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Wirtschaft

Weniger Studenten – aber rasch, bitte!

In Deutschland bleiben Lehrstellen zunehmend unbesetzt, weil es den Nachwuchs stattdessen an die Hochschulen zieht. Die Wirtschaft schlägt Alarm. Ihr gehen die Fachkräfte aus.

Für immer mehr Eltern steht gar nicht mehr in Frage, dass ihre Kinder ein Gymnasium besuchen. Abitur muss sein, eröffnet die "Allgemeine Hochschulreife", die der Schulabschluss attestiert, doch alle Möglichkeiten für die Berufswahl. Schließlich sollen die Kinder gutes Geld verdienen und Karriere machen. Waren es im Jahr 2000 noch 37 Prozent der Schüler, die mit dem Abitur abschlossen, so erlangt inzwischen jeder zweite die Hochschulreife.

Entsprechend stark nimmt seit Jahren auch die Zahl der Studienanfänger zu. Zählte man 1993 noch 279.000, so sind es seit 2011 jährlich mehr als eine halbe Million. Das geht vor allem zu Lasten der beruflichen Ausbildung. Inzwischen werden jedes Jahr mehr Erstsemester begrüßt, als Lehrlinge in Betrieben eingestellt.

Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, wundert das nicht. Die vergangenen drei bis vier Jahrzehnte seien zu Gunsten von Hoch- und Höchstqualifizierten verlaufen. "Das sieht man an Löhnen und Gehältern, an den Beschäftigungsaussichten und den Arbeitslosenquoten – alle diese Indikatoren zeigen, das waren die Gewinner." Wenn Eltern ihren Kindern heute empfehlen würden, auf die Universität zu gehen, dann sei das absolut gerechtfertigt, so Möller.

Elektroingenieur statt Elektrotechniker

Für die Wirtschaft hat dieser Befund verheerende Konsequenzen. Bereits seit sieben Jahren gibt es in Deutschland mehr unbesetzte Ausbildungsstellen als unversorgte Bewerber. Das trifft besonders stark jene Branchen, die die sogenannten MINT-Qualifikationen, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik voraussetzen. Wer sich für diese Bereiche interessiert, studiert heute lieber Elektrotechnik, als dass er eine Ausbildung zum Elektroinstallateur macht.

Wenn die Auszubildenden ausbleiben, dann geht den Unternehmen aber unausweichlich der Nachwuchs aus. Das Bundeswirtschaftsministerium hat errechnet, dass im Jahr 2020 bereits 670.000 Fachkräfte im MINT-Bereich fehlen werden. "Das ist alarmierend", warnt die parlamentarische Staatssekretärin Brigitte Zypries. Die Politik sieht Handlungsbedarf und sucht mit der Wirtschaft nach Konzepten, um die berufliche Ausbildung wieder attraktiver zu machen. Für Zypries bedeutet das in erster Linie, bessere Karriereaussichten zu eröffnen. "Da müssen die Unternehmen auch in die Pflicht genommen werden, damit die Perspektive nicht ist: Geselle, Meister und dann stehst du da irgendwo von Morgens bis Abends in der Werkstatt rum."

Deutschland Duale Ausbildung Azubis in Sindelfingen Archiv 2013

Sackgasse Werkstatt?

Karriere auch ohne Studium?

Doch dafür müsste sich viel ändern. "Wir haben als Unternehmen unsere Karrieresysteme akademisiert", warnt Thomas Sattelberger, ehemaliger Personalchef bei der Telekom und heute Sprecher des nationalen MINT-Forums, zu dem unter anderem die Hochschulrektorenkonferenz, Arbeitgeberverbände und die Industrie- und Handelskammern zählen. Wenn es nicht gelinge, Karrierewege auch ohne Studium zu eröffnen, dann gebe es für Eltern und Kinder keinen Grund, in Zukunft anders zu entscheiden als heute. "Im Mittelstand besetzen die Absolventen von Fachhochschulen inzwischen schon das mittlere Management und so werden wir das Thema nicht drehen."

Der Blick auf Bildungsrendite, gesellschaftlichen Status und Aufstiegsperspektiven führt dazu, dass auch diejenigen an die Hochschulen drängen, die dazu gar nicht unbedingt befähigt sind. Das zeigen die hohen Abbruchquoten. An den Universitäten bricht jeder dritte, an den Fachhochschulen jeder vierte Student sein Studium ohne Abschluss ab. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka will das ändern. "Wir brauchen Studierende, aber es sollten die studieren, die es schaffen, die dafür geeignet sind."

Früh übt sich...

Wanka ist davon überzeugt, dass schon in der Schule der Grundstein für den späteren Ausbildungsweg gelegt wird. Deswegen hat ihr Ministerium in Zusammenarbeit mit dem Bundesarbeitsministerium 1,3 Milliarde Euro bereitgestellt, um Schüler in den Jahrgangsstufen sieben und acht intensiver zu beraten. Im Gespräch mit Jugendlichen sollen in einer Potenzialanalyse deren Stärken festgestellt und Empfehlungen für drei bis fünf Berufe gegeben werden. Anschließend sollen die Schüler die Möglichkeit bekommen, für zwei bis drei Wochen in diese Berufe hineinzuschnuppern und "sich ein wenig dort auszuprobieren", wie Johanna Wanka sagt.

Mathematikstudent Symbolbild

80 Prozent aller Mathematik-Studenten geben vor dem Abschluss auf

Das persönliche Erleben sei das "A+O", betont auch MINT-Sprecher Sattelberger. "Kognitive Information spricht nur den Kopf an und nicht Herz und Hand." Das gilt vor allem für Gymnasiasten, bei denen berufliche Praktika während der Schulzeit kaum vorgesehen sind. Ministerin Wanka will daher gerade die weiterführenden Schulen stärker in die Berufsberatung einbinden und zwar, bevor bei den Schülern die Entscheidung Beruf oder Studium fällt. "Wenn man sich dann ein Zeugnis anschaut und sieht, bei den hohen Abbrecherquoten wird das nicht klappen, aber es gibt Alternativen im gewerblichen Bereich, die auch die Interessen des Schülers bedienen, dann wirkt das vielleicht."

Migranten gewinnen

Potenzial sieht die Bildungsministerin auch bei Jugendlichen mit Migrationshintergund. Nur 32 Prozent eines Jahrgangs würden in eine betriebliche Ausbildung gehen. "Da versuchen wir auch, mehr Bewusstsein für die Qualität solcher Berufe zu wecken." Bundesweit sollen die Beratungsstellen verdoppelt werden, die sich auch an die Eltern und Großeltern wenden wollen und an Unternehmer mit Migrationshintergund. "Die sind vielleicht die besseren Ansprechpartner, weil sie noch mehr das Vertrauen der Jugendlichen haben."

Am Ende wird es aber vielleicht auch der Markt richten. Arbeitsmarktexperte Joachim Möller warnt davor, dass angesichts von immer mehr Akademikern die Nachfrage nach ihnen in Deutschland mittel- und langfristig stagnieren oder sogar einbrechen könnte. Allerdings lasse sich diese Entwicklung präzise schwer voraussagen, das hänge am Ende auch davon ab, wie es mit der Digitalisierung vorangehe. Doch die macht vor kaum einer Branche Halt – was dazu führt, dass sich sogar eine Metzgerei heute auf der Suche nach einem Fachinformatiker machen muss, weil ohne diesen Akademiker kein Onlinevertrieb aufgebaut werden kann.

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