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Europa

Wenn aus Sport Politik wird

Wegen des Umgangs mit Ex-Regierungschefin Timoschenko drohen immer mehr Politiker, nicht zur Fußball-EM in die Ukraine zu reisen. Solche Sport-Boykotts gab es schon öfter, ihr Sinn ist umstritten.

Jeden Tag äußern sich Politiker, aber auch bekannte Persönlichkeiten aus Sport, Medien und Kultur, zu einer Teilnahme oder Nicht-Teilnahme an der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine - als Zuschauer wohlgemerkt. Viele wollen die Spiele boykottieren, die bei der gemeinsam von Polen und der Ukraine ausgetragenen EM in ukrainischen Stadien stattfinden.

Die Boykott-Drohungen sind eine Reaktion auf die siebenjährige Gefängnisstrafe, zu der die Oppositonspolitikerin Julia Timoschenko verurteilt wurde sowie auf deren Haftbedingungen. Das Urteil gegen die ehemalige Regierungschefin gilt als politisch motiviert. Bisher hat der Präsident der Ukraine, Viktor Janukowitsch, sich eine Einmischung aus dem Ausland verbeten. Wird sich seine Politik ändern, wenn die Boykottaufrufe lauter werden?

Boykottüberlegungen zur Nazizeit

Wolfgang Grenz, Generalsekretär Amnesty International Deutschland (Foto: dpa)

Kein Boykott-Aufruf: Wolfgang Grenz von Amnesty International

Mit dem Boykott einer Sportveranstaltung zu drohen, um politischen Druck auszuüben, ist keine neue Entwicklung: "Diskussionen gab es schon bei den Olympischen Spielen 1936", sagt Wolfgang Grenz, Generalsekretär von Amnesty International Deutschland - allerdings nur in den USA. Doch die Vereinigten Staaten nahmen teil und schickten ihre Sportler nach Nazi-Deutschland. Über die Andeutungen eines Boykotts ging es damals nicht hinaus.

Dies änderte sich bei den Olympischen Spielen in Melbourne 1956. Gleich mehrere Länder boykottierten diese - und das aus ganz unterschiedlichen Gründen, für die Gastgeber Australien gar keine Verantwortung trug. So sagten Spanien und die Schweiz ihre Teilnahme wegen der Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn ab, während Ägypten, Kambodscha, der Libanon und der Irak den Spielen aus Protest gegen die israelische Besetzung der Sinai-Halbinsel fernblieben.

Einen deutlich weiter gehenden Boykott gab es zur Hochzeit der Apartheid in Südafrika in den 1970er-Jahren. Das Land wurde seinerzeit von vielen internationalen Sportereignissen ausgeschlossen. Dies habe die Regierung durchaus zum Nachdenken angeregt, sagt Jürgen Mittag, Professor für Sportpolitik an der Deutschen Sporthochschule Köln: "Es sind Aussagen von südafrikanischen Politikern dokumentiert, die zum Ausdruck bringen, dass die Sportboykotte der Reputation aber auch der politischen Situation Südafrikas mehr geschadet haben als die nicht ganz unerheblichen Wirtschaftsboykotte", so Mittag im DW-Interview.

Hier habe der Boykott, im Gegensatz zu dem von Melbourne, etwas bewirkt - auch wenn man es nicht wirklich messen oder quantifizieren könne. Allerdings wurde Südafrika eben nicht nur bei einer einzelnen Veranstaltung und nicht nur von wenigen Ländern boykottiert - auch das ist eine mögliche Erklärung für die größere Wirkung.

Die 1980er-Jahre als Boykott-Hochphase

Ein weiterer Anlass, Sport und Politik zu vermischen, war der Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan Ende 1979. Aus Protest sagten mehr als 40 Länder ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen in Moskau im Jahr 1980 ab - darunter auch Deutschland und die USA. Letztendlich waren nur 81 Länder in der russischen Hauptstadt dabei.

Michael Vesper, Generalsekretär Deutscher Olympischer Sportbund (Foto: dapd)

Michael Vesper: Ein Boykott bringt nichts

Kurze Zeit später bot sich mit den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles die Chance zur Revanche. Die nutzte die Sowjetunion - und blieb, zusammen mit rund einem Dutzend Bruderstaaten, dem Sportgroßereignis in der US-Westküsten-Metropole fern. Offiziell wurde dies mit einer angeblich nicht gewährleisteten Sicherheit der Sportler begründet.

Zwei massive Boykotte - mit begrenzter Wirkung, sagen Experten. "Wir wissen von den Boykotten der 1980er Jahre, 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles, dass Sportboykotte doch eher begrenzt Wirkung zeigen", sagt Sportpolitologe Jürgen Mittag. Der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Michael Vesper, wird noch deutlicher: "Ein Boykott - das hat der Olympia-Boykott von 1980 gezeigt und auch der von Los Angeles 1984 - hilft nicht weiter. Er bringt nichts." Vielleicht ist das der Grund, warum es danach keine wirklich großen Boykotte mehr gegeben hat - dazu aufgerufen wurde hingegen oft.

Peking 2008

Menschen vor dem Olympiastadion in Peking (Foto: EPA)

Peking 2008: Keine Stärkung der Menschenrechte

So waren auch vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 Aufrufe laut geworden, die Teilnahme abzusagen - vor allem wegen des gewaltsamen Vorgehens der chinesischen Führung in Tibet, aber auch generell wegen Menschenrechtsverletzungen in China. Es gab Proteste und Demonstrationen in verschiedenen Großstädten rund um den Globus - nachhaltig geändert hat sich allerdings nichts. "Es gab ja gewisse Hoffnungen im Umfeld der Olympischen Spiele in Peking. Die sind zerstoben", resümiert Michael Rediske, Vorstandssprecher von Reporter ohne Grenzen in Deutschland.

Dabei habe das Internationale Olympische Komitee im Rahmen der Vergabe der Spiele nach Peking versucht, auf eine Stärkung der Menschenrechte hinzuwirken, erläutert Wolfgang Grenz von Amnesty International: "Da hat das Internationale Olympische Komitee von den Chinesen die Zusagen bekommen, die Menschenrechtssituation würde sich verbessern. Die haben es dann allerdings vergessen, diese Zusage verbindlich und anhand von Kriterien dann auch überprüfbar zu machen." Weder die Vergabebedingungen noch die Boykottaufrufe konnten die chinesische Regierung offenbar zu nachhaltigen Veränderungen bewegen.

Die Ukraine und die Europameisterschaft 2012

Ukrainischer Präsident Viktor Janukowitsch (Foto: dpa)

Bekommt Druck aus Europa: Viktor Janukowitsch

Bleibt die Frage, ob die aktuellen Boykott-Aufrufe im Hinblick auf die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine und Polen die ukrainische Regierung zum Umdenken bewegen könnten. Amnesty International geht nicht davon aus, dass ein Boykott viel bringen würde, und ruft daher selber auch nicht dazu auf. Viel wichtiger sei, dass "die Menschen, die in die Ukraine kommen, auf die Situation hinweisen und durch den öffentlichen Druck zu einer Verbesserung der Menschenrechtssituation beitragen", sagt Amnesty-Deutschland-Generalsekretär Grenz.

Eine ähnliche Meinung vertritt auch der Deutsche Olympische Sportbund. Generaldirektor Michael Vesper findet es "besser, wenn man hinfährt und Termine mit Oppositionellen macht, mit diesen Menschen spricht, Frau Timoschenko besucht. Ich glaube, dass das für die Machthaber unangenehmer ist, als wenn man einfach nur wegbleibt."

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