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Wissen & Umwelt

Wenn einem ein Satellit vor die Füße fällt...

Der Satellit ROSAT wird am Wochenende zurück auf der Erde erwartet. Dabei besteht durchaus Gefahr für Menschenleben. Manuel Metz vom DLR im Gespräch mit DW-WORLD.DE über Weltraumschrott und wiedereintretende Satelliten.

Der Satellit ROSAT. (Foto: EADS/dapd)

Der deutsch-amerikanische Satellit ROSAT wird in diesen Tagen zurück auf der Erde erwartet. Und zwar nicht sanft landend wie ein Space Shuttle, sondern völlig unkontrolliert. Weder der Zeitpunkt noch der Aufprallort sind vorhersagbar. Das bedeutet: Es besteht durchaus Gefahr für Leib und Leben der Erdbewohner, denn nur ein Teil des Satelliten wird beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühen.

Der Wissenschaftler Manuel Metz vom deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (Bild: Manuel Metz)

DLR-Weltraumschrottexperte Manuel Metz

DW-WORLD.DE: Herr Metz - klingt für mich besorgniserregend: Die Chance, dass ein Satellitenteil von ROSAT auf Deutschland niederregnet, liegt bei 1:580.

Ja, das ist richtig. Das betrifft die Wahrscheinlichkeit, dass ein Satellitenteil das Gebiet Deutschlands trifft. Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich auch, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Satellit irgendwo anders niedergehen wird, deutlich höher ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es wohl so sein, dass er unbemerkt irgendwo im Meer verschwinden wird.

Wenn ich etwas in Betrieb nehme, übernehme ich doch auch die Haftung dafür. Dann muss ich dafür sorgen, dass nichts passieren kann. Warum sorgen die Raumfahrernationen nicht für einen Schutz der Bevölkerung?

Es wird heutzutage schon Sorge getragen. Es gibt in der Zwischenzeit Vorschriften, die bereits bei der Konstruktion eines Satelliten eine Analyse erfordern. Dabei wird eine Risikoanalyse für den Fall des Wiedereintritts erforderlich. Danach darf eine Satellitenmission nur dann gestartet werden, wenn das Risiko, dass irgendwo auf der Welt ein Mensch zu Schaden kommt, kleiner ist als 1:10.000.

Das nützt mir nichts, wenn es ausgerechnet mich trifft. Wie hoch ist die Chance eines Lottogewinns?

Das ist nicht direkt vergleichbar. Zunächst müssen Sie erst mal Lotto spielen, um überhaupt die Chance zu haben zu gewinnen. Und der Lottojackpott in Deutschland wird durchschnittlich jede Woche einmal geknackt. In der Raumfahrt ist es umgekehrt. Wir hatten seit dem Start des Sputnik 27.000 Tonnen Material im All, das wieder eingetreten ist, und bis heute ist noch niemand ernsthaft zu Schaden gekommen.

Wäre es technisch nicht möglich, dass sich so ein Satellit rückstandsfrei selbst zerstört?

Selbstzerstören ist keine gute Idee. Es ist theoretisch technisch möglich, dass Objekte, die ein sehr hohes Risiko bei einem unkontrollieren Wiedereintritt darstellen, gezielt deorbitet werden. Ein gutes Beispiel ist der europäische Raumtransporter ATV. Der wird durch ein gezieltes Bremsmanöver über dem Pazifik zum Wiedereintritt gebracht.

Die Gesamtzahl der Weltraumtrümmer im Orbit um die Erde wird auf 20.000 Objekte von mehr als 10 cm, 600.000 Objekte von mehr als 1 cm und über 300 Millionen Objekte von mehr als 1 mm geschätzt. Ab wann sind solche Trümmer denn gefährlich für Raumstationen oder Satelliten?

Das kommt darauf an, was man als gefährlich bezeichnet. Es kann bei bestimmten Missionen bereits zu einem Ausfall von einzelnen Funktionen kommen, zum Beispiel, wenn Sie an ein Teleskop denken, das zur Himmelsbeobachtung genutzt wird. Dort würde bereits ein Einschlag eines wenige Millimeter großen Objektes ausreichen, um es außer Gefecht zu setzen. Wirklich gefährlich für Missionen als solche sind Objekte ab einem Zentimeter. Die können theoretisch zu einem kompletten Missionsausfall führen.

Nun wird der Schrott ständig beobachtet von der Erde aus, damit es zu keinen Kollisionen kommt. Wenn man schon weiß, wo die Teilchen sind - könnte man sie dann nicht in irgendeiner Weise einfangen?

Das ist natürlich sehr schwierig. Die Objekte bewegen sich mit einer extrem hohen Geschwindigkeit von über 27.000 Kilometer pro Stunde im Orbit. Es gibt derzeit weltweit von verschiedensten Missionen und Agenturen Überlegungen, Missionen zu planen, die gezielt einzelne große Objekte aus dem Orbit entfernen. Das Ziel hierbei ist, den drohenden Kaskadeneffekt, wodurch sich die Zahl der Weltraumtrümmer quasi von allein ständig vervielfacht, zu stoppen.

Was ist ein Kaskadeneffekt?

Ein Kaskadeneffekt - auch bekannt als Kessler-Syndrom im Falle von Weltraummüll - ist, wenn ein Trümmerteil auf einen Satelliten oder auf eine Raketenoberstufe trifft und diesen vollständig zerstört. Dabei entstehen mehr Trümmer, die dann wiederum bei weiteren Kollisionen weitere Trümmer erzeugen können. So würde es ohne weitere Raumfahrt, ohne weitere Raketenstarts, zu einem Ansteigen der Trümmerzahl im Orbit kommen.

Wenn es möglich ist, Raumfähren sicher wieder landen zu lassen - könnte man ausgediente Satelliten nicht einfach wieder einpacken und zur Erde zurückbringen? Dann muss man halt die Spaceshuttles wieder ausmotten...

Wahrscheinlch macht es wenig Sinn zu versuchen, die Satelliten heil wieder herunterzubringen.

Könnte man ihn nicht einfach in weiter entfernte Umlaufbahnen schießen, indem man so Energie zurückhält und ihn dann soweit weg bringt, dass er auf keinem Fall mehr zur Erde zurückkommt.

Bestimmte Satelliten werden tatsächlich auf einer Art Friedhofsorbit geparkt. Das macht man vor allen Dingen im geostationären Orbit. Das ist der Orbit, wo Kommunikationssatelliten sind. Ziel ist hier, den Orbitbereich, den dieser Satellit einnimmt, freizuräumen, um dorthin weitere Satelliten hinstarten zu können. Diese Satelliten werden tatsächlich über ihre Bahn hinweggehoben.

Nun kann ich mir vorstellten, mit ihren statistischen Berechnungen werden Sie Pessimisten nur bedingt beruhigen. Was kann man selbst tun um sich vor herabfallenden Weltraumtrümmern zu schützen - Helm auf, Tiefgarage oder Luftschutzbunker?

Ich würde gar nichts tun und ich werde auch nichts tun. ROSAT ist jetzt ein Ereignis, aber man muss das im Verhältnis sehen. Jedes Jahr treten 60 bis 80 Tonnen Material in die Erdatmosphäre ein. In den letzten Wochen sind ganz unbemerkt zum Beispiel zwei Raketenoberstufen wieder eingetreten. Das ist ein nahezu alltägliches Ereignis. Ungefähr jeden Monat tritt auch durchaus ein Stück Weltraumschott in die Erdatmosphäre ein, das potentiell die Erdoberfläche erreichen kann.

Wie sollte ich mich verhalten, wenn dann doch mal ein Trümmerteil in meinem Garten liegt, auf dem ROSAT steht?

(Lacht) Wenn da ROSAT draufsteht oder wenn Sie sonst irgendwann mal ein Trümmerteil im Garten haben: Am Besten die 112 wählen, die Behörden informieren und alles Weitere den Behörden überlassen.

Interview und Redaktion: Tobias Oelmaier

Manuel Metz ist Weltraumschrottexperte beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.