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Kultur

Weniger, kürzer, näher - deutsche Urlauber reisen auf Sparkurs

Ganz aufgeben wollen die Reiseweltmeister ihre Leidenschaft nicht. Aber in Zeiten der Finanzkrise sind die Deutschen bei der Planung ihres Urlaubs doch vorsichtiger geworden. Fragen an einen Experten.

Außenaufnahme von Schloss Neuschwanstein im Allgäu (undatiert). Der bayerische Märchenkönig Ludwig II. ließ das prunkvolle Lustschloss 1868-86 nach Plänen des Architekten Riedel im neuromanischen Stil errichten.

Früher Lustschloss, heute Touristenmagnet:Neuschwanstein

DW-WORLD.DE: Wie wirkt sich die Finanzkrise auf das Urlaubsverhalten der Deutschen aus?

ULRICH REINHARDT: Die Krise zeigt sich im Tourismus in dreifacher Hinsicht: es wird kürzer verreist, die Reiseziele liegen zunehmend in Deutschland und knapp die Hälfte der Bevölkerung verreist gar nicht mehr.

Ist dies jetzt aktuell auf die Finanz- und Wirtschaftssituation zurückzuführen, oder hat es ähnliche Trends schon früher gegeben?

Das war natürlich schon vorher spürbar. Vor allem Singles und Rentner zeigen schon länger ein verändertes Reiseverhalten. Jetzt aber sind auch Bevölkerungsschichten betroffen, die traditionell eine hohe Reisefrequenz besitzen - z.B. Familien.

Da müssten doch eigentlich die Campingwagenverkäufer schon vor Freude in die Hände klatschen, oder?

Der Bereich Caravaning boomt ja schon seit längerem. Lange Zeit wurde viel Geld für teure Fahrzeuge ausgegeben. Das entsprach dem Zeitgeist. Allerdings – von einer Renaissance des Camping-Tourismus, bei dem die Touristen wieder mit einem kleinen Zelt los ziehen, kann nicht die Rede sein. Urlaub auf dem Campingplatz wie in den sechziger Jahren, das wird es nicht geben.

Was erwarten Sie denn generell für eine Entwicklung?

Wir glauben, dass dieses Jahr die Reisefrequenz erstmals unter 50 Prozent fallen könnte. Eine so niedrige Quote hatten wir seit den fünfziger Jahren nicht mehr. Daneben werden wir eine weitere Reduzierung der Urlaubsdauer erleben und eine noch stärkere Bedeutung von Reisezielen in Deutschland. Als zusätzliche große Trends werden die Bedeutung der demografischen Entwicklung und des Klimawandels eine große Rolle spielen.

Wie sieht denn die Zukunft des viel gerühmten Wellness-Urlaubs aus?

Bei Wellness ist an sich der Höhepunkt schon überschritten. Der Begriff ist einfach zu inflationär gebraucht worden. Jedes kleine Hotel, das eine Duftlampe aufstellt, behauptet von sich, es habe einen Spa-Bereich. Stattdessen glauben wir jedoch an eine zunehmende Bedeutung des Medical-Wellness auf Reisen - fast wie der Kururlaub in den siebziger Jahren.

Sehen Sie weitere Trends?

Ich glaube, dass Kultur im Tourismus immer wichtiger wird. Und damit meine ich nicht nur Hochkultur in Museen oder Theater, sondern auch breitenkulturelle Angebote wie Festivals oder Straßenmusik. Auch der Kreuzfahrttourismus wird weiterhin Zuwachsraten verzeichnen, seit Jahren gibt es hier jährliche Steigerungsraten im zweistelligen Bereich. Bei den ausländischen Reisezielen sehe ich eine Renaissance bei Österreich. Es ist leicht erreichbar, man spricht dort deutsch und Kultur und Kulinarik stimmen ebenso wie Atmosphäre und Gastfreundschaft.

Und denken Sie, die Deutschen bleiben bei ihrem Leitspruch: am Urlaub sparen wir zuletzt?

Ja. Die Bürger wollen auch in Zukunft wissen, wofür sie 50 Wochen im Jahr arbeiten - um eben für zwei Wochen in den Urlaub zu entschwinden. Vergessen wir nicht: Urlaub ist nicht nur Erholung, sondern auch immer ein Stück Gegenpol zum Alltag. Zudem weisen alle Untersuchungen der BAT-Stiftung nach: Der Urlaub kommt dem Traum vom Glück am nächsten.

Interview: Marlis Schaum

Redaktion: Cornelia Rabitz

Dr. Ulrich Reinhardt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am BAT-Freizeitforschungsinstitut in Hamburg.