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Fußball

Weniger Polizei-Präsenz bei Bundesligaspielen

Rund um die Bundesligaspiele sorgt die Polizei für Ordnung. Bremen will dafür von den Fußball-Vereinen Geld haben. Nordrhein-Westfalen geht noch weiter: Das Land will weniger Beamte zu den Spielen schicken.

Die Bundesliga startet erst in einigen Wochen in die neue Saison, doch schon vor den ersten brisanten Derbys ist jetzt eine neue Sicherheitsdebatte entbrannt.

Bremen hatte als erstes Bundesland angekündigt,

die Deutsche Fußball-Liga zukünftig an den Polizeieinsätzen bei Risikospielen an den Kosten zu beteiligen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte Bremen daraufhin die Ausrichtung des EM-Qualifikationsspiels am 14. November gegen Gibraltar entzogen. Auch die Deutsche Polizeigewerkschaft schaltete sich in die Diskussion ein und forderte eine jährliche Pauschale von 50 Millionen Euro von den Bundesliga-Vereinen.

Nun zieht Nordrhein-Westfalen nach und kündigt an, das Polizeiaufgebot bei Bundesliga-Vereinen ab sofort zu reduzieren oder sogar ganz abzuziehen. In NRW spielen sechs Erstligavereine (Dortmund, Schalke, Köln, Leverkusen, Mönchengladbach und Paderborn). Nach Plänen von NRW-Innenminister Ralf Jäger sollen Polizisten "lageabhängig nach Möglichkeit verdeckt aufgestellt, beziehungsweise insbesondere in der Begleitung von Fußballanhängern zurückhaltend eingesetzt werden. Bereitschaftspolizei wird anlassunabhängig nicht offen im Stadion gezeigt" werden. Das hieße, dass die Fußballfans zukünftig ohne sichtbare Polizeipräsenz zum Stadion gelangen würden, wo es dann keine Polizei mehr geben wird.

Appell an die Fans

Innenminister Jäger reagiert damit auf den enormen Polizeiaufwand bei Bundesligaspielen bei gleichzeitigem Personalabbau. Über 300.000 Stunden seien Polizisten in der vergangenen Saison bei Bundesligaspielen im Einsatz und ein Drittel aller Einsätze der Hundertschaften seien rund um die Stadien gewesen.

Polizeiaufgebot beim Derby Köln gegen Gladbach (Foto: Ralph Goldmann)

In Zukunft sollen Fußballfans nicht mehr von der Polizei ins Stadion geleitet werden

Nun sollen sich die Fans selbst zügeln und Verantwortung übernehmen. In dem der "BILD" vorliegenden Papier heißt es dazu: "Die Polizei NRW ist sich sicher, dass Sie friedlich und verantwortungsvoll Fankultur leben wollen. Die Polizei NRW geht mit einem Vertrauensvorschuss für Sie in die neue Saison - rechtfertigen Sie dieses Vertrauen durch friedliches Verhalten." Auch die Vereine sollen für die Sicherheit sorgen, etwa mit "Volunteers" oder Ordnern, die die Fans auf dem Weg zu Stadion begleiten sollen. "Gespräche mit Fans haben mir gezeigt, dass sie bereit sind, mehr Verantwortung zu übernehmen. Das können sie jetzt unter Beweis stellen", erklärte Jäger in einer Pressemitteilung. "Es ist unser Ziel, gemeinsam für ein friedliches Fußballerlebnis zu sorgen. Nach Ablauf des Pilotprojekts werden wir sehen, ob uns dies gelungen ist."

"Könnte zum Vorteil für alle Beteiligten sein"

Bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) stieß Jäger auf Verständnis. "Wir waren im Vorfeld nicht über entsprechende Konzepte informiert. Die Überlegungen des nordrhein-westfälischen Innenministeriums sind aber im Grundsatz durchaus nachvollziehbar", ließ Ligapräsident Reinhard Rauball mitteilen. Jäger habe ihm "in einem persönlichen Gespräch glaubhaft versichert, dass es nicht darum geht, die Polizei aus dem öffentlichen Raum zurückzuziehen". Hendrik Große Lefert, der Sicherheitsbeauftragte des DFB erklärte: "Es ist Sache der Polizei einzuschätzen, mit welchen Einsatzkonzepten und welchem Personalaufwand sie die Spiele begleitet. Für uns ist dabei die klare Zusage entscheidend, dass die Sicherheit auch künftig durch die bereitgestellten Einsatzkräfte gewährleistet wird."

Vonseiten der Fanvertreter gab es positive Signale: So wie es sich anhöre, sei es eine gute Sache, weil sie auf Forderungen von Fanvertretungen einginge, sagte Volker Goll von der Koordinierungsstelle Fanprojekte der Deutschen Welle. Es erinnere an das alte "Hannover-Modell", mit welchem seinerzeit die Polizei in Hannover gute Erfahrungen gemacht hatte. "Es gibt den Fans mehr Verantwortung für den Ablauf rund um den Spieltag und könnte dazu beitragen, dass Polizeieinsätze mit mehr Differenzierung durchgeführt werden. Dies könnte zum Vorteil für alle Beteiligten sein", sagte der stellvertretende KOS-Leiter. "Diejenigen Fans, die sich sehr bewusst mit ihrem Fansein auseinandersetzen und engagiert für ihre Freiräume einstehen, werden durch so ein Signal gestärkt. Ich gehe davon aus, dass man das grundsätzlich als ein positives Signal aufnimmt."

NRW plant zunächst eine Pilotphase von vier Spieltagen. Am 4. Spieltag kommt es zum brisanten Derby zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach, das jedoch von den Maßnahmen nicht betroffen sei, betonte Jäger: "Ich sage es ganz deutlich: Einsätze bei Risikospielen bleiben unangetastet. Gleiches gilt für das konsequente Vorgehen gegen Gewalttäter", erklärte der Minister. "Es geht uns allein um die Spiele, die in den letzten drei Jahren ohne Krawalle geblieben sind. Hier wollen wir den Kräfteeinsatz der Bereitschaftspolizei lageangepasst runterfahren."

Gewaltzunahme vorprogrammiert?

Kann das funktionieren? Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in NRW, Arnold Plickert, glaubt das nicht. "Statt gewaltbereite Fußballstraftäter zu isolieren und konsequent strafrechtlich zu verfolgen, ziehen wir uns jetzt auf Hinterhöfe und in Seitenstraßen zurück und überlassen denen die Straße", sagt er der BILD. Das sei völlig inakzeptabel.

Harald Lange Professor an der Universität Würzburg (Foto: oto: David Ebener, dpa)

Professor Harald Lange: "Überflüssiges Säbelrasseln"

Für "überflüssiges Säbelrasseln" hält Harald Lange, Professor am Institut für Fankultur, die aufgekommene Debatte. Die Frage nach der Kostenreduktion sei wichtig und ernst, sagte Lange der Deutschen Welle, aber in Deutschland sei das Herstellen öffentlicher Sicherheit Aufgabe des Staates und damit der Polizei. Eine Finanzierung von Polizei durch Dritte (Private) wäre, etwas das wir in diesem Staat sicherlich nicht haben wollen. Zudem müsste so etwas dann auch auf andere Felder übertragen werden. "Wenn Obama das nächste Mal zum Staatsbesuch kommt, zahlen dann die CIA oder der amerikanische Steuerzahler für dessen Sicherheit und unsere Polizeieinsätze? Wie schaut es bei Parteiveranstaltungen oder Volksfesten aus? Bei Castor-Transporten? Zahlen da die Demonstranten oder zahlen die Atomkraftbetreiber?" Lange appelliert an alle Seiten, dass bei diesem Thema sensibles und offenes Kommunizieren von Nöten sei.

Kritik gab es aus Berlin: Innensenator Frank Henkel hält die Debatte für brisant: "Ich kann den Kollegen aus NRW durchaus verstehen, dass er seine Beamten anders einsetzen möchte. Aber ein Rückzug wäre falsch. Es muss sichergestellt werden, dass der Staat seine Kernaufgaben wahrnimmt." In Berlin gebe es keine entsprechenden Pläne, auch ein Modellprojekt brauche Henkel nicht. Die DFL reagierte zurückhaltend auf den Vorstoß des NRW-Innenministeriums: "Wir waren im Vorfeld nicht über entsprechende Konzepte informiert. Die Überlegungen des nordrhein-westfälischen Innenministeriums sind aber im Grundsatz durchaus nachvollziehbar", ließ Ligapräsident Reinhard Rauball mitteilen. Ralf Jäger habe Rauball in einem persönlichen Gespräch "glaubhaft versichert, dass es nicht darum geht, die Polizei aus dem öffentlichen Raum zurückzuziehen". Die DFL setze "in
Sicherheitsfragen weiter auf einen konstruktiven Dialog mit der Innenministerkonferenz der Bundesländer", hieß es in Rauballs Stellungnahme.

Beispiele aus Europa

In anderen Fußball-Ligen Europas werden die Klubs bereits schon länger zur Kasse gebeten. So bezahlen die französischen Vereine bereits einen Teil der Kosten für Polizei-Einsätze. In der spanischen Primera Division und der englischen Premier League zahlt der Staat für die Einsätze außerhalb des Stadions. In Spanien setzen die Vereine vor allem private Sicherheitsfirmen im Stadion ein, in Großbritannien sind die Vereine komplett für die Sicherheit auf ihrem Privatgelände verantwortlich.

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