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Kultur

Wenn Geschichtenerzähler in die Zukunft blicken

Die ungewisse Zukunft bietet einen riesigen Ideenfundus für Schriftsteller und Filmemacher. Auch Forscher blicken gerne in unbekannte Weiten. Am interessantesten wird's dann, wenn uns die Science Fiction einholt.

ARCHIV - Das Filmplakat zum Science-Fiction-Epos «Avatar», aufgenommen während der Premiere in Berlin (Archivfoto vom 08.12.2009). James Cameron kehrt nach Pandora zurück. «Avatar»-Fans müssen sich allerdings bis Ende 2014 gedulden, ehe die zweite Folge des Fantasy-Streifens in die Kinos kommt. Dafür hat Cameron gleich zwei Fortsetzungen zugesagt. Foto: Jens Kalaene dpa (Zu dpa Jahreschronik - Die wichtigsten Ereignisse des Jahres 2010) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Avatar Filmplakat

George Orwell breitete 1948 eine verstörende Vision vom Jahr 1984 aus: Big Brother ist überall, die Menschen sind nur noch dumpfe Nutztiere. Der Staat überwacht wie ein riesiger Krake alles. Daran geht schließlich die Gesellschaft zugrunde. Bis heute, glaubt Zukunftsforscher Bernd Stegmann vom Institut Futur an der Freien Universität Berlin, beherrscht dieses Szenario unsere Furcht vor einem allwissenden Staat. Diese Geschichte, sagt er, "hat einen maßgeblichen Einfluss auf Fragen der gesellschaftlichen Überwachungssysteme."

Fiktion als Erlösung

Von Fiktion zur Innovation. Frank Schätzing und Tom Tykwer bei der IFA. Fotografin: Mara von Kummer September, 2012, Berlin

Frank Schätzing (links) und Tom Tykwer

Doch nicht immer scheint die Zukunft so trübe wie bei Orwell. Auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin Anfang September haben unter anderem der Filmemacher Tom Tykwer und der Erfolgsautor Frank Schätzing über dieses Thema diskutiert. Und sind zu folgenden Schlüssen gekommen: Fiktion kann auch erlösend wirken. Alle Grenzen dürfen überschritten werden. Man kann sich aus dem engen Korsett der Zeit befreien, die einem das Leben auferlegt.

"Nicht umsonst steigt unsere Lust auf Fiktion zum Ende des Tages rapide an", sagt Regisseur Tom Tykwer. "Und zwar deshalb, weil ein Ende naht, ein Ende des Tages, das Einschlafen, der kleine Tod. Wir suchen dann die Erzählung, die uns erlöst von diesem nahenden Ende und dieses wieder in eine Ferne rückt." Eine solche Gute-Nacht-Geschichte sei auch sein neuer Film "Cloud Atlas", der Mitte November in Deutschland ins Kino kommt. "Die Gegenwart in Cloud Atlas ist immer schon geschehen, oder wird geschehen, aber sie ist nie etwas, das gerade geschieht, sie ist immer zugleich ein Davor und ein Danach", verrät Tom Tykwer über seinen Film.

Technischer Fortschritt

Filmstill aus Tom Tykwers Cloud Atlas (Start im November 2012) Copyright by x-Verleih.

Auf der Flucht: Filmszene aus "Cloud Atlas" von Tom Tykwer

Während Cloud Atlas nach dem Roman von David Mitchell eine mögliche Zukunft unserer Gesellschaft beschreibt, gibt es noch einen anderen Zweig der Science Fiction, der sich eher mit technischen Möglichkeiten befasst. Pionier des Genres war der französische Schriftsteller Jules Vernes. Schon 1865 beschrieb er eine Reise zum Mond, eine Expedition ins Erdinnere, wenige Jahre später ließ er seine Protagonisten mit allerlei phantasievollen Maschinen "In 80 Tagen um die Welt" reisen - all dies lange bevor man solche Dinge technisch umsetzen konnte.

In dieser Kategorie ist auch der Bestsellerautor Frank Schätzing zu finden. "Die Zukunft ist ein großer, leerer, gestaltbarer Raum", sagt er, "und Science Fiction ist der Versuch, zu zeigen, wie wir diesen Raum gestalten können." In seinem Roman "Limit" greift er einen alten Menschheitstraum auf: Die Besiedlung des Mondes. Bei ihm sind es nicht Raketen, mit denen der Mensch sein Ziel erreicht, sondern eine Art Aufzug. Eine Vorstellung, die immer wieder ernsthaft von Physikern geprüft wird.

Für den Soziologen Edgar Göll ist dieses Zusammenspiel von Fiktion und Wissenschaft ein Klassiker: "Wissenschaftler greifen gerne auf Science Fiction zurück, um Impulse zu erhalten", erklärt er. "Was könnte im Falle eines Falles passieren? Bei Schätzing oder Orwell werden Zukunftsbilder am effektivsten vermittelt."

Mehr Zukunftsangst im Westen

Zukunftsforscher haben festgestellt, dass die Angst über das, was kommt, in Europa und den USA viel ausgeprägter ist als jenseits der westlichen Welt. Vielleicht weil man in wohlhabenderen Ländern mehr zu verlieren hat. In die weite Zukunft zu denken sei Luxus, sagt Soziologe Edgar Göll. In Kuba zum Beispiel ginge es mehr um die Bewältigung von Alltagsproblemen oder sehr stark um generelle humanitäre Ziele, um Abschaffung von Armut, um Frieden.

Ähnlich sieht es in Ägypten aus. Auch hier hat sich der Soziologe auf die Suche nach Menschen gemacht, die sich mit der zukunft beschäftigen. Fehlanzeige. Ein arabischer Kollege habe schon einen Aufsatz über das Fehlen von Science Fiction in arabischen Ländern geschrieben. Zwar gebe es "Tausend und eine Nacht" oder andere phantastische Märchen, die seien aber meistens rückwärts gewandt, weniger nach vorne gerichtet. Was sicherlich damit zu erklären ist, dass gerade im arabischen Raum noch viele alte Strukturen und Traditionen herrschen.

Fiktion als Frühwarnsystem

Buchcover: Schätzing - Der Schwarm

Gut 1.000 Seiten stark: "Der Schwarm"

Zukunftsforscher halten es für sinnvoll, sich mit Fiktion zu befassen. Nicht um Ängste zu schüren, sondern um sich zu überlegen, was möglich wäre und gewisse Risiken mit einzukalkulieren.

Deutsche Urlauber haben zum Beispiel Frank Schätzing versichert, dass er ihnen mit seinem Roman "Der Schwarm" das Leben gerettet habe. Tatsächlich stand das Buch gerade zu der Zeit auf den Bestsellerlisten, als ein Tsunami die Küsten Indonesiens und Thailands verwüstete. Darin beschreibt Schätzing sehr genau, wie sich der Meeresspiegel verhält, wenn ein Tsunami anrollt.

Und ohne Orwells "1984" hätte die Angst vor einem Überwachungsstaat vielleicht nie so starken Ausdruck gefunden wie jetzt. Entwicklungen wie der Schutz der Privatsphäre wären nicht unbedingt ins Zentrum der Diskussion gerückt.