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Politik im Unterricht

Wenn aus Spaß Politik wird

Wie den Hunger in Ostafrika beenden? Und wie die Flüchtlingskrise lösen? Diese Fragen stellten sich über hundert Bonner Jugendliche. Was als Politiksimulation beginnt, wird einige von ihnen noch lange beschäftigen.

Vor dem Sitzungssaal im Bonner Stadthaus herrscht aufgeregtes Stimmengewirr. Die Schüler des Bonner Friedrich-Ebert-Gymnasiums warten darauf, dass die Türen sich öffnen. Sie tragen schwarze Sakkos, weiße Hemden oder Blusen, manche sogar Krawatte. Denn der Anlass ist hochoffiziell: Gleich werden sie zu Abgeordneten, der Ratssaal wird zum Europäischen Parlament.

Wo sonst Bonner Lokalpolitik diskutiert wird, stehen dieser Tage die drängendsten Probleme der Europäischen Union auf dem Programm: Die Hungersnot in Ostafrika, die Beziehung zur Türkei, der internationale Terrorismus. Eine Woche lang schlüpfen 135 Jugendliche zwischen 14 und 16 in die Rolle derjenigen, die in Brüssel Politik machen, werden vorübergehend zu französischen, ungarischen oder griechischen Abgeordneten. "Modell Europa Parlament" nennt sich dieses Simulationsspiel.

Brunnen für Ostafrika

Die Debatte im Plenum beginnt mit Ostafrika, wo derzeit Millionen Menschen unter den Folgen von Dürre und bewaffneten Konflikten leiden. Die Jugendlichen fragen sich: Was kann die EU dagegen tun? Eine Gruppe von Schülern stellt ihre Resolution vor, erarbeitet in stundenlangen Ausschusssitzungen. Man wolle Brunnen und Pipelines bauen, ein Freihandelsabkommen mit den ostafrikanischen Staaten schließen und die EU als "passiven Streitschlichter" in der Region einsetzen. Eine Schülerin, vorübergehend irische Parlamentarierin, bringt die Stoßrichtung des Vorschlags auf den Punkt: "Wir möchten den Ländern helfen, ihre Problem selbst zu lösen." Der Politikersprech sitzt.

Bonn Friedrich-Ebert-Gymnasium (DW/Nina Niebergall)

Einmal abstimmen, bitte: Mit den blauen Schildern zeigen die Bonner Schüler, ob sie dafür oder dagegen sind

Nun ist es an den Jugendlichen im Plenum, einzelne Punkte zu kritisieren, in Frage zu stellen, zu verbessern. Vieles ist den Neuntklässlern unklar. "Welche Truppen sollen dafür verantwortlich sein? Es gibt keine EU-Armee", bemängelt einer. "Wie erkennt man, wo Korruption herrscht?", fragt ein anderer. Und: "Haben die Länder kein Problem damit, wenn man Pipelines durch ihre Länder baut?"

Ein Präsidium achtet darauf, dass während der Debatte die Formalia eingehalten werden. Man siezt sich und behandelt sich gegenseitig respektvoll. Änderungsanträge müssen formell eingereicht, beim Abstimmen das richtige Schild hochgehalten werden. Schließlich simulieren die Schüler echte Diplomatie. Und die ist nicht immer bequem.

Bonn Friedrich-Ebert-Gymnasium (DW/Nina Niebergall)

Politiklehrer Markus Mattern: "Schüler für Politik interessieren"

Viel verhandelt, viel gelernt?

"Die Schüler erleben hier, wie anstrengend es sein kann, ein Papier auszuarbeiten, das eine gemeinsame Position darstellen soll, und wie langwierig", erklärt Markus Mattern. Der Politiklehrer betreut das Projekt an dem Bonner Gymnasium. "Wir haben an unserer Schule das Fach Politik nur noch in begrenztem Maße. Das Projekt soll die Schüler deshalb für das Thema interessieren."

Zumindest vorläufig scheint das Vorhaben des Lehrers aufzugehen. "Wir haben viel über die jetzige politische Situation in Europa gelernt", sagt etwa der vierzehnjährige Etienne. Auch diskutieren und argumentieren könne er nun besser als vorher. Ein anderer, Fiete, berichtet, er habe sogar nachmittags mit Freunden über die Themen geredet, die sie morgens in ihrem simulierten Europäischen Parlament besprochen hätten. 

Bonn Friedrich-Ebert-Gymnasium (DW/Nina Niebergall)

Ben setzt sich dafür ein, das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei aufzulösen - zumindest in der Simulation

Auch Ben meint: "Ich habe auf jeden Fall gelernt, wie man sich mit politischen Themen befasst." Auf dem Podium hält er eine Rede zum Flüchtlingsabkommen der EU mit der Türkei. Es sei ihm wichtig gewesen, auf die Situation der Menschenrechte dort aufmerksam zu machen, erzählt er. Ob er sich langfristig politisch engagieren wolle? Das könne er sich durchaus vorstellen, sagt Ben. 

Vom Planspiel in die echte Politik

Luise nimmt bereits zum vierten Mal am "Modell Europa Parlament" teil, war sogar in Berlin, um dort mit Schülern aus ganz Deutschland über europäische Politik zu diskutieren. Zusammen mit Martin und Gesine bildet die Elftklässlerin das Präsidium. Diese Aufgabe fällt denjenigen zu, die schon Erfahrung mit der simulierten Diplomatie haben. Erst bei diesem Projekt habe sie gemerkt, "dass Politik Spaß machen und auch für Leute in unserem Alter nachvollziehbar sein kann", erzählt Luise.

In den Nachrichten werde "immer vom Schengen-Abkommen oder Dublin III geredet. Oft kann man den Berichten gar nicht folgen, weil man nicht versteht, was das ist." Inzwischen weiß Luise es. "Seitdem interessiere ich mich viel mehr für Politik." So geht es auch Martin und Gesine. Die beiden sind mittlerweile Mitglied in politischen Parteien - auch wenn diese manchmal zu "altbacken und traditionell" seien, wie die sechzehnjährige Gesine es ausdrückt.

Deutschland | Modellspiel Europa Parlament (DW/N. Niebergall)

Sie spielen Politik nicht nur, sondern beteiligen sich aktiv: Gesine, Martin und Luise (von links nach rechts)

Sich parteipolitisch engagieren - das kommt für viele Schüler des Bonner Gymnasiums nicht in Frage. So sehr interessierten sie sich dann doch nicht für Politik, sagen sie. Dann gibt es auch diejenigen, die gelangweilt in der hintersten Reihe rumhängen, während ihre Klassenkameraden leidenschaftliche Reden halten.

Eine Meinung für jeden

Ihr Lehrer Markus Mattern lässt sich davon nicht entmutigen. Auch wenn nur ein paar der Schüler nach der Teilnahme an "Modell Europa Parlament" auf die Idee kämen, eine Zeitung in die Hand zu nehmen oder Nachrichten zu gucken, dann habe es sich schon gelohnt.

Zum Beispiel, wenn mal wieder über die Hungersnot in Ostafrika berichtet wird. Die Resolution, um den Hunger zu bekämpfen, lehnen die Schülerabgeordneten allerdings ab. Die Abstimmung fällt knapp aus. Manch einem geht der Vorschlag nicht weit genug. Andere finden, die EU solle sich da nicht so sehr einmischen. Und wieder anderen sind die Ideen schlicht zu unrealistisch. Eine Meinung haben sie am Ende alle.