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Wirtschaft

Wenn die Eurozone zerbricht

Wenn alle Stricke reißen, die bislang die Eurozone zusammenhalten, dann kommt auf die Finanzinstitute eine große Umstellung zu. Die ersten wappnen sich bereits für den Fall der Fälle.

Skulptur des Euro vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, Deutschland. Foto: AP

Die Prognosen zur Zukunft der Eurozone gehen auseinander

Noch halten sie, die Rettungsseile, die die Eurozone aneinander binden. Nur wie lange noch? Der Druck auf die Krisen-Länder wie Griechenland oder Italien nimmt trotz Sparprogrammen weiter zu. Aber auch die bislang sicheren Eurostaaten stehen nicht mehr auf festen Füßen. So droht nach Zeitungsberichten inzwischen auch Frankreich eine Herabstufung. Und Deutschland konnte bei der jüngsten Herausgabe von Staatsanleihen ein Drittel seiner Schuldentitel nicht verkaufen. Zwar gibt Europa den Kampf noch nicht auf, aber die ersten wappnen sich schon auf Extremszenarien.

Britischer Staat fordert Vorsorge

In der vergangenen Woche hatten in Großbritannien Aufsichtsbehörden gefordert, dass sich britische Banken auf einen ungeordneten Zusammenbruch der Eurozone vorbereiten müssten. Auch wenn die Institute direkt nicht so stark in der Eurozone engagiert seien, sollten sie sich auf das Schlimmste vorbereiten, sagte Andrew Bailey von der Bankenaufsicht FSA. "Gutes Risikomanagement bedeutet die Vorbereitung auf unwahrscheinliche, aber folgenschwere Szenarien, und dies bedeutet, dass wir die Aussicht auf einen ungeordneten Abschied einiger Länder aus der Eurozone nicht ignorieren dürfen", so Bailey. "Ich bringe damit keine Meinung zum Ausdruck, ob dies geschehen wird, aber es muss zu den Notfallplänen gehören."

Britische Finanzminister George Osborne. Foto: AP

Osborne: "Notstandspläne für alle Lagen"

Auch der britische Finanzminister George Osborne warnte zwar vor einem unterkontrollierten Auseinanderbrechen der Eurozone. Aber: "Wir haben Notstandspläne für alle Lagen", so Osborne. Diese Pläne seien in den vergangenen Monaten angepasst worden. "Wir sagen damit kein bestimmtes Ergebnis voraus. Wir bereiten uns nur auf das vor, was die Welt und die Eurozone uns vorlegen", erklärte Osborne. Die Lage in dem Währungsraum sei sehr gefährlich und schwierig.

Pläne für ein Ende der Währungsunion

Auf diese gefährliche Lage hat sich beispielsweise der weltgrößte Devisen- und Staatsanleihen-Händler ICAP vorzubereiten versucht. Er hat seine elektronischen Systeme den Zusammenbruch der Eurozone und die Wiederbelebung nationaler Währung durchspielen lassen. Über die weltgrößte Devisenhandels-Plattform EBS sei durchgerechnet worden, was bei einem Auseinanderbrechen der gegenwärtigen Eurozone und der Wiedereinführung der griechisches Drachme passieren würde, sagte ein ICAP-Sprecher Anfang der Woche. "Wir haben für den möglichen Fall die griechische Drachme im Vergleich zum Euro und dem US-Dollar getestet", sagte der Sprecher. "Unsere Kunden sind besorgt darüber, wie es mit dem Euro ausgehen wird - und wir müssen auf alle Eventualitäten vorbereitet sein." Sowohl die Drachme als auch jede andere Währung könne gehandelt werden, falls es zu einem Austritt aus der Eurozone kommen sollte, betonte das in London ansässige Brokerhaus. Man habe diese Szenarien sechs Monate getestet.

Zweifel am Bestand der jetzigen Eurozone

Der Schriftzug der US-Ratingagenur Moody's aufgenommen in New York, Foto: dpa

Moodys schließt Veränderung der Eurozone nicht aus

Nicht nur in Großbritannien fasst man ein mögliches Ende des Euro-Raumes ins Auge. So hat in dieser Woche die Ratingagentur Moody's vor weiteren Staatspleiten im Euroraum und einem Zerfall der Währungsgemeinschaft gewarnt. Zwar geht die Agentur in ihrem Hauptszenario nach wie vor von einem Fortbestand der Eurozone aus, wie es in einem Sonderbericht zur Schuldenkrise vom Montag heißt. In den letzten Wochen sei die "Gefahr negativer Entwicklungen" aber gestiegen. Neben Griechenland könnten noch andere Euro-Ländern Zahlungsprobleme bekommen, stellte die Agentur fest. Und wenn gleich mehrere Länder in Schwierigkeiten geraten sollten, seien Austritte aus dem Euroraum denkbar. Eine solche Eskalation der Krise würde sich laut Moody's negativ auf die Kreditwürdigkeit aller Länder im Währungsraum und in der Europäischen Union auswirken.

Auch andere Experten zweifeln inzwischen daran, dass die Eurozone in ihrer jetzigen Form weiterbestehen wird. Das ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters. 14 von 20 befragten Fachleuten aus Politik und Wirtschaft gingen davon aus, dass sich die Zusammensetzung der Eurozone verändern werde. Zehn der Fachleute rechnen damit, dass eine neue Kern-Eurozone mit weniger Mitgliedern übrig bleiben könnte. Sieben Experten meinten, dass das hoch verschuldete Griechenland aus der Eurozone ausgeschlossen werden sollte. Nur sechs Befragte erwarten, dass die Eurozone wie gehabt bestehen wird. Dafür sei jedoch eine Einigung der Politiker auf Maßnahmen zur Überwindung der Schuldenkrise nötig.

Zerfall teurer als Rettung

Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso, Foto: AP

Barroso: Halbierung des BIP befürchtet

Die EU-Kommission warnte dagegen vor einem Auseinanderbrechen der Eurozone. Dadurch könnte es zu einer Halbierung des Bruttoinlandsproduktes in der Europäischen Union in der Anfangsphase kommen, sagte Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso. Allein in Deutschland würde die wirtschaftliche Leistung um drei Prozent einbrechen.

Volkswirte gehen ebenfalls von horrenden volkswirtschaftlichen Folgen bei einem Ende der Eurozone aus. Auch sie prognostizieren einen Einbruch des deutschen Bruttoinlandsproduktes um drei Prozent und den Verlust von einer Million Arbeitsplätzen, wenn nur eine Kernwährungsunion mit Deutschland und wenigen anderen Ländern übrig bliebe, warnt der Chefvolkswirt der Allianz, Michael Heise. Denn durch die zu erwartende Aufwertung des "Kern-Euro" dürfte die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie stark belastet werden. Auch Matthias Thiel, Volkswirt bei MM Warburg, ist der Ansicht: "Der Zusammenbruch der Währungsunion würde eine wahre Kostenlawine auslösen, die mit anderen Szenarien kaum vergleichbar wäre."

Logo der schweizer Bank UBS Foto: dpa

Zerfall der Eurozone: Folgen wären dramatisch

Bereits in einer Studie im September haben die Experten der UBS vor den Folgen eines Zerfalls der Eurozone gewarnt: Das Bankensystem und der internationale Handel würden kollabieren und die Unternehmen von einer Pleitewelle überrollt. Die Kosten lägen im ersten Jahr bei bis zu 11.500 Euro pro Einwohner des ausscheidenden Landes. In den Folgejahren sollten sie sich jeweils auf bis zu 4000 Euro summieren. Zum Vergleich: Die Kosten für die Rettung der kriselnden Euro-Staaten Griechenland, Portugal und Irland über einen Schuldenschnitt von 50 Prozent beziffert das Schweizer Bankhaus auf einmalig rund 1000 Euro pro Einwohner der Eurozone.

Ebenso schwer wie die ökonomischen wiegen auch die politischen Konsequenzen, sollte die Währungsunion auseinanderbrechen, meint Stefan Schilbe, Chefvolkswirt bei HBSC Trinkaus. "Wir haben die USA und China als Wirtschafts- und Militärmacht, und ohne eine gemeinsame Währung wird Europa kaum noch Möglichkeiten haben, seine Interessen umzusetzen."

Autor: Insa Wrede (rtr, afp)
Redaktion: Henrik Böhme

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