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Kultur

Wenn die Kölschen singen

Wer die Liedtexte kennt, der hat mehr vom Kölner Karneval. Dabei hilft die "Loss mer singe"-Kneipentour. Tausende Fans von kölscher Musik lernen hier die neuesten Hits der Saison kennen. Mit Spaß und viel Bier.

Karnevalspublikum in einer Kölner Kneipe (Foto: loss mer singe e.V.)

Loss mer singe

Ein Nachmittag im Kölner Studentenviertel. Vor der Eckkneipe "Bei Oma Kleinmann" hat sich ein Pulk von Menschen versammelt. Viele sind verkleidet, sie warten darauf, dass die Kneipe aufmacht. Es ist kalt, auf dem Bürgersteig liegt Schnee. "Wir stehen hier seit anderthalb Stunden", sagt die Erste in der Schlange und tritt von einem Fuß auf den anderen. In einer Stunde erst wird Einlass für die Veranstaltung "Loss mer singe" (auf hochdeutsch: "Lasst uns singen") sein.

Dieses "Einsingen in den Karneval" hat nach mehr als zehn Jahren Tradition in Köln und ist so beliebt, dass die Leute es auf sich nehmen, stundenlang vor den Kneipen zu warten. Mit 20 neuen kölschen Liedern im Gepäck tourt die "Loss mer singe"-Mannschaft durch die Kölner Kneipen - in diesem Jahr sind es allein in Köln 30 Veranstaltungen. Hinzu kommen mehrere Kneipen im Kölner Umland und eine in Berlin, wo es eine große rheinländische Community gibt.

Loss mer singe entstand in einer Wohnküche

Es werden Textzettel verteilt, die Lieder vorgestellt, das Publikum singt mit, danach wird abgestimmt und der beste Hit des Abends gekürt. Am Ende der Tour zählt man alle Punkte zusammen und ermittelt so den Sieger der Karnevalssession. Klingt einfach, hat aber eine große Wirkung. So groß, dass sich in den letzten zehn Jahren die Kölner Musiklandschaft verändert hat: Immer mehr Karnevalsgäste wollen nur noch kölsche Musik hören - und die bekommen sie auch.

Georg Hinz, Initiator der Kölner Mitsingveranstaltung Loss mer singe (Foto: loss mer singe e.V.)

Georg Hinz bei der Arbeit

Mit einem solchen Erfolg hatte Georg Hinz, der Initiator von "Loss mer singe", nicht gerechnet, als er sich Mitte der 90er Jahre mit ein paar Freunden zum gemeinsamen Singen in seiner Küche traf. Zunächst wollte er lediglich ein bisschen "Missionsarbeit" leisten: "Ich fand es schade, dass immer nur die Lieder der alteingesessenen Kölner Bands gesungen wurden. Dabei gab es eine Menge anderer schöner Lieder, die aber niemand kannte. Ich dachte, es wäre schön, wenn auch diese Lieder mal in das Repertoire des normalen Jecken übergehen würden."

Georgs Freunde, darunter viele Nichtkölner, waren seine ersten Versuchskaninchen. "Ich hab ihnen gesagt, wenn ihr hier in Köln feiern wollt, dann müsst ihr die Lieder kennen. Wenn man wirklich in das Fest eintauchen will, dann läuft ganz viel über die Musik, auch emotional, und man kann dieses Kölner Lebensgefühl an Karneval viel besser nachvollziehen."

Viele Nicht-Kölner unter den Gästen

Zurück bei "Oma Kleinmann". Seit zwei Stunden sind die Gäste nun schon drin und haben sich aufgewärmt. Es ist eng, dennoch haben alle beste Laune, das Bier fließt in Strömen. Moderator Helmut macht Stimmung und lauthals grölt die ganze Kneipe einen der Newcomer-Hits.

Die Loss mer singe-Crew auf der Bühne (Foto: loss mer singe e.V.)

Die "Loss mer singe"-Crew

Auch Jens aus Dresden singt kräftig mit. "Ich kannte das noch nicht. Meine Schwester hat mich hier hingeschleppt. Und wenn man sich jetzt so umguckt - der Laden ist voll, die Stimmung ist super, finde ich klasse."

Für die Kneipen ein Segen

"Loss mer singe" finanziert sich durch Sponsoren, die Crew arbeitet ehrenamtlich. Für die Kneipen ist es eine Win-win-Situation. Raimund Stuka trägt seit vielen Jahren eine dieser Veranstaltungen in seiner Kneipe aus. Er ist selbst begeisterter Karnevalsanhänger und liebt es, wenn sein Laden aus den Nähten platzt. "Das ist schon ein ganz schönes Durcheinander, chaotisch und schweißtreibend. Da kann auch der Weg zum Klo oder nach draußen eine Herausforderung sein." Raimund freut sich auch darüber, dass das Publikum immer friedlich und gut gelaunt ist. "Manche sagen sogar, dass etwas fehlen würde, wenn es nicht genau so voll wäre."

Bei Karnevalsveranstaltungen räumen die Wirte ihre Kneipen komplett leer. Tagelang wird vorbereitet, das Personal verstärkt. Für die Schlangen vor der Tür werden Gitter aufgestellt und Türsteher engagiert. "Ein Heidenaufwand ist das", meint Raimund, "aber zum Schluss ist der Umsatz da. Die Leute kommen, trinken viel, flirten - und wir sind dazu da, den Rahmen dafür zu schaffen."

Video ansehen 05:05

Kneipen-Karneval - die Reportage als vertonte Bildergalerie

Musik und Emotion

Das Mitsingen an Karneval ist generationsübergreifend. Die Jungen singen die alten Karnevalsklassiker, die Älteren singen die modernen Lieder mit. Hauptsache "op kölsch". Am lautesten wird gesungen, wenn es um Köln als Heimatstadt geht. Die Musikethnologin Nathalie Weber hat eine Erklärung dafür: "Der Kölner leidet zwar viel mit seiner Stadt, doch er liebt sie auch sehr. Er hat ein große Traditionsbewusstsein, und Musik ist ein gutes Mittel, um das Ganze zu thematisieren. Die Leute sind glücklich, dies über die Lieder gemeinsam zum Ausdruck bringen zu können."

Ähnlich sieht das auch der Kölner Historiker Carl Dietmar, der sich schon in vielen Büchern mit der kölschen Seele beschäftigt hat: "Die Selbstgenügsamkeit der Kölner ist grandios. Es ist unglaublich, mit wie wenig die Kölner zufrieden sind. Der echte Kölsche verlässt die Stadtgrenze kaum und feiert sich lieber bei jeder sich bietenden Gelegenheit, bei Kölsch und kölschen Liedern."

Motivwagen im Kölner Rosenmontagszug (Foto: picture alliance/dpa)

1946 schon feierten die Kölner wieder Karneval - 1949 gab es den ersten Rosenmontagszug

Mit dieser Mentalität ist es den Kölnern auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht schwer gefallen, inmitten der Trümmer 1946 den ersten "kleinen" Karneval wieder zu feiern, mit Gesang natürlich. "Obwohl es den Deutschen nach dem Dritten Reich eher schwer gefallen ist, Volkslieder zu singen, haben die Kölner die Kultur einfach weitergelebt", so Nathalie Weber. "Und so entstanden immer mehr Bands und unzählige Lieder."

Köln-Hymnen sind die beliebtesten Lieder

Darin geht es nicht nur um die "tollste Stadt der Welt". Man erfährt auch eine Menge über die Probleme der Stadt, es gibt kritische Töne, meist aber lustig verpackt, denn an Karneval möchte man keine traurigen Lieder hören.

So wird bei "Loss mer singe" bei der Auswahl der Lieder darauf geachtet, dass sie nicht nur musikalisch abwechslungsreich sind, sondern auch in ihren Texten. "Dieses reine 'Kölle Kölle' - das schwappt ganz schnell in so eine Kölschtümelei um, das wollen wir nicht", meint Georg Hinz. Dennoch - der Erfolg der "Kölle-Lieder" ist jedes Jahr aufs Neue in den Karnevalskneipen zu sehen, wenn die Menschen gemeinsam die neueste Hymne auf ihre Stadt singen.

Gäste halten ihre Stimmzettel hoch (Foto: loss mer singe e.V.)

Jetzt wird über den Sieger des Abends abgestimmt

"Manche haben Tränen in den Augen; es ist ein unglaublich schönes Gefühl mit hunderten von Menschen das gleiche Stück zu singen", weiß Gastronom Raimund Stuka.

Eine Herzenangelegenheit

Georg Hinz erklärt sich dieses Phänomen mit der allgemeinen Sehnsucht nach Gemeinschaft und Zusammengehörigkeitsgefühl. "Dieser Begriff 'Kölle' ist ein Synonym für die Heimat, die jeder in seinem Herzen hat. Jeder Mensch trägt doch in sich die Hoffnung, dass es irgendwo ein friedliches Zusammenleben gibt, und viele erleben, dass das hier in Köln so sein kann."

Und so liegen sich auch die Gäste bei Oma Kleinmann nach einem feuchtfröhlichen Abend in den Armen und singen mit heiseren Stimmen das Siegerlied "Et jitt kein Wood" - in dem es heißt: "Es gibt kein Wort das beschreiben könnte, was ich fühle, wenn ich an Köln denke." Und die Gäste aus Dresden - die singen kräftig mit.

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