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Asien

Weniger Arbeit, mehr Hunger – Frauen in Südasien

In Indien haben rund 96% der weiblichen Arbeitskräfte unsichere Arbeitsverhältnisse, ohne Vertrag, Krankenversicherung oder Kündigungsschutz. Die Finanzkrise trifft sie besonders hart.

Indische Frauen bei der Teeernte (Foto: ap)

Indische Frauen bei der Teeernte.

In Indien arbeiten laut Statistik rund 124 Millionen Frauen. Doch nur etwa vier Prozent von ihnen haben vertraglich abgesicherte Jobs in Unternehmen oder Behörden. Die überwältigende Mehrheit, rund 96% der weiblichen Arbeitskräfte, verdienen ihren Lebensunterhalt als Hausangestellte, Erntehelfer- oder Bauarbeiter, als Heimarbeiter-, Straßenverkäufer- oder Müllsammlerinnen. In unsicheren Arbeitsverhältnissen, ohne Vertrag, ohne Krankenversicherung, ohne Kündigungsschutz sind sie dem Markt mit seinen Konsum- und Nachfrageschwankungen ausgeliefert.

Nachfrage schwindet, Konkurrenz wächst

Die härtesten Einbrüche seit dem Beginn der Finanzkrise spüren die Müllsammler. Es sind meist Frauen und Kinder. Sie leben davon, in den Straßen Papier, Flaschen und Metall aufzulesen und sie zum Wiederverwerten zu verkaufen.

Müllsammler in Kolkata (Foto: dpa)

In den Slums von Kolkata, dem ehemaligen Kalkutta, lebt alles vom Müll.

Als die Finanzkrise begann, brachen die Müllpreise in der ganzen Welt ein. In Indien sanken sie um 50 Prozent. "Die Papier- und Abfallsammlerinnen, die sehr hart arbeiten und sowieso nur wenig verdienen, haben die Hälfte ihrer Einkommen verloren", sagt Renana Jhabvala von Indiens Frauengewerkschaft SEWA, der "Assoziation Selbständiger Frauen". "Diese Frauen gehören zu den Ärmsten der Armen. Sie sind sehr schlimm betroffen."

Ähnlich ergehe es Indiens Straßenverkäuferinnen, berichtet die Gewerkschafterin. In Zeiten der Rezession kaufen die Menschen weniger. Gleichzeitig wächst die Konkurrenz - durch Frauen, die ihren Job verloren haben oder solche, die ihr Einkommen zusätzlich aufbessern müssen.

Abrutschen in die Schattenwirtschaft

Textilarbeiterinnen in Bangladesch (Foto: dpa)

Textilarbeiterinnen in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch

Im Nachbarland Bangladesch fürchten viele der rund zwei Millionen Textilarbeiterinnen, in die Schattenwirtschaft abzurutschen. Zwar haben die konkurrenzlos niedrigen Produktionspreise bisher die ganz großen Einbrüche in dieser Branche verhindert, sagt Dirk Saam von der Hilfsorganisation Netz e.V. Doch der Druck wächst. „Wir hören, dass Fabrikbesitzer aus Bangladesch auf Druck internationaler Einkäufer vereinbarte Preise zurücknehmen und sich niedrigere Preise diktieren lassen müssen. Zahlungen werden verzögert. Und dieser ganze Druck wird weitergegeben an die Arbeiterinnen: mit noch späteren Auszahlungen, mit noch niedrigeren Löhnen."

Stille Krise

Studien zeigen, dass erst das zusätzliche Einkommen der Frauen vielen armen Familien ermöglicht, ausreichend Nahrung zu kaufen und die Kinder in die Schule zu schicken. Fällt ihr Lohn weg, sind die Folgen für die Familien schwerwiegend.

Indische Arbeiterin auf einer Baustelle in Neu Delhi (Foto: ap)

Indische Arbeiterin auf einer Baustelle in Neu Delhi.

"Der erste Effekt ist, dass sie weniger essen", sagt Renana Jhabvala. „Sie können sich die nahrhaften Lebensmittel nicht mehr leisten." Als nächsten Schritt müssen die Frauen ihre Kinder aus der Schule nehmen um das Schulgeld zu sparen. Am Ende dann bleibe vielen nur noch, sich zu verschulden.

In den vergangenen zwei Jahren sind rund 100 Millionen Menschen in Südasien zusätzlich in Hunger und Armut abgerutscht – als unmittelbare Folge der Nahrungsmittel-Preiskrise von 2008 und der nachfolgenden globalen Rezession. Gabriele Köhler von der Kinderhilfsorganisation Unicef betont jedoch, dass die vorherrschende Armut in Südasien durch die Krise nur verstärkt wurde.

"Man habe viel zu wenig beachtet, dass immer noch ein Drittel der Bevölkerung in Südasien unterhalb der Armutsgrenze lebt, kritisiert sie und spricht von einer „Stillen Krise": "Sowohl die Eliten, als auch die Betroffenen, nehmen dies hin als einen Dauerzustand, der sich scheinbar nicht ändern lässt."

Sozialversicherung gefordert

Aktivistinnen fordern die Regierungen Südasiens auf, Menschen in informellen Arbeitsverhältnissen besser abzusichern. Auf Druck der großen Frauengewerkschaft SEWA hat die indische Regierung inzwischen ein Gesetz über eine entsprechende Sozialversicherung erlassen.

SEWA selbst gründete eine Genossenschafts-Bank, die Frauen Mikrokredite und Spareinlagen ermöglicht. Und sie bietet ihren 1,1 Millionen Mitgliedern auch eine Krankenversicherung an. So können viele Frauen selbst für Rücklagen sorgen, die ihnen helfen, wenigstens individuelle Krisen zu überbrücken.

Autorin: Ana Lehmann
Redaktion: Thomas Latschan