1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Wenn der Chef zum Glühwein bittet

Weihnachtsfeiern mit Kollegen sind immer etwas Besonderes. Denn zum geselligen Miteinander kann auch noch jede Menge zwischenmenschlicher Zündstoff kommen.

Eine Frau mit Weihnachtsmütze mit ihren männlichen Bürokollegen (Bild: Fotolia)

Die Weihnachtszeit ist eine besinnliche Zeit, überall strahlen uns festliche Lichter entgegen, alles ist geschmückt und der Duft nach Zimt und Orangen umweht unsere Nasen. Wir haben viel zu tun in dieser Zeit: Geschenke kaufen, auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein trinken, mit unseren Kindern im Kindergarten oder in der Schule Weihnachten feiern, Plätzchen backen. Nebenbei müssen wir auch noch arbeiten.

Auch hier können wir uns der weihnachtlichen Stimmung schwer entziehen. Denn jedes Jahr gibt es auch in unseren Betrieben Weihnachtsfeiern. Vieles ist über solche Feste schon erzählt worden, viel Unsinn, aber auch viel Wahres. Denn eine Weihnachtsfeier in der Firma ist nicht so wie andere Feiern. Der Soziologe Horst Bosetzky sagt, dass Weihnachtsfeiern nicht nur zu den wichtigsten Ritualen im christlichen Abendland gehören, sondern gerade in der Firma eine gute Plattform seien, um sich in Szene zu setzen - wenn man es geschickt anstellt. "Im Betrieb haben Weihnachtsfeiern innerhalb der Organisationsstrukturen ganz bestimmte Funktionen. Man versucht, informell Kontakte zu schaffen, sich Netzwerke aufzubauen."

Und dann nennt Bosetzky "Schmoozing" - das kommt aus dem Jiddisch-Amerikanischen und hat nichts mit Schmusen zu tun, sondern bedeutet eine Mischung aus Plaudern und Zuhören, bei dem sich Dienstliches mit Privatem vermischt.

Vom Sachbearbeiter zum Entertainer

Abendessen, Fest, Festessen, Kerzenlicht, Feier, Wein, Romantik. #31008281 Copyright: sonne fleckl - Fotolia.com

Was eine Weihnachtsfeier noch von anderen Betriebsfesten oder -ausflügen unterscheidet, ist eindeutig der zeitliche Kontext. Man ist in Weihnachtsstimmung, alles ist mit Kerzen beleuchtet, also ein wenig schummrig, der Glühwein macht schnell lustig und man ist sich näher als sonst im Arbeitsalltag. Da kommt eine Intimität auf, die sonst nicht da ist. An dieser Stelle wird es für den Soziologen Horst Bosetzky interessant: "Da staut sich im Jahr nun mal einiges auf, an Verlangen und an Abweisung, zum Beispiel wenn man verheiratet ist und doch ein Auge auf die Kollegin oder den Kollegen geworfen hat." Das sei dann fast mit dem Karneval zu vergleichen, wo alles mal ein bisschen über die Stränge schlägt. "Hinzu kommt - siehe Sigmund Freud - die Lust an der Verletzung des Tabus. Endlich mal die Benimmregeln verletzen, endlich mal aus der Rolle fallen, die man sonst im Büroalltag spielt." Dann sei man kein einfacher Sachbearbeiter mehr, sondern schlüpfe in eine ganz andere Rolle, zum Beispiel in die des Entertainers, der beim Karaoke wunderbar singen kann. Dies werfe dann ein ganz anderes Licht auf den Kollegen.

"Brandbeschleuniger" Alkohol

Zwei Menschen prosten sich mit Glühwein zu (Foto: dpa)

Weihnachtsmärkte sind auch beliebte Orte für Firmenfeiern

Das birgt aber auch Gefahren: Wenn getrunken wird, fallen Schranken. Auf einer privaten Feier macht das nichts weiter. In der Firma aber sollte man das "aus der Rolle fallen" gut dosieren, sonst kann es schwere Nachwirkungen haben. Dazu muss die Sekretärin nicht erst mit ihrem Chef in der Besenkammer verschwinden. Es reicht auch schon ein falscher Satz, der einem im Glühweinrausch schnell entweichen kann. In den besten Fällen entschuldigt man sich am nächsten Tag und alles ist vergessen, vielleicht gibt es ein joviales Lächeln vom Chef, ein kumpelhaftes Augenzwinkern vom Bürokollegen oder ein dezentes Päckchen Aspirin auf der Tastatur. Es kann aber auch schlimme Konsequenzen bis hin zur Kündigung haben, wenn man sich auf einer Betriebsfeier daneben benimmt. Um solche Fälle zu vermeiden, erscheinen jedes Jahr aufs Neue unzählige Artikel über Benimmregeln auf Weihnachtsfesten. Carolin Lüdemann ist Mitglied im deutschen Kniggerat. Sie trainiert Umgangsformen und ist Business-Coach. Für sie ist klar - und das bläut sie den Teilnehmern ihrer Seminare auch ein: Alkohol nur in Maßen.

Hey Chef, wir geht's dir heute so?

Frau sitzt erschöpft am Schreibtisch (Bild: Fotolia)

Der Tag nach der Feier kann unschön sein

Man ist auf jeden Fall im Vorteil, wenn man eine Weihnachtsfeier mit klarem Kopf durchsteht. Wenn der Chef in Weinlaune auf den Mitarbeiter zukommt und ihm das Du anbietet, dann sollte man unbedingt am nächsten Tag noch einmal überprüfen, wie ernst es ihm war. Die wichtigste Regel für Weihnachtsfeiern lautet jedoch: Auf jeden Fall hingehen. "Auch wenn die Feier nicht in der Arbeitszeit liegt, ist es enorm wichtig, sich dort zu zeigen", sagt Carolin Lüdemann. Das zeuge von Engagement und signalisiere Interesse an der Firma und den Kollegen über die Arbeitszeit hinaus. Besonders für Führungskräfte gelte, so Carolin Lüdemann, wer nicht zur Weihnachtsfeier erscheine oder unpünktlich komme, zeige seinen Mitarbeitern keine Wertschätzung. Allgemein rät Lüdemann jedem, der an einer Weihnachtsfeier teilnimmt, die Gelegenheit zu ergreifen und mit weniger gut bekannten Kollegen ins Gespräch zu kommen.

Material für Krimis

Symbolbild Blutiges Messer zu den Stichworten Krimi, Mord, Blut, Messer Bild: Fotolia/GrafiStart # 14515556

Weihnachten - die Zeit für Krimis

Weihnachten ist eine hoch emotionale Zeit. Das gilt für gute und für schlechte Gefühle. Und das merkt man nicht nur beim Feiern mit den Kollegen. Auch in Familien gibt es immer wieder Situationen, in denen Stress und Befindlichkeiten aufeinander treffen. Das fordert Horst Bosetzky nicht nur als Soziologen, sondern auch in seiner Leidenschaft als Krimiautor: "Ich habe schon öfter Weihnachten morden lassen. Da fliegt schonmal ein Weihnachtsengel aus dem Fenster - das bietet sich einfach an. Und in Betrieben hat so gut wie jeder eine Leiche im Keller", mutmaßt Bosetzky im übertragenen Sinne. Laut Bosetzky könne man die Familie sogar mit einem Betrieb vergleichen: überall könne es brodeln und an Weihnachten "eruptiv ausbrechen".

Lustig wird es übrigens im Ausland, wenn man über die dortigen Bräuche nicht genau Bescheid weiß. So erzählt Carolin Lüdemann von einem Deutschen, der auf einem Betriebsweihnachtsfest in London urplötzlich von einer fremden Frau geküsst wurde. Er hatte nicht bemerkt, dass er unter einem Mistelzweig stand.

Autorin: Silke Wünsch
Redaktion: Laura Döing