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Kultur

Wenn der heilige Wald zerstört wird

Tiere, Raupen und Wurzeln im kongolesischen Urwald sind ihre Lebensgrundlage, Berge und Bäume ihre spirituellen Zentren. Das interessiert die Holzindustrie aber nicht, die systematisch die Heimat der Pygmäen zerstört.

Pygmäen-Mädchen an der ugandischen Grenze, Foto: dpa

Vom Aussterben bedroht: Pymäen-Völker im Kongo

Adrien Sinfasi Makelo ist verzweifelt. Er ist Bambuti und er muss tatenlos zusehen, wie Holzproduzenten seine Heimat dem Erboden gleich machen. Der kongolesische Regenwald ist nach dem Amazonas der zweitgrößte der Welt. Eine grüne Lunge, gut 60 Millionen Hektar unberührter Urwälder, in der - wie in Brasilien - auch ein indigenes Volk lebt: die Pygmäen.

Regenwaldlandschaft im Osten des Kongos, Foto: dpa

Die grüne Lunge des Kongo

Genau genommen gibt es "die Pygmäen" gar nicht. Die Bezeichnung leitet sich vom altgriechischen Wort "Pygmaios“ ab und heißt soviel wie "eine Faust groß“. Tatsächlich sind die Menschen jener Vielzahl von Völkern, die oft als Pygmäen bezeichnet werden, lediglich etwas kleiner als der Durchschnittsmensch. Nur eines haben jene knapp 150.000 Menschen gemeinsam: Ihr Lebensraum ist der Wald - und der ist bedroht.

Jäger und Sammler

Adrien Sinfasi Makelo ist einer von ihnen, er zählt zum Volk der Bambuti: Jäger und Sammler, die sich von Wald ernähren: Honig, Pilze, Waldfrüchte, Raupen oder essbare Wurzeln - eben alles, was in ihm wächst. Doch der Raubbau entzieht ihnen zunehmend ihre Existenz. Mit Axt und Kettensäge frisst sich die Holzindustrie immer tiefer in den Regenwald: "Sie fällen Bäume, die schon hunderte Jahre alt sind. Da sie nur aber nur drei oder vier Arten suchen, die für sie verwertbar sind und die über den ganzen Wald verteilt sind, bauen sie Straßen und dringen mit den Maschinen und Traktoren tief in das Gebiet ein", berichtet Adrien.

Stammesführer Geoffrey Nzito des Dorfes Mpolya, Foto: dpa

Existenz entzogen: Pygmäen-Völker

Vielen Bambuti und anderen Pygmäen-Völkern haben die Holzproduzenten große Waldgebiete abgekauft, für ein paar Säcke Lebensmittel und das Versprechen, Schulen und Krankenhäuser zu bauen. Versprechen, die nicht eingehalten werden. Doch zurück auf ihr Land können diese Menschen auch nicht mehr, wenn sie versuchen, in den Wald "einzudringen“, wie es nun heißt, bestraft der kongolesische Staat sie. Und für die, die ihr Territorium noch nicht verkauf haben, wird es mit zunehmendem Druck der Holzindustrie immer schwerer, im Wald zu bleiben, denn im Gefolge der Holzfäller kommen auch andere Eindringlinge.

Keine Nahrungsgrundlage mehr

"Wenn die Tiere den Maschinenlärm hören, fliehen sie und dann kommen die Wilddiebe, die moderne Schusswaffen benutzen, um Tiere zu töten", erklärt Adrien. "Wir benutzen nur Speere oder Pfeil und Bogen. Wir töten nur ein paar Tiere, um zu essen. Die Wilddiebe töten mit ihren Schusswaffen jedoch kleine Herden von Elefanten, von Büffeln, von Gorillas, von Bonobos und Schimpansen, um ihr Fleisch in der Stadt zu verkaufen."

Auch das entzieht seinem Volk die Grundlagen seiner Existenz: Hohe Sterblichkeitsraten, Unterernährung, Mangelerscheinungen und bislang unbekannte Krankheiten sind die Folge, denn nun können sich die Pygmäen nicht mehr so ernähren, wie sie es gewohnt sind.

Heiliger Wald

Brandrodung, Foto: dpa

Heilige Stätten werden weg gebrannt

Die Zerstörung ihres Lebensraumes ist für die Pygmäen-Völker jedoch nicht nur eine ökologische Katastrophe, sondern auch eine kulturelle: Die Mehrheit der Pygmäen sind Animisten, die im Gegensatz zum Christentum etwa alles verehren, was belebt ist. Auch Orte gebe es, die heilig sind, erklärt Adrien, etwa bestimmte Wasserfälle, Täler oder Berge, wo die Bambuti traditionelle Riten durchführten: "Wenn man zum Beispiel die Beschneidung eines Mannes unter dem falschen Baum durchführt, bringt das Unglück! Es gibt sogar heilige Tiere, die man nicht essen darf, weil sie das Totem eines Clans sind. So etwas wird seit Generationen respektiert!"

Den Holzproduzenten ist das egal, sie sehen nur die Edelhölzer und den Profit. "Ob das Bäume sind, die man nicht fällen darf, weil sie etwas Bestimmtes repräsentieren, wissen die nicht", klagt Adrien, der zusehen muss, wie seine spirituelle Heimat langsam zerstört wird. Zwar sei seine eigene Familie noch nicht, wie so viele andere, aus dem Wald vertrieben worden, aber - da ist er sich sicher - das sei nur eine Frage der Zeit. In zwei Jahren, schätzt Adrien wird auch seine Familie keine Existenzgrundlage mehr haben.

Die Pygmäen sind das Volk des Walds. Ohne Wald gibt es keine Pygmäen, denn ihre Identität, ihre Kultur, ihre Lebensweise, ihr Überleben, all das ist mit dem Wald verbunden. Wenn der Wald verschwindet, verschwindet auch die Kultur der Pygmäen.

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