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Kultur

Wenn der Verstand älter ist als das Kind: Hochbegabung als Fluch

Hochbegabte Kinder zeichnen durch weit überdurchschnittliche Fähigkeiten und Interessen aus, durch die sie Gleichaltrigen oft beträchtlich voraus sind. Das ist für Eltern und Kinder oft eher Fluch als Segen.

Ein Lehrer im niederbayerischen Metten mit hochbegabten Schülern, Quelle: dpa

Ein Lehrer im niederbayerischen Metten mit hochbegabten Schülern

Wie die meisten hochbegabten Kinder konnte die kleine Ilka schon vor der Einschulung lesen, schreiben und rechnen. Viele Eltern stehen dann vor der schweren Entscheidung, entweder sich und ihre Kinder in Geduld zu üben oder aber eine Früheinschulung zu riskieren. Auch Ilkas Eltern haben sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht, sie schon dieses Jahr einzuschulen. "Mit fünfeinhalb ist sie eine der Kleinsten, der Jüngsten - auch wenn der Geist vielleicht schon sieben oder acht ist", sagt ihre Mutter Katrin Mattes. "Die andere Entscheidung ist, sie im Kindergarten zu lassen. Und dort ist sie wieder ein Jahr völlig unterfordert."

Große Erwartungen

Vermutlich werden Ilkas Eltern noch einige Male solch schwere Entscheidungen treffen müssen. Da hochbegabte Kinder mit sehr großen Erwartungen zur Schule kommen, passiert es häufig, dass sie bald mit Enttäuschungen konfrontiert werden. Kann ein Kind schon vor Schulbeginn fließend lesen und hat es sich bereits mit dem Reich der Zahlen vertraut gemacht, so fühlt es sich unterfordert und erlebt den Unterricht als langweilig. Daher entscheiden sich manche Eltern dafür, ihr Kind eine oder gar mehrere Klassen überspringen zu lassen.

Zwei kleine Mädchen arbeiten an einem Computer, Quelle: dpa

Zwei kleine Mädchen arbeiten an einem Computer

Eine andere Lösung besteht darin, hochbegabte Kinder in speziellen Förderklassen zu unterrichten. Detlef H. Rost, Lehrstuhlinhalber für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Universität Marburg und einer der Gründer der "Begabungsdiagnostischen Beratungsstelle BRAIN", kann spezielle Förderklassen nicht empfehlen, da die Schule, insbesondere während der ersten Jahre, hat eine Sozialisationsfunktion habe. "Hochbegabte Kinder müssen lernen, mit durchschnittlich begabten Kindern gut umzugehen, und die durchschnittlich begabten Kinder müssen lernen, mit Hochbegabten gut umzugehen." Die Kinder müssten zudem lernen, dass Intelligenz nicht alleine den Wert eines Menschen ausmache.

Keine Spielkameraden

Auch beim Spielen zeigen hochbegabte Kinder außergewöhnliche Präferenzen. Emma ist vier Jahre alt. Schon als sie eineinhalb Jahre alt war, interessierte sie sich für Brettspiele. Als Dreijährige fing sie an, Monopoly zu spielen: Ein Spiel, das laut Hersteller für Kinder ab acht Jahren konzipiert ist. "Das Problem bei der ganzen Sache ist, dass sie sich eigentlich immer einen Erwachsenen sucht, mit dem sie die Spiele spielt", erzählt ihre Mutter. Für Gleichaltrige seien die Spiele meist noch nichts und Ältere hätten keine Lust mit einem so kleinen Kind zu spielen.

Kinder beim Fußball, Quelle: AP

Kinder beim Fußball

Es gibt verschiedene Formen der Hochbegabung, wie die sprachliche, sportliche oder künstlerische. Überdurchschnittliche Fähigkeiten, die auf dem Denkvermögen beruhen, werden als kognitive Begabung bezeichnet. Als hochbegabt wird ein Kind bezeichnet, wenn sein IQ-Test einen Wert von 130 oder mehr ergibt. Statistisch gesehen gelten lediglich zwei Prozent der Kinder eines Jahrgangs als hochbegabt. Die Eltern kognitiv hochbegabter Kinder machen oft die Erfahrung, dass die Begabung ihres Kindes nicht zur Kenntnis genommen wird. Dies, so weiß Katrin Mattes aus eigener Erfahrung, ist insbesondere in der vorschulischen Phase der Fall. "Sportliche Hochbegabung ist auch anerkannt", sagt sie. "Aber nicht die kognitive."

Vorbehalte und Vorurteile

Nicht nur hochbegabte Kinder, auch deren Eltern stoßen im Privatbereich und Freundeskreis auf Unverständnis, zuweilen auch auf einen latenten Neid. Selbst alte Freundschaften können empfindlich darunter leiden, neue hingegen, sagt Bettina, entstehen nur sehr schwer. "Wenn ich dann sage, wie alt sie ist, wird sofort der Vergleich zu dem eigenen Kind gezogen und ist die Unterhaltung meistens ganz schnell beendet."

Eltern hochbegabter Kinder sind nicht selten mit massiven Vorurteilen konfrontiert: Kognitive Hochbegabung, so der Vorwurf, beruht nicht auf der Motivation der Kinder, sondern auf den Ambitionen der Eltern. Katrin Mattes kennt solche Vorurteile nur allzu gut. "Ich fördere meine Kinder, weil sie's fordern, weil sie sonst einfach unausgeglichen sind, wenig schlafen, schlecht schlafen, unglücklich werden und zappelig", sagt sie. "Dann fängt es an, dass sie überall fummeln, weil der Kopf nicht ausgelastet ist. Dann hat man ständig fummelnde Kinder an sich."

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