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Kultur

Wenn doch immer Sonntag wäre

Der Sonntag war nicht schon immer Sonntag. Eine Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte zeigt, wie unsere Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg den Sonntag prägte und was das Besondere an diesem Tag ist.

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Zerlegbarer Messkelch eines Rucksackpriesters aus den 1940er Jahren

Sonntäglicher Gottesdienst in einer Dorf-Bar? Im Deutschland der Nachkriegszeit war das kein ungewöhnlicher Anblick. Ein Rucksackpriester, der mit einem zusammenklappbarem Kelch und Wende-Stola übers Land zog, konnte überall in Windeseile einen Altar aufbauen.

Wer hat den Sonntag eigentlich erfunden? Woher kommen der Sonntagsspaziergang, der Sonntagsstaat und die Sonntagsruhe?

Den Ursprüngen, Wandlungen und Auswüchsen des letzten Tags der Woche spürt die Ausstellung "Am siebten Tag. Geschichte des Sonntags" im Bonner Haus der Geschichte nach. "Es ist ein kulturhistorisches Thema, an dem man den Wertewandel über die Jahrhunderte sehr gut festmachen kann", erklärt Projektleiterin Helene Thiesen DW-WORLD.

Seelische Erhebung statt Malochen

Am Anfang des chronologischen Rundgangs steht die heilsgeschichtliche Komponente. Der Sonntag sollte für die Christen das werden, was für die Juden der Sabbat war: Ein Tag der Ruhe, des Gebets, der Besinnung auf den eigenen Glauben und Gott. Sonntag war der Tag, an dem Jesus auferstand und daher sollte "jeder Sonntag ein kleiner Auferstehungstag sein", so Thiesen.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich nach und nach eine bürgerliche Sonntagskultur. Eine spezielle Sonntagstracht half dabei, diesen Tag vom Rest der Woche zu unterscheiden. Rituale wie der Sonntagsspaziergang kamen in Mode. Die Arbeiterschaft spürte aber nichts von einem sonntäglichen Idyll. "Die Arbeiter kamen im 19. Jahrhundert unter die Räder. Der Takt der Maschinen bestimmte ihren Rhythmus, und die liefen auch am Sonntag", erzählt Thiesen. Erst 1919, zu Beginn der Weimarer Republik, wurde die Sonntagsruhe verfassungsrechtlich verankert. Der Sonntag sei ein Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung, hieß es.

Einmal Sonntag, immer Sonntag

Es gab verschiedene Versuche, den Sonntag abzuschaffen. Während der französischen Revolution wurde ein Revolutionskalender ohne Sonntag entwickelt. Stalin versuchte 1917 ebenfalls, den Sonntag zu stürzen. Doch solche Versuche blieben erfolglos.

Daher änderte sich die Taktik. Die Nationalsozialisten wollten nicht mehr den Sonntag per se in Frage stellen, sondern den Tag für ihre Zwecke einspannen. "Die Nationalsozialisten versuchten, in dem Zeitfenster, in dem sonst die Gottesdienste stattfanden, eigene Veranstaltungen durchzuführen", weiß Tiesen. Auch wurden Feiertag-Sonntage erfunden, wie der "Eintopf-Sonntag".

Verkaufsschlager Sonntag

Von der frühgeschichtlichen Heilskomponente über die Entwicklung des bürgerlichen Sonntags bis hin zur Gegenwart, wo junge Leute den Sonntag vor allem zum gründlichen Ausschlafen nutzen, dokumentiert die Ausstellung den Wandel: Kleidungsstücke, Briefe, Plakate, Fotos und Gegenstände des alltäglichen Lebens lassen ein lebendiges Bild der verschiedenen Sonntagsrealitäten entstehen.

Am Ende der Ausstellung zeigt eine Video-Collage, was heute vom Sonntag übrig geblieben ist: Werbespots benutzen den ehemals heiligen Tag, um ihre Produkte an den Konsumenten zu bringen. Dabei geht es im aktuellen Streit um den Sonntag ja genau um die Frage, ob an diesem Tag überhaupt konsumiert werden darf oder nicht – Stichwort Ladenschlussgesetz. Der letzte Tag der Woche ist und bleibt ein heißes Streitthema.