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Musik

Wenn das Wohnzimmer zur Opernbühne wird

Viele, die an Oper denken, glauben, das müsse viel Geld kosten, man müsse still sitzen und es sei nur für einen erlauchten Kreis. Weit gefehlt. Bei der "Home Opera" wird das heimische Wohnzimmer zur Opernbühne.

Beamte, Studenten und Handwerker - sie alle sind in eine großbürgerliche Wohnung nach Berlin-Dahlem gekommen, ein grüner, aber auch nobler Stadtteil im früheren West-Berlin, in dem Professoren und Studenten zuhause sind. Dicht gedrängt sitzen sie auf wackligen Klappstühlen. Das Parkett knarzt, wenn die Opern-Sänger zwischen den Reihen, direkt vor den Zuhörern auf und ab gehen. Die Künstler dürfen keine Berührungsängste kennen, denn eine Distanz wie im klassischen Opernhaus gibt es hier nicht - kein Orchestergraben und keine erhabene Bühne. Stattdessen hören die Gäste sofort jeden schiefen Ton, die Sänger sehen sofort jedes gelangweilte Gähnen der Zuhörer.

Wohnung als Konzerthaus

"Home Opera" nennt sich das Konzept, also Oper zuhause und zum Anfassen. Die ambitionierte Idee stammt von der dänischen Mezzosopranistin Hetna Regitze Bruun, die Opern zu den Menschen direkt in deren Wohnungen bringen will. Aufgeführt wird ein Mix von romantischen Arien und Liebes-Duetten.

Das Wohnzimmer als Opernbühne. Home Opera - Jeder kann Gastgeber sein, man sollte nur ein Klavier besitzen. Foto: Christoph Richter, Berlin, 25.01.2013

Das Wohnzimmer als Opernbühne

„Es ist ein Hochgenuss, es ist eine Freude", schwärmt Französisch- und Geografielehrerin Friederike Prinz-Dannenberg, die ihre 180 Quadratmeter-Jugendstil-Wohnung zur Verfügung gestellt hat und ihren Gästen fast alles erlaubt. Sie dürfen in ihrer Bibliothek stöbern, ihr eigenes Bad benutzen, die Küche ist Bar und Bistro zugleich, und es gibt Wein, Brezel und Bier. Das Treppenhaus ist die Garderobe, das Schlafzimmer der Backstage-Bereich, wo sich die Sänger umziehen und vorbereiten. Nur die Schuhe, die solle man doch lieber ausziehen, bittet Dannenberg. Es könne ansonsten das Parkett unter dem Ansturm der rund 70 Gäste leiden. Natürlich, ergänzt sie, habe sie jeden einzelnen Nachbarn informiert, dass es etwas lauter werde. Obwohl sie das Wort "laut" ungern mit Musik in Zusammenhang bringt.

Nachwuchs für die großen Opernhäuser

Mit witzigen, aber teils auch albernen Dialogen und Slapstick-Einlagen wird jede Arie, jedes Duett angekündigt. Neben Humperdinck, Donizetti oder Richard Strauss werden auch völlig unbekannte dänische Komponisten zur Aufführung gebracht. Die Home Opera-Macher wollen die Zuhörer begeistern, ihnen etwas mit auf den Weg geben und zeigen, wie trendy und cool Oper sein kann. Es ist Nachwuchsarbeit im besten Sinne und sie werben ein neues Publikum für die altehrwürdigen Häuser wie die Mailänder Scala oder die Berliner Staatsoper, denen die jungen Besucher schlicht fehlen.

Das Ensemble der Home Opera besteht aus wechselnden Profi-Sängern. Mezzosopranistin und Organisatorin Bruun und die perfekt Deutsch sprechende Sopranistin Dénise Beck, kommen aus Kopenhagen. Der Pianist Clemens Hund-Göschel stammt aus dem Brandenburgischen und hat an der Musikhochschule Hanns Eisler studiert. Sie alle verdienen ihr Geld mit professionellen Engagements.

Das Wohnzimmer als Opernbühne. Home Opera - Das Wohnzimmer als Konzertsaal. Schräges Experiment:Arien im Wohnzimmer. Foto: Christoph Richter, Berlin, 25.01.2013

Die "gute Stube" wird zum Konzertsaal

Mit dem etwas subkulturellen Programm der Home Opera suchen die Nachwuchssänger den musikalischen Spaß, die Herausforderung. Und wenn es mal klirrt oder eine Bierflasche umfällt, dann räuspert sich keiner und niemand schüttelt irritiert den Kopf. Stattdessen wird gelacht – eben völlig anders als im großen Opernhaus. Und es kostet gerade mal eine kleine Spende von 25 Euro.

Hinter der Home Opera steht kein kämpferischer Impetus, auch will sich die gebürtige Kopenhagenerin Bruun für keine politische Sache einsetzen. Stattdessen geht es ihr um Bildungsarbeit, um eine Art musikalische Werbeoffensive, in der sie das große Gefühlskino einer Oper gerade denen nahebringen will, die noch nie oder eher selten ein Opernhaus von innen gesehen haben. Dementsprechend bunt ist auch das Publikum. Das Alter liegt zwischen 20 und 70.

"Das ist schlicht interessanter als eine aseptische Atmosphäre", sagt Wahlberlinerin Hetna Regitze Bruun, eine großgewachsene schlanke, blonde Opernsängerin, die in Kopenhagen und Berlin Musik studiert hat. Bruun hat ein Faible für private Atmosphären, sie möchte den direkten Austausch, sucht die Kommunikation. "Das geht bestens in einer Privatwohnung", unterstreicht sie und betont, dass es völlig egal sei, ob man in einer Studenten-WG, einer Monteurswohnung oder dem mondänen Haus einer Oberstudienrätin zu Gast sei. Es gibt kaum Auflagen, jeder kann seine Wohnung für einen Home Opera-Abend zur Verfügung stellen. Wichtig sei nur ein Klavier. Heute nennt man so etwas im besten Feuilletondeutsch "künstlerische Intervention".

Charmeoffensive von Opernliebhaber

Das Wohnzimmer als Opernbühne. Home Opera - Oper zuhause und hautnah. Schräges Experiment:Arien im Wohnzimmer. Foto: Christoph Richter, Berlin, 25.01.2013

Oper zuhause und hautnah

Die Kunst der dänischen Opernsänger, die zwischen 25 und 35 Jahre alt und im Umgang mit Handy und Facebook geübt sind, wirken in den Berliner Wohnungen fast wie eine Fata Morgana, denn die Macher sind keine dicken Diven, keine profilneurotischen Carusos - ganz im Gegenteil. In Zeiten der Event-Gesellschaft, ist das Projekt Home Opera nicht nostalgische Verklärung einer vergangenen Zeit, sondern die sehnsüchtige und liebevolle Charmeoffensive von Opernliebhaber. Menschen, die mit der "feinen Gesellschaft" nichts anfangen können, die oftmals nur aus Statusgründen völlig leidenschaftslos in die Opernhäuser strömt.

Home Opera ist eine Gruppen-Expedition der Neu-Berliner "Art-Crowd", junge Kunstliebhaber, die in die Welt hinausgehen, um einen turbulenten Musikmix von Oper und Operette zu präsentieren. Letztlich erlaubt es einen Einblick in die private Welt der Musikliebhaber, und berichtet von der Macht und Schönheit der Musik.