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Internationaler Tag gegen die Todesstrafe

Wenn ein Mörder zum Brieffreund wird

Gabi Uhl hält die Todesstrafe für barbarisch. Sie bringe keinen Nutzen, erzeuge aber neues Leid. Seit 20 Jahren führt sie Brieffreundschaften mit Insassen im Todestrakt - und begleitet sie manchmal bis zur Hinrichtung.

Als Gabi Uhl zum ersten Mal bei einer Hinrichtung zusah, hatte man ihr vorher gesagt: Das wird Euch verändern. Ihr werdet Alpträume haben, Ihr werdet nicht mehr dieselben sein. Schritt für Schritt erklärten die Beamten ihr den Ablauf der Giftinjektion. Nur eine Glaswand trennte sie von dem Verurteilten, als seine letzten Worte per Mikrofon übertragen wurden.

Es war das Jahr 1998 - der Mann auf der anderen Seite der Scheibe hieß Clifford Boggess. Seine Straftat: zwei Raubüberfälle mit tödlichem Ausgang. Gabi Uhl war weder Freundin noch Schwester oder Schwägerin: Sie war seine Brieffreundin. Erst wenige Monate zuvor hatte sie ihn erstmals persönlich getroffen, bei einem der kurzen Besuchstermine, die der Todestrakt seinen Insassen gewährt. Und dennoch war sie Zeugin seiner Hinrichtung. Danach hat das Thema sie nicht mehr losgelassen.

Die mittlerweile 55-Jährige sitzt in ihrem Wohnzimmer. Hinter ihr drei deckenhohe Regale, randvoll mit Materialien rund um das Thema Todesstrafe. Bücher, Zeitungsartikel und Videokassetten zeugen von den Jahren ihres Engagements. Seit 2005 ist sie Mitglied der Initiative gegen die Todesstrafe e.V, seit 2013 Vorsitzende. Und dann sind da noch die Briefe - ordnerweise, stapelweise Briefe. Jeder einzelne mit dem Absender eines Häftlings der Polunsky Unit in Livingston, dem texanischen Todestrakt. Überbleibsel von Freundschaften aus 20 Jahren.

Warten auf den Tod

Nicht aus jedem Brief wurde eine Freundschaft, erzählt Uhl. Andere dagegen hielten über viele Jahre hinweg - so auch die zu Willie Trottie. Acht Jahre schrieben sie sich ein bis zwei Briefe im Monat, zweimal im Jahr besuchte sie ihn, zuletzt zu seiner Hinrichtung im September 2014. Acht Jahre Brieffreundschaft mit einer Person, die wegen zweifachen Mordes verurteilt ist: Geht das? Einen Menschen zu akzeptieren, ohne das gleiche mit seiner Straftat zu tun?

Gabi Uhl führt Brieffreundschaften mit Häftlingen im texanischen Todestrakt (DW/H. Weise)

Einige von Gabi Uhls Brieffreunden aus dem Todestrakt

Für Gabi Uhl ist genau das der Kerngedanke in der Debatte um die Todesstrafe. Willie Trotties Schuldfrage war bis zuletzt nicht zweifelsfrei geklärt. "Seine Geschichte klingt ganz anders als das, was die Staatsanwaltschaft ihm vorgeworfen hat", beginnt sie, wenn man nach der Straftat fragt. Fest steht: Es gab ein familiäres Drama, bei dem seine Lebensgefährtin und sein Schwager erschossen wurden. Was laut Anklage nach mutwilliger Racheaktion klingt, stellt Trottie als Notwehr und Affekthandlung dar. Die Zeugenaussagen sind widersprüchlich. Was für Gabi Uhl zählt, sind nicht die Details seiner Straftat oder die Schuldfrage selbst, sondern das Verfahren, in dem Trottie verurteilt und die Bedingungen, unter denen er eingesperrt wurde.

"Die Geschworenen, die ihn verurteilt haben, haben seine Version nie gehört", erzählt Uhl. "Das ist der eigentliche Skandal - er hatte nicht einmal die Chance, gehört zu werden." Sein eigener Verteidiger habe ihn nicht in den Zeugenstand gerufen. Ehe er sich versah, war Trottie zum Tode verurteilt. Was folgte, waren 21 Jahre Berufungsverfahren - Jahre, in denen der Verurteilte 23 Stunden am Tag in einer Einzelzelle auf ein neues Verfahren hoffte, während er zugleich auf seine Hinrichtung wartete.

Armut spielt noch im Todestrakt eine Rolle

Willie Trotties Schicksal teilen rund 2900 weitere Insassen in den USA - jeder zehnte von ihnen in Texas, dem Staat mit den meisten Hinrichtungen in Amerika. Die wenigsten von ihnen hatten das Glück, sich einen guten Anwalt leisten zu können. "In den Todeszellen sitzen keine reichen Leute", fasst es Gabi Uhl zusammen. Sie bekommen, wie Trottie, einen Pflichtverteidiger zugeteilt: Häufig junge Anwälte ohne Erfahrung mit schweren Verbrechen, schlecht bezahlt und überfordert. Teilweise bearbeiten sie bis zu einhundert Fälle gleichzeitig. Das Strafmaß ihrer Mandanten ist oft die Todesstrafe - während ein teurer Anwalt in der Regel eine lebenslange Haftstrafe aushandeln kann.

Diese Zweiklassen-Justiz ist eine länderspezifische Facette der Todesstrafe - und nur einer von vielen Gründen, die Gabi Uhl bei Vorträgen und auf ihren Websites gegen dieses ihrer Meinung nach menschenunwürdige Strafmaß anführt. Viele ihrer Argumente sind mit Studien hinterlegt. Auf die Frage nach ihrer persönlichen Ablehnung der Todesstrafe erwähnt sie diese jedoch nur am Rande. Was die Todesstrafe für sie indiskutabel mache, sei, dass sie keinen Nutzen bringe, sondern nur neues Leid erzeuge. Das sehe man am besten an Willie Trotties Sohn, der bei der Schießerei 1993 noch ein Baby war, als er seine Mutter verlor. Mit der Todesstrafe verliert er jetzt auch noch seinen Vater, mit dem er sich bereits seit langem versöhnt hatte. Der junge Mann konnte sich aussuchen, ob er der Hinrichtung als Angehöriger der Opfer oder des Täters beiwohnt - er entschied sich für letzteres.

"Es ist nicht die Faszination des Bösen"

"Mir kam es unglaublich überheblich vor, dass Menschen, im besten Wissen was sie tun, einen anderen Menschen vom Leben in den Tod befördern", berichtet Gabi Uhl von ihren Eindrücken der ersten Hinrichtung. "Natürlich war mir bewusst, dass er schuldig war - aber wenn wir bei dem einen das Etikett "falsch" aufkleben: Wie will mir jemand verkaufen, dass zum Beispiel Cliffords Hinrichtung dann richtig war? Oder in anderen Worten: Warum töten wir Menschen, die Menschen getötet haben, um zu zeigen, dass es falsch ist, Menschen zu töten?"

Gabi Uhl führt Brieffreundschaften mit Häftlingen im texanischen Todestrakt (DW/H. Weise)

Viele Hundert Seiten Korrespondenz bleiben als Erinnerung

Ihr sei bewusst, dass die Todesstrafe nicht abgeschafft werde, nur weil sie einem Häftling schreibe. Die Brieffreundschaften seien kein Teil ihres politischen Engagements. Um eine Antwort auf die Frage, warum sie seit 20 Jahren Briefe in den Todestrakt schickt, ringt sie deshalb seit langem. "Ich fand es immer leichter zu sagen, was es nicht ist", gesteht sie. "Es ist nicht die Faszination des Bösen und es ist auch nicht das Mitleid mit dem Täter." Wahrscheinlich sei die Antwort banal: Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte habe sie viele Leute nur aufgrund des Themas "Todesstrafe" kennengelernt - manche dieser Leute säßen eben im Gefängnis und seien die Betroffenen.

Nach zehn Brieffreundschaften, 26 Besuchen in den Todestrakten der USA und drei Hinrichtungen ist Gabi Uhl fast schon routiniert im Umgang mit Betroffenen. Auch an den Anblick des Todestraktes gewöhne man sich überraschend schnell. Die Hinrichtungen selbst seien allerdings jedes Mal aufs Neue barbarisch. Daran wolle sie sich auf keinen Fall gewöhnen, sagt sie mit Nachdruck.

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