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Bildung

Wenn das Lesen zum Problem wird

Lesen ist wichtig - da ist man sich in Deutschland einig. Darum muss es natürlich gefördert werden, gerade bei Kindern und Jugendlichen. Initiativen gibt es zuhauf, trotzdem fällt vielen das Lesen schwer.

Matteo (Name von der Redaktion geändert) ist 15 und mit dem Lesen klappt es inzwischen ganz gut. Aber das ist noch gar nicht so lange so. "Das Lesen wird leichter durch das Üben", sagt er und erzählt von seinem Lesementor, der jeden Mittwoch zu ihm in die Schule kommt. "Er bleibt eine Stunde und bringt immer Bücher mit. Manchmal lesen wir die Zeitung. Ich muss dann vorlesen, aber er hilft manchmal." Und eigentlich mache es sogar Spaß, fügt er noch hinzu. Außerdem müsse man überall lesen können, zum Beispiel Schilder oder Briefe. Matteo ist ein Beispiel von geglückter Leseförderung, von denen es viel mehr geben sollte. Doch es mangelt - wie so häufig - an Geld und Personal. 

Lesen als Grundkompetenz

Einer Studie der Universität Hamburg zufolge aus dem Jahr 2011 (leo. - Level One Studie) gibt es in Deutschland  unter den deutsch sprechenden Erwachsenen 7,5 Millionen sogenannte "funktionale Analphabeten". Das sind Menschen, die zwar einzelne Wörter und Sätze lesen oder schreiben können, zusammenhängende Texte aber nur unzureichend verstehen und daher nicht in der Lage sind, "am gesellschaftlichen Leben in angemessener Form teilzuhaben", wie es in der Studie heißt. Unter anderem, weil heutzutage fast alle Beschäftigungen in irgendeiner Form Lesen beinhalten, und sei es nur das Lesen schriftlicher Arbeitsanweisungen. 

Übungsblatt aus einem Alphabetisierungskurs (Foto: Fotolia)

Es gibt verschiedene Leselerntechniken - eine Möglichkeit: anhand von Silben

An der Finkenberg-Schule in Köln, einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen, versucht man dem entgegenzuwirken - unter anderem mit dem Lesementoren-Programm, an dem Matteo teilnimmt. Er ist im Moment allerdings der einzige Schüler, der in den Genuss dieser speziellen Eins-zu-eins-Betreuung kommt. Sein Mentor ist ein ehrenamtlich arbeitender Rentner, der angeboten hat, auch noch einen zweiten Schützling zu übernehmen. Aber es gebe noch viel mehr Schüler, die auf zusätzliche Hilfe außerhalb des normalen Unterrichts angewiesen sind, berichtet Tina Meier, eine der Lehrerinnen der Schule. Vieles werde von den Lehrkräften selbst aufgefangen, sagt sie, doch um den Schülern wirklich gerecht werden zu können, bräuchte man einfach noch mehr Zeit und die gebe es schlichtweg nicht. Und auf das Elternhaus könne man in vielen Fällen auch nicht zurückgreifen, da es dort oft andere Probleme gebe.

"Gerade für die älteren Schüler ist es schwer", so Tina Meier, "sie brauchen schon eine sehr kleine Gruppe, um sich zu trauen, etwas vorzulesen. Gerade die, die sehr schlecht lesen können. Und das kann ich auch gut nachvollziehen." Alles in allem müssten die Familien anders miteinbezogen werden, meint sie, und vor allen Dingen auch früher, damit es gar nicht erst dazu kommt, dass Schüler in der achten Klasse noch solche Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben. "Die kennen es nicht, täglich zu üben. Es gibt da keinen, der sagt: So, jetzt setz' Dich hin und mach das." Die Schule könne da nur bis zu einem bestimmten Grad eingreifen, letzten Endes werde zu wenig in der Familienberatung getan, gerade in Fällen, in denen die Familien eben nicht selbst zu solchen Beratungsstellen gehen. Doch statt die Arbeit an dieser Stelle weiter auszubauen, werde immer weiter finanziell gekürzt.

Deutschunterricht in der Finkenberg-Schule (Foto: DW/Petra Lambeck)

Deutschunterricht in der Finkenberg-Schule: Mit Hilfe von Zeitungen übt Tina Meier mit den Schülern lesen

Lesen ist überwiegend weiblich

Laut der "Stiftung Lesen", die im Bereich Leseförderung Forschungsprojekte und Förderprogramme betreibt, tun sich vor allem Jungen schwer mit dem Lesen. "Sie lesen häufig weniger gern und weniger intensiv", sagt Simone Ehmig, die das Institut  für Lese- und Medienforschung der Stiftung leitet, im Gespräch mit der Deutschen Welle. Einen Grund sieht sie in der Lesesozialisation in Deutschland. "Die Jungen wachsen in eine Welt hinein, in der sie ganz wenige Lesevorbilder haben, die männlich sind." In Familien, in denen gelesen wird, seien es meist die Mütter, die den Kindern etwas vorlesen. Das Gleiche gelte für die Kitas und Grundschulen, und auch die Ehrenamtlichen, die sich als Lesepaten engagieren, seien großenteils weiblich.

Jugendliche liest Text auf einem E-Reader (Foto: Getty Images)

Cooler als ein Buch: Faszination E-Reader

Ein großes Potential sieht sie in den digitalen Leseangeboten, sie könnten besonders für leseferne Jugendliche "ein Türöffner" sein. "E-Reader und E-Books lösen eine große Anfangsbegeisterung aus", so Simone Ehmig, außerdem sei die Hemmschwelle niedriger, da vielen Kindern und Jugendlichen die digitalen Medien vertrauter sind als ein gedrucktes Buch.

Lesen durch Schreiben

Claudius Nießen, Geschäftsführer am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, hat die Erfahrung gemacht, dass auch das Schreiben von Geschichten Schüler zum Lesen bringen kann. Als Student organisierte er zusammen mit Kommilitonen Schreibwerkstätten an Schulen - mit sehr positiver Resonanz, gerade auch bei den Jungen. "Die fangen dann an zu lesen, weil sie selbst was erzählen wollen", so Nießen. Meistens gehe beim Schreiben irgendetwas schief oder funktioniere nicht und dann werde nachgeguckt, wie jemand anders das gelöst hat. "Ganz viele Ideen für das Schreiben kamen über das Lesen", so Nießen - eine gewisse Grundfertigkeit bei den Schülern vorausgesetzt. 

Von Vorlesestunden, bei denen Prominente in eine Schule kommen und den Schülern eine Geschichte vorlesen, hält er wenig. "Ich glaube, das ist für den Politiker an dieser Stelle attraktiver wegen des Zeitungsbildes, als dass es sich nachhaltig auf das Leseverhalten der Kinder auswirkt." Dem stimmt auch Tina Meier von der Finkenberg-Schule zu. Sie hat mit solchen Projekten allerdings auch schon positive Erfahrungen gemacht. "Es kommt immer sehr auf die Leute an", sagt sie und erzählt von einem Manager, der sich nach seinem ersten Besuch an der Schule dauerhaft engagierte. "Er ist dann  - wenn er nicht auf Geschäftsreise war - einmal die Woche regelmäßig gekommen und hat mit drei bestimmten Schülern gelernt." Aber ein solches Engagement ist eben eher die Ausnahme.

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