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Bücher

Wenn der Adamsapfel zum Problem wird

Literatur zu übersetzen ist schwierig. Umso hilfreicher ist es, wenn der Autor des Werkes persönlich vor einem sitzt, um Fragen zu beantworten. Und der lernt meist selbst noch eine Menge dazu. So wie Ingo Schulze.

Buchcover von Ingo Schulze, auf ungarisch, englisch oder niederländisch.

Ungarisch, englisch oder niederländisch: Schulzes Romane werden in 19 Sprachen übersetzt

Es ist 11 Uhr morgens. Deutschlands Erfolgsautor Ingo Schulze sitzt an einem großen Tisch mit 18 Übersetzern aus aller Welt. Die Laptops summen, in einer Ecke blubbert leise die Kaffeemaschine. Jeder Teilnehmer hat eine deutsche Ausgabe von Schulzes Romans "Adam und Evelyn" vor sich liegen. Die Übersetzer haben erste Entwürfe in ihren Sprachen mitgebracht – und vor allem jede Menge Fragen.

Ingo Schulze, umrahmt von seinem italienischen Übersetzer Stefano Zangrando und seinem brasilianischen Übersetzer Sergio Tellaroli während des 3. Straelener Atriumsgesprächs im Europäischen Übersetzerkollegium.

Bei manchen Fragen gerät der Autor selbst (Mitte) ins Stocken.

"Was mache ich aus der Redewendung 'sitzt, wackelt und hat Luft'?", will Ard Posthuma wissen. Der niederländische Übersetzer blickt unsicher zu Ingo Schulze, der erst einmal erklärt, was genau damit gemeint ist. Lidia Nádori aus Ungarn ist beim Lesen über den Ausdruck "junger Hüpfer" gestolpert. Und der US-Amerikaner John E. Woods hat ein Wort gefunden, dass fast allen Übersetzern Schwierigkeiten bereitet: Adamsapfel. Dabei ist genau dieses Wort essenziell für die Geschichte. Schließlich verdankt der Titelheld seinem ausgeprägten Adamsapfel seinen Spitznamen. Diese Herleitung funktioniert auf Isländisch oder Koreanisch aber nicht.

Das spezielle Vokabular der DDR

Insgesamt fünf Tage haben die Übersetzer, um Ingo Schulze mit Fragen zu löchern, verwirrende Textstellen zu klären und Übersetzungsvorschläge zu diskutieren. Für den Autor ist es das erste Mal, dass er so arbeitet, aber er habe es sich schon immer gewünscht, erzählt er und strahlt. "Es ist schon ein Festtag hier zu sitzen mit allen Übersetzern, wie eine Geburtstagsüberraschung."

Ingo Schulze (links) im Gespräch mit seinem dänischen Übersetzer Jacob Jonia

Persönliche Gespräche statt Emails: ein Gewinn für Autor und Übersetzer

Seite für Seite gehen Ingo Schulze und die Übersetzer gemeinsam durch. Das bedeutet viel Arbeit bei 314 Buchseiten und 18 verschiedenen Sprachen. Die besondere Herausforderung von "Adam und Evelyn" liegt darin, dass der Roman in der ehemaligen DDR spielt. Aber wie übersetzt man Worte wie Plaste, Broiler und Volksarmee, ohne die Stimmung des Ostens einzubüßen? Ingo Schulze hat dafür auch keine perfekte Lösung anzubieten. "Da musst du was anderes finden, aber es geht wahrscheinlich viel verloren", antwortet er zögernd.

Normalerweise diskutiert Ingo Schulze über solche Probleme per Email mit seinen Übersetzern. Umso mehr genießen sie es, den Schriftsteller hier, in entspannter Atmosphäre, persönlich zu treffen. Mojca Kranjc aus Slowenien hat letzten Sommer Schulzes Roman "Handy" übersetzt und es damals nicht gewagt, sich mit Fragen an ihn zu wenden. Schließlich sei der Autor entweder am Schreiben oder am Vermarkten seiner Bücher. "Nur im totalen Notfall würde ich ihn mit meinen Fragen belästigen. Ihn hier zu haben, das ist ein Luxus."

Lebhafter Austausch unter Kollegen

Jukka-Pekka Pajunen aus Finnland diskutiert mit seiner Kollegin Mojca Kranjc aus Slowenien über die Übersetzung von Ingo Schulzes Roman Adam und Evelyn

"Wie hast Du das denn verstanden?" - Diskussionen unter Kollegen

Diesen "Luxus" ermöglicht das Europäische Übersetzerkollegium, das weltweit größte Arbeitszentrum für Literaturübersetzer. Gemeinsam mit der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen organisiert das Kollegium zum dritten Mal das so genannte Straelener Atriumsgespräch. Übersetzer treffen dabei auf einen Autor und gleichzeitig auf Kollegen aus aller Welt. Das findet Jukka-Pekka Pajunen aus Finnland sehr hilfreich. Schließlich säßen sie alle hier, und wenn einer der Übersetzer eine Frage stelle, bekämen alle eine Antwort, meint er. "Es gibt ja immer diese Fälle, wo man reinfällt. Man bemerkt überhaupt nicht, dass es ein Problem gibt." Manchmal verstehe man auch als Übersetzer Dinge völlig falsch. Durch die ausführlichen Diskussionen würden solche Fehler vermieden. "So werden die Übersetzungen qualitativ besser", meint Jukka-Pekka Pajunen.

Aber auch Ingo Schulze profitiert von der mikroskopischen Kleinarbeit. Schließlich habe er schon oft durch die Übersetzer inhaltliche Fehler in seinen Romanen entdeckt. "Ein Übersetzer muss jedes Wort in die Hand nehmen, ist also noch aufmerksamer als ein Lektor." Im Prinzip müsse jedes Buch, bevor es in irgendeiner Sprache erscheine, von einem Übersetzer übersetzt werden, weil so die Fehler wirklich herausgefunden würden, ergänzt er lachend.

Autorin: Nina Funke-Kaiser

Redaktion: Petra Lambeck

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