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Kultur

Wenn die Sprache stirbt, stirbt auch das Volk

Wenn sie niemand mehr spricht, stirbt eine Sprache: das Sorbische ist eine von ihnen. Mit mehr als 1,5 Millionen Euro will die VW-Stiftung nun Sprachen vor dem Aussterben retten. Wir besuchen eine sorbische Kita.

Deutsch-sorbisches Ortseingangsschild Bild: Rico Herkner

Cottus oder Chosebuz? Sorbisch ist Amtssprache in Brandenburg

Anett Sischke ist mit Leib und Seele Kindergärtnerin. Vor elf Jahren half sie, den ersten sorbisch-wendischen Kindergarten in Cottbus aufzubauen. Ein Novum für die 100.000 Einwohner zählende Stadt nahe der polnischen Grenze und 100 km südlich von Berlin. Wie selbst sagt, wäre ihre Muttersprache sonst schon lang den Bach hinuntergegangen. Auch Anett Sischke musste Sorbisch neu erlernen. Denn ihr Großvater gab die Sprache nicht weiter. Zu groß waren die Wunden, die die Nazizeit geschlagen hatte. Denn während des Hitlerregimes war Sorbisch im öffentlichen Raum verboten. Außerdem wurden Sorbisch sprechenden Bürger von Deutschen oft verlacht. Diese Wunden wirkten nach. Mit der DDR kam die umgekehrte Bewegung: Die Kulturpolitik versuchte, die sorbisch-wendische Sprache zu schützen und zu revitalisieren. Doch die Anstrengungen scheiterten meist, da viele Sorben dies als Anordnung von oben verstanden.

Witaj heißt Willkommen

Bild: Rico Herkner

"Die Kinder haben die Sprache verinnerlicht": Kindergärtnerin Anett Sischke

Inzwischen werden jedes Jahr mehr als 15 Kinder zwischen null und sechs Jahren in den sorbischen Kindergarten mit dem Namen Witaj, was "willkommen" heißt, aufgenommen. Für die 43-jährige Erzieherin Anett Sischke ein Erfolg. Das Witaj-Projekt kümmert sich um den Erhalt und die Entwicklung der sorbisch-wendischen Sprache. Dabei wird versucht, die Sprache authentisch im Kindergarten wie auch in der Schule zu vermitteln. In den vergangenen Jahren entstanden so rund zehn Witaj-Kindergärten im Siedlungsgebiet der Sorben und Wenden. Oft werden in einer Einrichtung mehr als fünfzig Kinder betreut. Dazu kommen viele zweisprachige Kindertagesstätten, in denen einzelne Gruppen ausschließlich sorbisch-wendisch sprechen.

Viele sind weggezogen

Bild: Rico Herkner

Sorbisch als Basis für weitere slawische Sprachen

Mit etwas Wehmut registriert die Kindergärtnerin, dass nur jedes zehnte Kind in ihrer Einrichtung aus einer sorbisch-wendischen Familie kommt. Viele der vor 1989 in der Region wohnenden Sorben und Wenden sind weggezogen. Die wirtschaftlichen Umbrüche nach dem Untergang der DDR zwangen sie dazu. Oft fanden junge Eltern im Westen Deutschlands oder im europäischen Ausland eine Beschäftigung. Dadurch löste sich die sorbisch-wendische Minderheit fast auf, sagt sie. Das Witaj-Projekt sei eine Notbremse zur rechten Zeit gewesen.

Deutsche lernen Sorbisch

Bild: Rico Herkner

Alles auf Sorbisch: Die Kita-Gruppe "Wassermann"

Nun besuchen oft Kinder aus deutschsprachigen Familien den Witaj-Kindergarten. Eltern setzen damit auf eine frühzeitige, individuelle Fremdsprachenerziehung. So auch die junge Mutter Kathleen Biermann. Ihr Sohn, meint sie, habe es mit der sorbisch-wendischen Sprache einmal leichter, eine andere verwandte slawische Sprache zu erlernen. Schließlich seien beispielsweise Polnisch, Tschechisch und Slowakisch gerade im vereinten Europa stark im Kommen. Doch Sorbisch gilt als eigenständige, slawische Sprache – mit oft eigener Phonetik und teils eigenen Schriftzeichen.

"Ja som na toaleśe. Ja som gótowa."

So lauten meist die ersten sorbisch-wendischen Formulierungen, wenn die Witaj-Kinder das Gelernte zu Hause anwenden. Für Erzieherin Mila Nagora ist das eine ganz normale Sache. Denn "Ich bin auf dem Klo. Ich bin fertig" ist nun mal eine wichtige Mitteilung. Schließlich gehört das Töpfchengehen zum täglichen Ritual in der Kindertagesstätte. Oft würden deutsche Eltern dann zu Hause ratlos fragen, was denn das Kind nun gesagt habe. Die Kindergärtnerinnen geben da gerne Auskunft, sagt Mila Nagora. Die oft erst ein- bis zweijährigen Mädchen und Jungen haben keine Berührungsängste mit einer ihnen zunächst fremden Sprache. Oft reicht etwas Mimik und Gestik, dann ist klar, was gemeint ist. Nach drei Wochen wird schon verstanden, was die Kindergärtnerinnen auf sorbisch-wendisch sagen. Die Kinder haben dann die Sprache bereits verinnerlicht, sagen die Erzieherinnen.

Im ostsächsischen Crostwitz nahe Bautzen

Sorbisch ist mehr als Tracht

"Nur die Tracht? Das wäre nur Show"

Die Trachten der Sorben und Wenden sind aus der Tourismusregion um Cottbus nicht mehr wegzudenken. Doch zur Kultur des Brauchtums gehört unbedingt auch die Sprache, sagt Sischke. Viele ihrer Sprösslinge lernen inzwischen im Niedersorbischen Gymnasium in Cottbus. Der zweisprachige Bildungsweg ist möglich. Später können die sorbisch-wendischen Sprachtalente in vielen Bereichen einen Arbeitsplatz finden. Beispielsweise in sorbischen Verlagen, im Deutsch-Sorbischen Volkstheater oder in der Informatikbranche. Dort hat gerade erst ein junger Sorbe einem U.S.-amerikanischen Softwaregiganten geholfen, seinem weltweiten Betriebssystem eine sorbisch-wendische Variante hinzuzufügen. Das sei eben echtes Leben und nicht nur Show, sagt Sischke und korrigiert die Aussprache ihrer jüngsten Witaj-Sprosses. Die Mädchen und Jungen quittieren die Liebe und manchmal auch die Strenge ihrer Erzieherin mit Zuneigung. Und das, sagt sie, sei doch immer der schönste Lohn des Tages.

Autor: Rico Herkner

Redaktion: Elena Singer

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