von der Realität, damit man nicht vollkommen abhebt und wahnsinnig wird". Und was der Autor natürlich noch will: viele, viele Leser.

Mehr als 1000 sogenannte "Freunde" hat Menasse inzwischen auf Facebook versammelt. Sie reagieren auf seine Kommentare, geben Rückmeldung zu seinen Texten. Selbst wenn er einen harmlosen Satz wie "Linz hat was" auf seiner Seite veröffentlicht, bekommt er binnen weniger Minuten mehr als vierzig Antworten. Der Vorteil der digitalen Netzwerke: Man kann sich jederzeit wieder ausloggen und schon hat man seine Ruhe. Außerdem zwinge einen die Vorgabe von 140 Zeichen - länger sollten die Texte nicht sein - dazu Dinge zu verdichten. Menasse, der weniger als Lyriker bekannt ist, hat bei Facebook erstmals Gedichte eingestellt, mit der Bitte diese zu kommentieren. Die Reaktionen seien so positiv gewesen, dass er Mut gefaßt habe, auch auf diesem Gebiet weiterzumachen, sagt er.

Zwischen Hass und Liebe

Sibylle Berg (Foto: dpa)

Sibylle Berg

Andere Autoren stehen den neuen Formen der Kommunikation eher skeptisch gegenüber. Sibylle Berg beispielweise twittert eifrig, drückt aber zugleich auch ihre Ambivalenz gegenüber diesem Medium aus: "Sich richtig anstrengen, um zu gefallen. Nichts dafür kriegen. Angst haben, verlassen zu werden. Nicht davon loskommen. Twitter ist Mutter", twittert Sibylle Berg. Ein anderes Mal heißt es weniger poetisch: "Bin auf scheiße Facebook jetzt, könnt alle meine Freunde werden. Ich hab' ja sonst nichts zu tun!"

Gedanken festhalten

Kathrin Passig, Autorin und Journalistin, sieht das Ganze eher pragmatisch. Sie nutzt soziale Netzwerke als Gedanken- oder Gesprächsarchiv, denn einen Gedanken, den man nicht teile, sei ein verlorener Gedanke, sagt sie. Twitter und Co sind für sie weniger ein literarisches Medium als vielmehr eine neue Form der Kommunikation. Deshalb wirke es auf sie auch oft ein bisschen steril, wenn die Leute versuchten betont poetisch oder literarisch zu schreiben.

Soziale Netzwerke, meint die Autorin, hätten vor allem für Menschen, die die sie wenig oder gar nicht nutzen, etwas Bedrohliches. Diese Angst habe es bei allen technischen Neuerungen gegegeben: beim Telefon, beim Flugzeug und bei der Schreibmaschine. Zuerst hieße es immer: "Wozu soll das denn gut sein?" Dann glaube man daran, dass es nur eine Phase sei, die wieder vorüber gehe. Aber, so Kathrin Passig, "es gibt kein Zurück in die Zeit vor Facebook". Facebook sei erst der Anfang.

Autorin: Marcella Drumm
Redaktion: Petra Lambeck