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Wissen & Umwelt

Weniger Gift im Kindergarten

In Spielzeugen und Möbeln stecken Chemikalien. Einige stehen im Verdacht, Krebs und Unfruchtbarkeit auszulösen. Die Stadt Köln will Kinder in Schulen und Kindergärten schützen und hat Regeln für den Einkauf festgelegt.

Bild: Fotofreundin

Kleinkind mit Holzspielzeug

"Es geht uns um Schadstoffminimierung", sagt Professor Gerhard Wiesmüller vom Gesundheitsamt der Stadt Köln. Die neuen Kriterien, die für den Einkauf von Möbeln, Spielzeug- und Sportgeräten jetzt festgelegt wurden, gelten für über 350 städtische Kindergärten und Grundschulen in Köln.

Die Regeln für den Einkauf enthalten Altes und Neues: Die Produkte müssen wie bisher frei von Schwermetallen wie Cadmium, Blei oder Quecksilber sein und dürfen keine gefährlichen Holzschutzmittel enthalten. Neu ist, dass die Produkte jetzt auch frei von Bisphenol A und einigen Phthalaten sein sollen. Die beiden Zusatzstoffe sind weit verbreitete Chemikalien und kommen in vielen Weichmachern von Kunststoffen vor. Sie stehen im Verdacht, unter anderem Krebsleiden, Fettsucht und Unfruchtbarkeit zu fördern.

Prävention für die Gesundheit

Bei allen drei handelt es sich um Schaumstoffbausteine mit phthalatfreiem Kunstlederbezug, zertifiziert nach Öko-Tex Standard 100. copyright: Wehrfritz

Diese Spielgeräte sind unbedenklich. Sie haben keine Phthalate.

"Diese Vorgabe ist meines Wissens einzigartig", erklärt Wiesmüller, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin. Da die Stadt Köln die Einkaufs­kriterien auf ihrer Webseite veröffentlicht hat, können sich auch private und kirchliche Träger von Kindergärten und Schulen daran orientieren – und auch sonst jeder. "Unsere Kinder können künftig freier von Schadstoffen spielen und tollen", freut auch sich auch die Kommunalpolitikerin Kirsten Jahn, die sich vor allem für Kinder in Köln engagiert.

Der Stadt geht es um Vorsorge. Bisphenol A und die umstrittenen Phthalate sind akut zwar kaum giftig, wirken aber auf das Hormonsystem, können auch Leber und Niere schädigen und die Entwicklung von Kleinkindern stören. "Und sie können schon in geringsten Mengen wirken", ergänzt Sarah Häuser vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Sie sieht Handlungsbedarf.

Auf dem Foto ist Sarah Häuser, Chemieexpertin vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Sie warnt vor gefährlichen Weichmachern in Kunststoffen Copyright: BUND

Sarah Häuser warnt vor den Gefahren

Hausstaubproben aus 223 Kindergärten, die der BUND 2010 und 2011 untersuchen ließ, zeigen, dass die Einrichtungen im Schnitt fast dreimal höher mit Phthalaten belastet sind als ein durchschnittlicher Haushalt. Die Auswertung zeige auch, so Häuser, wie die Belastung niedrig gehalten werden kann. "Verzichtet eine Einrichtung etwa auf PVC-haltige Fußbodenbeläge und Einrichtungsgegenstände, finden die Prüfer tendenziell weniger giftige Weichmacher."

Kölner Einkaufspraxis ist zukunftsweisend

Köln ist bereits Vorreiter. So werden in öffentlichen Gebäuden seit 1990 keine PVC-Böden und PVC-Fenster mehr verbaut: Der Grund: Im Brandfall bilden sich krebserregende Dioxine. Mit den neuen Einkaufskriterien geht die Stadt einen Schritt weiter – jedoch nicht sofort: "Die Kriterien gelten für Neuanschaffungen", so Wiesmüller. Noch vorhandene Spielzeuge, Stühle und Turnmatten, die diese kritischen Substanzen enthalten, sollen also schrittweise ersetzt werden.

Die Kölner Vergabekriterien seien zukunftsweisend, so Häuser. Sie entsprächen einem fast vollständigen Verbot des Kunststoffs PVC, dem solche Phthalate beigemischt sind. "Köln setzt damit den Trend fort, diese hormonell wirkenden Substanzen in Produkten zu verbieten", so Häuser.

Baby mit Trinkflasche (Foto: Zsolt Bota Finna)

Bisphenol A wirkt wie ein Hormon. In der EU ist es deshalb seit 2012 in Babyflaschen verboten.

Schutz der Gesundheit im Vordergrund

In der EU gibt es inzwischen einige Verbote für problematische Zusatzstoffe. In der Spielzeugrichtlinie von 2007 wurden einige gefährliche Weichmacher für Kunststoffe verboten und das äußerst umstrittene Bisphenol A ist in der EU seit 2012 aus den Babyflaschen verbannt. Frankreich geht inzwischen schon einen Schritt weiter. Ab 2014 dürfen in Frankreich sämtliche Lebensmittel-Verpackungen für Kleinkinder kein Bisphenol A mehr enthalten. Die französische Behörde für Lebensmittelsicherheit hatte sich für den Gesundheitsschutz stark gemacht, die Nationalversammlung votierte einstimmig für eine entsprechende Gesetzesvorlage.

Spielzeuge und Turngeräte ohne die problematischen Zusatzstoffe gibt es bereits. So vertreibt die Süddeutsche Firma Wehrfritz Bauklötze aus Schaumstoff, die mit Polyestergewebe in Kunstleder-Qualität bezogen sind. Diese phthalat-freien Klötze sind 20 bis 25 % teurer als die mit problematischem PVC-Bezug. Und die Firma Bänfer aus dem hessischen Bad Wildungen verkauft Turnmatten, deren Schaumstoffkern mit Nylon oder Baumwolle bezogen sind. Diese Matten sind etwa 15 bis 20 Prozent teurer als die mit PVC-Bezügen.

Die Chemieexpertin Häuser vom Bund für Umwelt und Naturschutz weiß, dass in Zeiten klammer Kassen die Versuchung groß ist, vor allem auf den Preis zu achten. "Doch die Gesundheit der Kinder sollte es den Kommunen Wert sein, möglichst schadstofffreie Ausstattungsgegenstände anzuschaffen."

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